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Neustart statt Neujahr. Warum der September unser zweites Silvester ist

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Der September fühlt sich für viele Menschen wie ein Neuanfang an. Nach der Urlaubszeit kehren Routinen zurück und neue Ziele rücken in den Fokus. Tatsächlich zeigt die Psychologie, dass Veränderungen jetzt oft leichter gelingen als zum Jahreswechsel. Warum das so ist und wie Sie diesen Effekt für sich nutzen können.

Mehr Sport treiben, gesünder essen oder endlich wieder mehr Zeit für sich selbst nehmen. Gute Vorsätze verbinden die meisten Menschen mit dem Jahreswechsel. Doch aus psychologischer Sicht ist der 1. Januar längst nicht der einzige Zeitpunkt, an dem Veränderungen gelingen können. Tatsächlich erleben viele Menschen den September als einen deutlich stärkeren Neuanfang im Jahr. Die Sommerferien und mit ihnen der Urlaub sind vorbei, der Alltag kehrt zurück und viele Routinen werden neu geordnet. Genau diese Veränderungen können helfen, neue Gewohnheiten dauerhaft zu etablieren. Psychologinnen und Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom Fresh Start Effekt. Gemeint ist das Phänomen, dass zeitliche Einschnitte wie ein neues Jahr, ein Geburtstag oder eben das Ende der Sommerferienzeit Menschen motivieren können, alte Verhaltensmuster zu durchbrechen und neu zu beginnen. „Unser Gehirn liebt Orientierungspunkte. Ein zeitlicher Trenner im Jahr vermittelt das Gefühl, noch einmal bewusst anfangen zu können. Das erleichtert es vielen Menschen, Veränderungen anzugehen“, sagt Andrea Jakob-Pannier, Psychologin bei der BARMER. Der September bringt dafür gleich mehrere Voraussetzungen mit. Viele kehren erholt aus dem Urlaub zurück. Kinder starten in ein neues Schuljahr, Studierende bereiten sich auf das Semester vor und auch im Berufsleben beginnt nach der Ferienzeit häufig eine neue Arbeitsphase. Termine werden neu geplant, Tagesabläufe verändern sich und der Kalender füllt sich wieder.

Mit kleinen Veränderungen starten

Gerade diese Veränderungen bieten eine Chance. Denn Gewohnheiten entstehen häufig dort, wo Abläufe regelmäßig wiederholt werden. Wer neue Routinen genau in dieser Phase einführt, hat oft bessere Chancen, sie langfristig beizubehalten. Allerdings bedeutet ein Neuanfang nicht, möglichst viele Ziele gleichzeitig zu verfolgen. Im Gegenteil. Die Psychologie zeigt, dass zu hohe Erwartungen häufig dazu führen, dass Menschen ihre guten Vorsätze schon nach kurzer Zeit wieder aufgeben. „Viele scheitern nicht am fehlenden Willen, sondern daran, dass sie sich zu viel auf einmal vornehmen. Kleine Veränderungen sind deutlich erfolgreicher als radikale Umstellungen des gesamten Lebens“, sagt Jakob-Pannier. Statt täglich eine Stunde Sport zu planen, kann es sinnvoller sein, zunächst zweimal pro Woche einen festen Termin für Bewegung einzuplanen. Wer gesünder essen möchte, beginnt vielleicht damit, jeden Tag eine Portion Gemüse zusätzlich auf den Teller zu bringen. Aus kleinen Schritten entstehen mit der Zeit neue Gewohnheiten.

Klare Vereinbarungen schaffen Verbindlichkeit

Hilfreich kann es ebenso sein, neue Ziele möglichst konkret zu formulieren. Wer sich lediglich vornimmt, künftig mehr auf sich zu achten, wird dieses Vorhaben nur schwer in den Alltag integrieren können. Besser sind da klare Vereinbarungen mit sich selbst. Jeden Abend zehn Minuten spazieren gehen. Jeden Mittwoch mit Freunden Sport treiben. Nach Feierabend das Smartphone für eine halbe Stunde bewusst zur Seite legen. Auch das persönliche Umfeld spielt eine wichtige Rolle. Menschen bleiben häufiger an neuen Gewohnheiten dran, wenn Familie oder Freunde sie unterstützen oder sogar mitmachen. Gemeinsame Ziele schaffen Verbindlichkeit und erhöhen die Motivation. Dabei lohnt sich auch ein anderer Blick auf Rückschläge. Kaum eine neue Gewohnheit verläuft ohne Unterbrechungen. Einzelne Ausnahmen bedeuten nicht automatisch, dass das gesamte Vorhaben gescheitert ist. „Veränderungen verlaufen selten geradlinig. Entscheidend ist nicht, ob einmal etwas nicht klappt, sondern ob man danach wieder anknüpft. Selbstmitgefühl ist oft hilfreicher als Selbstkritik“, betont die Psychologin. Wer den September für einen Neustart nutzen möchte, sollte deshalb weniger auf Perfektion achten als auf Kontinuität. Schon wenige Wochen regelmäßiger Wiederholung können aus einer bewussten Entscheidung eine feste Gewohnheit machen.

Kein Feuerwerk nötig

Ein weiterer Vorteil des Septembers liegt darin, dass viele Menschen nach der Sommerpause wieder offen für neue Impulse sind. Fortbildungen beginnen, Sportvereine starten neue Kurse und viele Freizeitangebote nehmen ihren regulären Betrieb wieder auf. Das erleichtert es, neue Interessen auszuprobieren oder lange aufgeschobene Vorhaben endlich anzugehen. Auch die Natur kann dabei unterstützen. Die Temperaturen werden angenehmer und Bewegung im Freien fällt vielen leichter als in den heißen Sommermonaten. Spaziergänge, Radfahren oder der Weg zur Arbeit zu Fuß lassen sich einfacher in den Alltag integrieren und fördern gleichzeitig das körperliche und psychische Wohlbefinden. Am Ende geht es beim Neustart nicht darum, ein völlig anderer Mensch zu werden. Vielmehr bietet der September die Gelegenheit, den Alltag bewusst neu zu gestalten und kleine Veränderungen dauerhaft zu verankern Denn der beste Zeitpunkt für einen Neuanfang muss nicht auf das Feuerwerk in der Silvesternacht warten. Manchmal genügt schon der erste Montag nach den Sommerferien, um eine neue Richtung einzuschlagen. Und genau darin liegt die eigentliche Stärke des zweiten Silvesters.