Gesundheit ist keine Einheitsgröße, sondern stets individuell. Ob und wie häufig eine Erkrankung entsteht, welche Symptome auftreten, wie Medikamente wirken und welche Behandlung sinnvoll ist, kann auch vom Geschlecht abhängen. Was geschlechtersensible Medizin konkret bedeutet und warum sie sogar Leben retten kann, erfahren Sie in diesem Artikel.
Frauen sind keine kleineren, leichteren Männer. Diese Erkenntnis ist in der Medizin noch erstaunlich neu. „Über Jahrzehnte orientierten sich medizinische Forschung und Lehre vielfach am männlichen Körper als medizinischem Standard. Das kann problematisch sein, wenn typische Krankheitsanzeichen, Medikamentenwirkungen oder Risikofaktoren bei Frauen anders ausfallen“, erklärt Dr. Ursula Marschall, Leitende Medizinerin bei der Barmer. Geschlechtersensible Medizin soll solche Unterschiede systematisch berücksichtigen, zum Nutzen aller Patientinnen und Patienten.
Wenn Vorurteile die Diagnose beeinflussen
Wie eine Krankheit wahrgenommen wird, kann davon abhängen, ob sie als „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“ gilt. Das zeigt sich besonders deutlich bei Kopfschmerzen. Migräne wird häufiger bei Frauen diagnostiziert: 2024 erhielten 3,37 Millionen Frauen und 1,13 Millionen Männer diese Diagnose. Bei Männern wird Migräne oft verspätet oder gar nicht erkannt. Beim Clusterkopfschmerz ist es umgekehrt. Er tritt bei Männern etwa dreimal so häufig auf wie bei Frauen und gilt als typisch männliche Erkrankung. Deshalb wird er bei Frauen leichter übersehen. „Solche Beispiele zeigen, dass medizinische Erwartungen beeinflussen können, welche Diagnose gestellt wird. Geschlechtersensible Medizin setzt genau hier an“, so Marschall.
Unterschiedliche Symptome aber eine Krankheit
Auch bei Schilddrüsenerkrankungen zeigen sich deutliche Unterschiede. Frauen sind vor allem bei Vergrößerungen der Schilddrüse häufiger betroffen als Männer. Besonders wichtig ist dabei die Schilddrüsenfunktion für die Fruchtbarkeit und den Verlauf einer Schwangerschaft. Gleichzeitig ist die normale Schilddrüsenfunktion nicht ausschließlich ein Frauenthema. Auch bei Männern kann diese im Zusammenhang mit unerfülltem Kinderwunsch relevant sein. Ähnlich komplex ist das Thema Depression. Frauen und Männer können verschiedene Symptome zeigen und unterschiedlich mit ihnen umgehen, erklärt die BARMER-Expertin: „Frauen beschreiben psychische Beschwerden häufiger ausführlich. Bei Männern können dagegen Gereiztheit, Aggressivität, Risikoverhalten oder auch erhöhter Alkoholkonsum im Vordergrund stehen. Männer suchen zudem öfter spät oder gar keine Hilfe. Depressionen können deshalb bei ihnen unterdiagnostiziert sein.“ Besonders deutlich wird dies bei den Suizidzahlen. Rund drei Viertel der vollendeten Suizide in Deutschland werden von Männern begangen.
Die Wechseljahre brauchen einen differenzierten Blick
Die Wechseljahre sind eine wichtige Lebensphase für Frauen. Doch nicht jedes Symptom, das in dieser Zeit auftritt, ist ausschließlich auf die Wechseljahre zurückzuführen. Hitzewallungen und Scheidentrockenheit zeigen einen klaren Zusammenhang mit dieser Lebensphase. Andere Beschwerden wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Muskel- und Gelenkbeschwerden, Depression, Angst oder Harnwegsbeschwerden nehmen dagegen auch bei Männern mit dem Alter zu. „Deshalb braucht es eine Medizin, die weder Beschwerden von Frauen unterschätzt noch vorschnell einer bestimmten Lebensphase wie den Wechseljahren zuschreibt“, betont Marschall.
Medikamente wirken nicht bei allen gleich
Das Geschlecht kann auch beeinflussen, wie ein Arzneimittel im Körper aufgenommen, verteilt, abgebaut und ausgeschieden wird. Hormone, Körpergewicht, Muskel- und Fettanteil sowie Unterschiede im Stoffwechsel können dabei eine Rolle spielen. „Frauen sind bei manchen Medikamenten häufiger von Nebenwirkungen betroffen. Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Medikament bei Frauen anders dosiert werden muss. Die Dosierung hängt immer von der jeweiligen Erkrankung, dem Präparat und individuellen Faktoren ab“, so die BARMER-Expertin. Zwar nehmen heute grundsätzlich Frauen und Männer an klinischen Medikamentenstudien teil. Dennoch bestehen bei älteren Arzneimitteln und bei bestimmten Forschungsfragen weiterhin Wissenslücken. Seit 2004 müssen klinische Studien in Deutschland mögliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern berücksichtigen.
Geschlechtersensible Medizin für eine bessere Versorgung
Geschlechtersensible Medizin bedeutet nicht, jeden Menschen anhand seines Geschlechts zu behandeln. Im Gegenteil, sie erweitert den Blick auf die individuelle Person. Geschlecht ist ein möglicher Einflussfaktor neben Alter, Genetik, Vorerkrankungen, Lebensweise, Umwelt und sozialen Bedingungen. Die BARMER-Medizinerin fasst zusammen: „Medizinische Beschwerden sollten ernst genommen werden, auch wenn sie nicht dem klassischen Lehrbuchbild entsprechen. In der Forschung ist es wichtig, Unterschiede systematisch zu untersuchen. Und in der medizinischen Versorgung sollten wir Diagnostik und Therapie möglichst individuell ausrichten.“