Der Marathon boomt wie nie zuvor. Rund um den Berlin Marathon fiebern jedes Jahr Zehntausende Läuferinnen und Läufer ihrem großen Ziel entgegen. Doch wie gesund sind 42,195 Kilometer wirklich für das Herz? Wir zeigen, welche Mythen längst widerlegt sind und worauf Freizeitsportler achten sollten.
Der Marathon ist längst mehr als ein Wettkampf. Wer im September den Berlin Marathon verfolgt, erlebt ein Sportereignis, das weit über den eigentlichen Lauf hinausgeht. Hunderttausende Zuschauer säumen die Strecke, internationale Spitzenathleten treffen auf ambitionierte Freizeitläufer und in den sozialen Netzwerken wird jeder Trainingskilometer dokumentiert. Aus einer sportlichen Herausforderung ist ein gesellschaftliches Ereignis geworden. Für viele geht es längst nicht mehr nur um eine Bestzeit. Es geht um das persönliche Erlebnis, das Überqueren der Ziellinie und das gute Gefühl, etwas Außergewöhnliches geschafft zu haben.
Wirksames Training für Herz und Kreislauf
Parallel wächst die Zahl der Menschen, die sich erstmals an die klassische Distanz von 42,195 Kilometern wagen kontinuierlich. Laufgruppen boomen, Trainingspläne werden millionenfach heruntergeladen und Fitnessuhren begleiten jede Einheit. Doch mit der Begeisterung wächst auch eine Frage, die immer wieder diskutiert wird. Ist Marathonlaufen eigentlich gesund für das Herz oder schadet die extreme Belastung langfristig? Katharina Steinbach, Sportwissenschaftlerin der BARMER, kennt diese Diskussion seit vielen Jahren. Ihrer Einschätzung nach überlagern spektakuläre Einzelfälle häufig das, was die Wissenschaft tatsächlich zeigt. „Wer gesund ist, sich ausreichend vorbereitet und auf seinen Körper hört, profitiert in den meisten Fällen deutlich stärker vom regelmäßigen Ausdauertraining, als dass er seinem Herzen schadet“, so Steinbach. Die Forschung gibt ihr recht. Regelmäßiges Ausdauertraining zählt zu den wirksamsten Maßnahmen, um Herz und Kreislauf gesund zu halten. Menschen, die sich mehrmals pro Woche bewegen, senken nachweislich ihr Risiko für Herzinfarkt, Bluthochdruck und Diabetes. Das Herz arbeitet wirtschaftlicher, die Blutgefäße bleiben elastischer und die Sauerstoffversorgung des Körpers verbessert sich. Der Marathon selbst ist allerdings eine besondere Herausforderung. Während des Wettkampfs schlägt das Herz über mehrere Stunden deutlich schneller als im Alltag. Muskeln, Kreislauf und Stoffwechsel arbeiten an ihrer Belastungsgrenze. Dass sich viele Läufer nach dem Zieleinlauf erschöpft fühlen, ist deshalb eine völlig normale Reaktion des Körpers.
Vorübergehende Reaktionen
Ein Mythos hält sich dennoch hartnäckig. Immer wieder heißt es, ein Marathon schade grundsätzlich dem Herzen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. Bei gesunden Menschen ohne unerkannte Herzerkrankungen sind bleibende Schäden durch einen Marathon äußerst selten. Zwar lassen sich nach dem Wettkampf häufig erhöhte Herzmarker im Blut nachweisen. Diese gelten jedoch in den meisten Fällen als vorübergehende Reaktion auf die außergewöhnliche Belastung und normalisieren sich innerhalb weniger Tage. „Kurzfristige Veränderungen am Herzen nach langen Ausdauerbelastungen sind zunächst nichts Ungewöhnliches. Entscheidend ist, wie gut der Körper vorbereitet wurde und ob ausreichend Zeit zur Erholung eingeplant werden, denn Training und Regeneration gehören stets zusammen“, sagt die Sportwissenschaftlerin.
Nicht unter Druck setzen lassen!
Ebenso falsch ist die Annahme, möglichst viele Marathons machten automatisch gesünder. Entscheidend ist nicht die Zahl der absolvierten Wettkämpfe, sondern die Qualität des Trainings. Der eigentliche gesundheitliche Nutzen entsteht während der vielen lockeren Laufeinheiten, bei denen Herz und Kreislauf kontinuierlich belastet werden. Der Wettkampf bildet lediglich den Höhepunkt einer langen Vorbereitung. Auch das Alter verdient besondere Aufmerksamkeit. Mit zunehmenden Lebensjahren steigt die Wahrscheinlichkeit bislang unerkannter Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer erstmals einen Marathon laufen möchte und bereits älter ist oder Vorerkrankungen mitbringt, sollte deshalb vor Beginn der Vorbereitung eine sportmedizinische Untersuchung durchführen lassen. Belastungs-EKG, Blutdruckmessungen und gegebenenfalls eine Ultraschalluntersuchung des Herzens können helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen. „Lasst Euch nicht vom Boom großer Laufevents unter Druck setzen!“, warnt Steinbach. Die besondere Atmosphäre beim Berlin Marathon motiviere viele Menschen, sich hohe Ziele zu setzen. Das sei grundsätzlich positiv. Dennoch dürfe der Wettkampf niemals wichtiger werden als die eigene Gesundheit. Jeder Körper entwickle sich in seinem eigenen Tempo und genau daran sollte sich auch die Trainingsplanung orientieren.
Ausdruck körperlicher Leistungsfähigkeit
Ein weiterer Mythos lautet, dass allein Ehrgeiz für einen erfolgreichen Marathon ausreiche. Tatsächlich benötigt der Körper viele Monate, manchmal sogar ein ganzes Jahr, um Muskeln, Sehnen, Knochen und Herz-Kreislauf-System an die Belastung anzupassen. Wer Trainingsumfänge zu schnell steigert oder Erholungstage auslässt, erhöht das Risiko für Überlastungen deutlich. Warnzeichen wie Brustschmerzen, Herzstolpern, ungewohnte Atemnot oder Schwindel sollten deshalb niemals ignoriert werden. Treten solche Beschwerden während oder nach dem Training auf, ist eine ärztliche Untersuchung sinnvoll. Gleiches gilt bei Infekten. Wer mit Fieber oder grippeähnlichen Beschwerden läuft, riskiert im schlimmsten Fall eine Herzmuskelentzündung. Der Marathon bleibt damit eine der faszinierendsten Herausforderungen des Ausdauersports. Richtig vorbereitet ist er für die meisten gesunden Menschen keine Gefahr, sondern Ausdruck einer starken körperlichen Leistungsfähigkeit. Wer sich ausreichend Zeit für die Vorbereitung nimmt, auf Warnsignale achtet und dem eigenen Körper ebenso viel Erholung wie Training gönnt, schafft die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Zieleinlauf. Und ganz nebenbei profitiert auch das Herz langfristig von jeder vernünftig gelaufenen Trainingsrunde.