Ruhe bewahren, wenn andere laut werden: Das ist Selahattin Turaps Stärke. Der Taekwondo-Großmeister, Deeskalationstrainer und Gewerkschafter aus Berlin ist stellvertretendes Mitglied im Verwaltungsrat der Barmer. Dort und in weiteren Ehrenämtern bringt er ein, was er seit Jahren lehrt: zuhören, vermitteln, Konflikte entschärfen und sich für Schwächere einsetzen. Dieser Gedanke, Schwächere zu schützen und zu stärken, zieht sich durch all seine Rollen.
Haltung zeigen, Schwächere stärken: Selahattin Turap im Verwaltungsrat der Barmer
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Constanze Löffler (Autorin und Ärztin, Nerdpol – Redaktionsbüro für Medizin- und Wissenschaftsjournalismus)In einer Sitzung bemerkte Selahattin Turap, wie der Ton zwischen zwei Mitgliedern angespannter wurde. „Ich habe gespürt, dass wir an einem Punkt waren, an dem Missverständnisse den Blick auf die Sache verstellen könnten“, erinnert sich der 52-Jährige. Turap tat in diesem Moment das, was er seit Jahren schult: ruhig bleiben, zuhören, die Positionen zusammenfassen und eine kurze Pause vorschlagen. „Oft reicht es, Spannung herauszunehmen, bevor sie entsteht“, sagt er. „Empathie, Respekt und ein klarer Kopf sind die Grundlage jeder guten Zusammenarbeit – auch bei Gremiensitzungen.“
Vom schmächtigen Jungen zum Großmeister
Selahattin Turap ist in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen, in einer Zeit, in der es dort oft rau zuging. „Ich war klein, dünn und ein leichtes Opfer“, erzählt er. In der Grundschule und auf dem Schulweg wurde er regelmäßig angegriffen, mal geschubst, mal geschlagen. „Ich habe mich oft versteckt und kam weinend nach Hause.“ Sein Vater, der in den 1970er Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam, sagte damals einen Satz, der dem Jungen hängen blieb: „Wenn du dich nicht wehrst, wirst du dein Leben lang wegrennen und heulen.“
Also suchte der junge Turap nach einem Weg, stärker zu werden. Er probierte verschiedene Sportarten aus, bis er im Taekwondo – einer koreanischen Kampfsportart – das fand, was ihn bis heute prägt: Disziplin, Respekt und mentale Stärke. „Ich wurde selbstbewusster und habe innerlich eine neue Haltung entwickelt“, sagt er. Heute trägt er den 6. DAN (sechsten Schwarzgurt) und ist Großmeister in Taekwondo. An einem Berliner Gymnasium und in seiner Sportschule unterrichtet er Selbstverteidigung und Taekwondo. Darüber hinaus schult er in ganz Deutschland Menschen in Deeskalationstechniken und gewaltfreier Konfliktlösung.
15 Jahre im Zustelldienst
Bevor Selahattin Turap Deeskalationstrainer wurde, arbeitete er 15 Jahre lang als Zusteller bei der Deutschen Post DHL Group in Berlin, verteilte Briefe und Päckchen in Schöneberg, Wilmersdorf und Charlottenburg. „Damals trugen wir oft Bargeld bei uns, Rentenzahlungen, das wussten viele“, erzählt er. „Es kam immer wieder zu unangenehmen oder sogar gefährlichen Situationen.“ Aus diesen Erfahrungen entwickelte er ein Konzept für Konflikt- und Deeskalationstrainings, das später bundesweit bei der Post eingeführt wurde.
