Stellen Sie sich vor, ihre Darmschleimhaut ist auf einmal durchlässig und Krankheitserreger gelangen in den Blutkreislauf. Dieses Krankheitsbild wird als Leaky-Gut-Syndrom stark in den Sozialen Medien thematisiert. Doch gibt es diese Erkrankung wirklich oder steckt dahinter nur ein Medien-Hype?
Bauchkrämpfe, Blähungen aber auch Müdigkeit, Kopf- und Gelenkschmerzen bis hin zu erhöhter Reizbarkeit und Schlafstörungen, das Leaky-Gut-Syndrom soll für eine ganze Reihe von Beschwerden verantwortlich sein. „Leaky-Gut“ steht für durchlässiger Darm. Tatsächlich geht eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmbarriere einher mit bestimmten Darmerkrankungen „Gut erforscht sind das Reizdarmsyndrom und die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Bei diesen Erkrankungen ist die Darmbarriere gestört. Das Leaky-Gut-Syndrom ist hingegen keine anerkannte Diagnose, denn wissenschaftliche Belege, dass es sich hier um eine eigenständige Erkrankung handelt, fehlen bisher“, sagt Dr. Ursula Marschall, Leitende Medizinerin bei der BARMER. Doch zunächst der Reihe nach: Was ist eigentlich die Darmbarriere?
Die Darmbarriere spielt bei vielen Erkrankungen eine Rolle
Der Begriff Darmbarriere umfasst das Zusammenspiegel aus Darmflora und der Schleimschicht aus Epithelzellen. Diese sind durch sogenannte Tight Junctions miteinander verbunden. Sie filtern, welche Stoffe in den Körper gelangen. Ist diese Filterfunktion gestört, so die Annahme des Leaky-Gut-Syndroms, gelangen Krankheitserreger in den Blutkreislauf und verursachen Beschwerden. So einfach die Vorstellung ist, so schwierig ist es, diese Erkrankung wissenschaftlich zu belegen. „Die Symptome, die dem Leaky-Gut-Syndrom zugeschrieben werden, sind für eine Diagnoseerstellung zu unspezifisch“, erklärt Marschall. „Blähungen und Bauchkrämpfe können viele Ursachen haben, wie zum Beispiel Magen-Darm-Infektionen oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten.“ Außerdem gebe es viele Faktoren, die die Durchlässigkeit der Darmwand beeinflussen können. Die Ernährung im Allgemeinen, die Einnahme von Medikamenten, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität aber auch Stress gehören dazu.
Vorsicht vor zweifelhaften Diagnose-Angeboten
Um eine gestörte Darmbarriere nachzuweisen, wird häufig der Zonulin-Spiegel ins Spiel gebracht. Zonulin ist ein körpereigenes Protein, das möglicherweise mit der Regelung der Darmbarriere beteiligt ist. Alternativmediziner preisen freiverkäufliche Stuhltests an, die den Zonulin-Spiegel messen. Allerdings halten die Ergebnisse dieser kommerziellen Tests wissenschaftlichen Kriterien nicht stand. Auch Blutuntersuchungen liefern, was die Durchlässigkeit der Darmbarriere betrifft, keine Ergebnisse. Eine Darmspiegelung, die gesetzlich Versicherte ab 50 Jahre zu Früherkennung von Darmkrebs empfohlen wird, kann ebenfalls keine Aussagen über Durchlässigkeit der Darmbarriere liefern.
Ballaststoffreiche Ernährung stärkt die Darmflora
Was kann nun bei unspezifischen Magen-Darm-Beschwerden unternommen werden? „Betroffene sollten zunächst versuchen, herauszufinden, was die Auslöser sein könnten,“ rät Marschall. „Dabei kann es hilfreich sein, in einem Ernährungstagebuch zu notieren, was man im Lauf des Tages so zu sich nimmt. Häufig stecken Unverträglichkeiten hinter den Beschwerden.“ Überhaupt sei die Ernährung der Schlüssel zu einer gesunden Darmflora, also der Zusammensetzung und das Zusammenspiel von Bakterien im Darm. „Über frisches Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukte und fermentierte Lebensmittel, freut sich der Darm“, sagt Marschall. Schädlich für die Darmflora seien hingegen viel tierisches Fett, Zucker und Weißmehlprodukte. Hilft eine Ernährungsumstellung nicht und halten die Symptome an, sollte Rat beim Hausarzt beziehungsweise der Hausärztin eingeholt werden. Liegt zum Beispiel eine chronisch-entzündliche Darmerkrankungen vor, kann eine gezielte Therapie zur Stärkung der Darmschleimhaut eingeleitet werden.