Blutspenden retten Leben und werden dennoch oft aufgeschoben. Vor allem im Sommer geraten die Reserven regelmäßig unter Druck. Zum Weltblutspendetag am 14. Juni zeigt sich, warum moderne Konzepte, neue Regeln und mehr Aufklärung entscheidend für die Versorgung von Patientinnen und Patienten sind.
Mythen, Fakten, Zukunft: Was sich bei der Blutspende verändert
Der 14. Juni ist Weltblutspendetag, ein Anlass, der jedes Jahr daran erinnert, wie unverzichtbar Blutspenden für die medizinische Versorgung sind. Denn Blut lässt sich bis heute nicht künstlich herstellen. Ob nach Unfällen, bei Operationen, während Krebstherapien oder bei chronischen Erkrankungen, jeden Tag werden in Deutschland tausende Konserven benötigt. Gleichzeitig geraten die Reserven immer wieder unter Druck, besonders in den Sommermonaten.
„Viele Menschen verreisen im Sommer oder verschieben Termine. Der Bedarf an Blutkonserven bleibt jedoch konstant hoch“, erklärt die Leitende Medizinerin der BARMER, Dr. Ursula Marschall. Hinzu komme, dass Blutprodukte nur begrenzt haltbar sind. Erythrozytenkonzentrate (konzentrierte rote Blutkörperchen) etwa können lediglich rund 42 Tage gelagert werden, Thrombozyten (für die Blutgerinnung wichtige Blutplättchen) sogar nur wenige Tage. „Blutspenden sind deshalb keine Vorratshaltung, sondern ein kontinuierlicher Prozess“, so Marschall.
Warum Blutspenden gerade jetzt so wichtig sind
Blutengpässe entstehen oft schleichend. Fallen mehrere Spendetermine aus oder sinkt die Zahl der Spenderinnen und Spender kurzfristig, kann das Krankenhäuser schnell vor Probleme stellen. Besonders betroffen sind Ferienzeiten, Hitzewellen oder Grippephasen. Gleichzeitig verändert sich die Gesellschaft. Die Bevölkerung wird älter, medizinische Behandlungen komplexer. Dadurch steigt langfristig der Bedarf an Blutprodukten. Auf der anderen Seite gehen viele langjährige Spenderinnen und Spender altersbedingt verloren. Umso wichtiger wird es, neue Zielgruppen zu erreichen. „Wir müssen Blutspende heute stärker in den Alltag integrieren und Hemmschwellen abbauen“, sagt Dr. Marschall. Dabei spiele auch die Digitalisierung eine große Rolle. Viele Einrichtungen setzen inzwischen auf Apps, Online-Terminbuchungen oder digitale Spenderausweise. Das erleichtere nicht nur die Organisation, sondern mache die Spende insgesamt zugänglicher.
Patient Blood Management: Weniger verschwenden, besser versorgen
Ein wichtiger Ansatz gegen Engpässe ist das Patient Blood Management (PBM). Dabei handelt es sich um ein medizinisches Konzept, das darauf abzielt, den Umgang mit dem eigenen Blut von Patientinnen und Patienten zu optimieren, mit dem Ziel, Bluttransfusionen möglichst zu vermeiden oder zu reduzieren und gleichzeitig die Behandlungssicherheit zu erhöhen. Zu den drei Hauptsäulen gehören die Optimierung der Blutbildung durch Gabe von Eisen oder Vitamin B12, um Patientinnen und Patienten mit bestehender Blutarmut bestmöglich auf anstehende Operationen vorzubereiten. Die zweite Säule beschreibt den das Verhalten während der Operation, die durch schonende OP-Verfahren und einen sorgsamen Umgang mit Blutentnahmen auch nach dem Eingriff den Blutverlust minimiert. Ebenso wichtig ist der dritte Hauptpfeiler des PBM, der besonders sorgfältige Einsatz von Bluttransfusionen. Da die Transfusion immer auch eine kleine Organtransplantation ist, ist stets eine individuelle medizinische Abwägung anstelle von standardisierten Grenzwerten erforderlich. „Patient Blood Management bedeutet nicht, weniger sicher zu behandeln, sondern bewusster“, erklärt die Expertin. Studien zeigen, dass Patientinnen und Patienten davon sogar profitieren können. Weniger Komplikationen, kürzere Klinikaufenthalte und ein effizienterer Einsatz der vorhandenen Blutreserven sind die Vorteile.
Neue Regeln, mehr Sicherheit
Rund um die Blutspende hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert. Besonders die Zulassungskriterien wurden überarbeitet. Ziel ist eine sichere Blutversorgung, ohne unnötige Ausschlüsse von willigen Spendenden. So gelten heute modernisierte Regelungen, die individuelle Risiken stärker berücksichtigen als pauschale Gruppenbewertungen. Viele Expertinnen und Experten sehen darin einen wichtigen Schritt, um zusätzliche Spendergruppen zu gewinnen. Auch die Sicherheitsstandards sind heute höher denn je. Jede Blutspende wird umfangreich getestet, etwa auf Infektionskrankheiten. Zudem sorgen digitale Dokumentation und moderne Labormedizin für zusätzliche Sicherheit. „Die Blutspende ist heute ein sehr kontrollierter und sicherer medizinischer Prozess“, betont Dr. Ursula Marschall. Für gesunde Erwachsene sei das Risiko minimal.
Wie neue Spendergruppen erreicht werden können
Damit die Versorgung langfristig stabil bleibt, braucht es mehr Erstspenderinnen und Erstspender, insbesondere jüngere Menschen. Aktionen an Universitäten, mobile Spendeangebote oder Kooperationen mit Unternehmen gewinnen deshalb an Bedeutung. Auch soziale Medien spielen eine größere Rolle. Persönliche Geschichten von Empfängerinnen, Empfängern oder Spendern können Aufmerksamkeit schaffen und zeigen, wie konkret eine Blutspende Leben rettet. Dr. Marschall sieht darin großes Potenzial: „Viele Menschen wären grundsätzlich bereit zu spenden, wenn sie niedrigschwelliger informiert und erinnert würden.“ Entscheidend sei oft weniger die Ablehnung als vielmehr der fehlende Anstoß.
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