Heute arbeitet Turap hauptberuflich als Deeskalationstrainer bei der Deutschen Post DHL Group. Er bildet Mitarbeitende im gewaltfreien Umgang mit Kundschaft und bei Konflikten weiter. Alternativ fährt er vor Ort, um den jeweiligen Sachverhalt zu prüfen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. „Es geht darum, Gewalt zu verhindern, bevor sie entsteht.“ Auch in einigen Berliner Geschäftsstellen der Barmer trainiert er die Angestellten mit Hilfe von echten Szenarien. Dort kommt es hin und wieder zu herausfordernden Situationen, wenn Versicherte unter Druck stehen oder auf Entscheidungen warten. „In Geschäftsstellen begegnen Mitarbeitende oft Menschen, die mit Stress, Krankheit oder existenziellen Sorgen kommen“, sagt Turap. „Da kann die Stimmung schnell kippen. Wenn man dann weiß, wie man die Ruhe bewahrt, hilft das allen.“
Haltung statt Härte
Selahattin Turap vermittelt seit Jahren die Fähigkeiten, Distanz zu wahren und ruhig zu bleiben, auch wenn Gespräche Fahrt aufnehmen. Für ihn bedeutet Deeskalation vor allem, respektvoll zu kommunizieren und frühzeitig für Klarheit zu sorgen. Dafür greift er auf bewährte Methoden zurück, zum Beispiel aktives Zuhören und respektvolle Ich-Botschaften. Pausen nutzt er gern für bewusstes Atmen. Eine seiner Methoden ist die 4-7-8-Atemtechnik: vier Sekunden einatmen, sieben halten, acht ausatmen. „Das hilft den Menschen dabei, einen Moment innezuhalten und die eigenen Gedanken zu sortieren“, sagt Turap. „Oft genügt so ein kurzer Augenblick, um wieder auf eine sachliche Ebene zurückzufinden.“
Die Fähigkeit, Gelassenheit auszustrahlen, macht ihn auch in der Gremienarbeit zu einem geschätzten Kollegen. Denn dort, wo verschiedene Interessen aufeinandertreffen, braucht es auch Menschen, die vermitteln können. „Man kann anderer Meinung sein, auch ohne laut zu werden“, sagt er. „Im Sport habe ich Disziplin gelernt. Diese zu wahren ist mir auch im Verwaltungsrat und bei meinen sonstigen Ämtern wichtig.“
Vom Widerspruchsausschuss in den Verwaltungsrat
Zur Gremienarbeit kam Selahattin Turap über die Gewerkschaft ver.di. Viele Jahren war er Betriebsrat bei der Deutschen Post DHL Group. Schon sein Vater hatte ihm die Vereinigung nahegebracht. „Er sagte immer: Gewerkschaft ist wie ein Dach. Ohne sie bist du schutzlos.“ Als die BKK, in deren Widerspruchsausschuss er tätig war, mit der Barmer fusionierte, wurde er vom neuen Verwaltungsrat in die Widerspruchsausschüsse der neuen Kasse gewählt.
Heute ist Turap Teil des Widerspruchsausschusses Berlin 4. Gemeinsam prüfen die vier Mitglieder alle paar Wochen die Fälle von Versicherten, die eine Entscheidung der Barmer nicht akzeptieren – etwa die Ablehnung einer Kur, eines Hilfsmittels oder eines Medikaments. Die Versicherten können gegen solche Bescheide Widerspruch einlegen. Der Ausschuss blickt dann noch einmal unabhängig, sorgfältig und mit viel Erfahrung auf den Fall und entscheidet neu. „Wir schauen uns jedes einzelne Dokument genau an“, erklärt er. „Hinter jeder Entscheidung steht schließlich ein Mensch, der sich mit seinen Sorgen alleingelassen fühlt. Gemeinsam versuchen wir, eine Lösung zu finden, die fair ist: im Rahmen der Satzung, aber mit Herz.“ Ziel ist es, nachvollziehbare und transparente Entscheidungen zu treffen und den Versicherten eine unabhängige Überprüfung zu ermöglichen.
Sprungbrett Sozialwahl
Bei der Sozialwahl 2023 wurde der Berliner als stellvertretendes Mitglied in den Verwaltungsrat der Barmer gewählt, die höchste Ebene der Selbstverwaltung. Dort treffen Versicherten- und Arbeitgebervertreter gemeinsam Entscheidungen über die strategische Ausrichtung der Krankenkasse. „Ich muss immer bereit sein, spontan bei den Sitzungen einzuspringen“, sagt er. „Darum halte ich mich über alle Themen auf dem Laufenden, lese die Unterlagen frühzeitig und tausche mich mit den ordentlichen Mitgliedern aus.“
Die Arbeit im Verwaltungsrat der Barmer empfindet er vor allem als Chance, die Perspektive der Beschäftigten einzubringen. „Wir dürfen nicht nur über Zahlen sprechen, sondern müssen die Menschen im Blick behalten“, sagt er. „Mein Ziel ist, die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit zu wahren.“
Als Vertreter der Versicherten setzt Turap sich dafür ein, dass Entscheidungen im Verwaltungsrat nicht nur fachlich, sondern auch menschlich stimmig sind. Gerade dort sieht er seine Aufgabe: die Interessen derjenigen zu vertreten, deren Stimme im System sonst leicht untergeht – gemäß dem Prinzip, das ihn seit seiner Jugend begleitet: die Schwächeren schützen und stärken.
Soziale Verantwortung als Leitmotiv
Besonders am Herzen liegen ihm Themen wie soziale Gerechtigkeit, Prävention und faire Versorgung. „Nur wenn Entscheidungen nachvollziehbar sind, entsteht Vertrauen“, sagt er. „Und Vertrauen ist die Basis jeder guten Kommunikation, egal, ob im Gespräch mit einem Versicherten oder in einer Vorstandssitzung.“ Dabei kommt ihm sein Beruf zugute: „Ich kann Menschen einschätzen und Spannungen erkennen, bevor sie eskalieren“, erzählt Turap. Dass diese Haltung gefragt ist, zeigt sich oft, wenn die Diskussionen intensiver werden. „Es ist wie im Sport: Wer zu schnell agiert, verliert leicht die Balance. Wer zuhört, passt besser den richtigen Moment ab.“
Disziplin und Menschlichkeit
Wenn Turap von Disziplin spricht, meint er keine Härte, sondern Verlässlichkeit, innere Ruhe und auch die Fähigkeit, auf sich selbst zu achten. „Durch gutes Zeitmanagement gelingt es mir, viele Aufgaben parallel zu bewältigen.“ Seine Kraftquellen: aktives Training, Musik, Familie und Stille. „Manchmal setze ich mich einfach auf unseren Balkon, schaue mir die Pflanzen an und atme. Kein Handy, keine Musik, sondern einfach nur Ruhe.“ Diese Momente geben ihm Energie, um Beruf, Ehrenamt und Familie miteinander zu verbinden.
Haltung zeigen, wenn es laut wird
Selahattin Turap ist überzeugt: Gewaltfreie Kommunikation beginnt bei sich selbst. Wer anderen zuhört, verändert auch sein eigenes Denken. „Stärke zeigen heißt nicht, den Ton zu heben. Stärke heißt, Haltung zu bewahren.“
Darum schätzt er die Arbeit in der Selbstverwaltung so sehr. „Im Verwaltungsrat erlebe ich, wie Demokratie durch Diskussion, Respekt und Vielfalt lebendig ist. Am Ende geht es ihm um die Menschen, deren Versorgung der Verwaltungsrat gestaltet. „Wir wollen die Schwächeren schützen und stärken“, sagt er. ‚Das gilt für meine Schülerinnen und Schüler genauso wie für die Versicherten der Barmer.“
Wie wird man Mitglied im Verwaltungsrat?
- Die Mitglieder des Verwaltungsrats werden alle sechs Jahre bei der Sozialwahl aufgrund von Vorschlagslisten gewählt.
- Die Mitarbeit im Verwaltungsrat ist ein Ehrenamt. Man bekommt eine Aufwandsentschädigung – sie variiert nach Aufwand und Verantwortlichkeit der einzelnen Mitglieder.
- Erforderlich sind ein Interesse an Gesundheitspolitik, gesellschaftliches Engagement und 5 bis 10 Stunden Zeit pro Woche.
- Wer mitmachen möchte, sollte sich rechtzeitig bei einer der vorschlagsberechtigten Vereinigungen informieren und sich dort einbringen.
- Bildmaterial: privat