Es ist kurz nach zehn Uhr im Wasserturm des EUREF-Campus in Berlin, direkt gegenüber dem alten Gasometer. Während an diesem Junivormittag auf Berlins Straßen schon der Asphalt flirrt, weht im Wasserturm eine angenehme Brise durch die geöffneten Türen. Die alten Backsteinwände stehen noch, roh und unverputzt. Hier wird alte Industriearchitektur ganz neu genutzt. Ein Ort, an dem nach vorne geblickt wird, perfekt für eine Zukunftswerkstatt.
Gen Z trifft Verwaltungsrat: Im Dialog mit der Selbstverwaltung
Zukunftswerkstatt mit Aha-Effekt
Fast 60 Berufsschülerinnen und Berufsschüler aus Berlin und Potsdam haben sich an diesem Tag im Audimax des Wasserturms zusammengefunden, dazu die ehrenamtlichen Selbstverwalterinnen und Selbstverwalter der Ersatzkassen und der Rentenversicherung. Gekommen ist auch Doris Barnett, stellvertretende Bundeswahlbeauftragte für die Sozialversicherungswahlen. Weitere Gäste sind per Livestream zugeschaltet.
Auf der Bühne eröffnen Maren Teichmann von der KKH Krankenkasse und Hans-Christoph Keller von der Deutschen Rentenversicherung Bund (DRV) die Zukunftswerkstatt der Initiative „Mitreden! – Bei Rente & Gesundheit“ mit einer Art Frühsport. Die beiden Moderatoren stellen Fragen. Statt mit Ja zu antworten, soll man aufstehen: Wer wusste, was die Soziale Selbstverwaltung ist? Nur vereinzelt erheben sich die jungen Menschen von ihren Stühlen. Wer hat schon einmal bei der Sozialwahl abgestimmt? Noch weniger. Wer von euch engagiert sich ehrenamtlich? Das Ehrenamt ist einigen offenbar vertrauter als die Selbstverwaltung.
Dann wendet sich das Blatt: Wer hat sich schon einmal mit seiner Rente beschäftigt? Deutlich mehr stehen auf. Und wer hatte bereits mit seiner Krankenkasse zu tun? Fast alle.
Schulbesuch vor dem Auftritt
Dass dieser Tag gleich derart konkret beginnt, liegt auch daran, dass das Gespräch auf dem Podium nicht bei null anfängt. Ein paar Wochen zuvor waren Kolleginnen und Kollegen aus den Verwaltungsräten der Kassen und der Vertreterversammlung der DRV in einigen Berufsschulen unterwegs. Sylvi Krisch zum Beispiel, Verwaltungsratsvorsitzende der Barmer, besuchte die Max-Taut-Schule, ein Oberstufenzentrum in Berlin-Rummelsburg. Dort sprach sie mit einer Klasse über Gesundheit im Beruf. Das Ziel war dabei, „das Thema soziale Selbstverwaltung nicht verstaubt, sondern mal nahbar“ mit der jungen Generation zu diskutieren. Welche Ideen haben sie zu dem Thema? Welche Wünsche haben sie an ihre Krankenkasse, an ein Versorgungssystem, in dem sie sich wohlfühlen und alt werden sollen?
Auf der Bühne wird noch einmal ein kurzer Film vom Schulbesuch gezeigt, dazu die Ergebnisse einer Straßenumfrage aus Berlin. Auf die Frage, was ihnen für ihre Gesundheit im Alltag wichtig ist, antworten die Jugendlichen sehr konkret: gute Ernährung, Zeit für Freunde, ein Ausgleich zum vielen Sitzen zwischen Uni und Job, aber auch ein gesunder Rücken. Dazu guter Schlaf, Arzttermine ohne Wartezeit, eine Apotheke in der Nähe, bezahlte Impfungen. Und ein digitales Portal, das eindeutig zeigt, was die Kassen alles übernehmen.
Work-Life-Balance, Schlaf und Rücken
Die Fragen aus dem Film sollen an diesem Vormittag weiter diskutiert werden. Das Moderatoren-Team holt drei ehrenamtliche Verwaltungsratsmitglieder auf das Podium: Marion von Wartenberg von der DAK, Hansjürgen Schnurr von der KKH und Christian Ermler von der Barmer. Moderatorin Maren Teichmann wendet sich direkt an Ermler. Was brauche es aus seiner Sicht, um im Alltag nachhaltig gesund zu leben? Ermler antwortet mit der Work-Life-Balance. Es sei entscheidend, einen Ausgleich zu finden, nach stressigen Tagen Auszeiten zu nehmen und auch online einmal abzuschalten.
Er erzählt in diesem Zusammenhang auch von einem neuen Themenspecial der Barmer rund um das Thema Schlaf, das gerade online gegangen sei. Damit greift Ermler ein wichtiges Stichwort auf, das kurz zuvor im Video so oft genannt wurde: Schlaf. „Das Webspecial reagiert explizit auf die Schwierigkeiten vieler junger Versicherter, nach einem vollgepackten Alltag abschalten zu können“, sagt Ermler. Es ist vollgepackt mit Informationen, Tipps und Angeboten wie dem E-Paper „Erschöpft, aber wach“. Mittlerweile leiden schätzungsweise 20 bis 30 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter Ein- und Durchschlafschwierigkeiten. Als das Thema damals im Ausschuss auf den Tisch kam, habe er nicht lange überlegen müssen, erzählt Ermler später am Telefon: „Für uns war klar: Das unterstützen wir.“
Auch beim nächsten Punkt greift Ermler ein Thema aus dem Film auf: Der sitzende Berufsalltag, den die meisten im Saal kennen dürften, sei „Gift fürs Kreuz“, das wisse er auch aus eigener Erfahrung. Sport und Bewegung seien ein wichtiger Ausgleich dazu. Doch wer nach acht Stunden am Schreibtisch noch etwas für seinen Rücken tun will, braucht Angebote, die in den eigenen Alltag passen. Am besten flexibel, digital und dann verfügbar, wenn gerade Zeit ist. Darauf hat sich auch die Barmer eingestellt, unter anderem mit einem Online-Kurs „Rücken: Fit & Gesund“ vom Kooperationspartner Gymondo.
Wer traut sich mitzumachen?
In der Pause verteilen sich die Beteiligten an Stehtischen. Ein paar junge Leute sprechen Ermler direkt an und wollen wissen, wie er zum Ehrenamt gekommen ist. „Vor fast 28 Jahren wurde ich von einem Gründungsmitglied einer Arbeitnehmervereinigung angesprochen, die gerade neu zur Sozialwahl antreten wollte.“ Ermler war damals in der Gewerkschaft und im Personalrat seines Unternehmens aktiv. Der Sprung von dort in die Selbstverwaltung erfolgte am Ende vor allem durch diese persönliche Ansprache. Was bei ihm selbst funktioniert hat, versucht er an diesem Vormittag weiterzugeben: Interesse wecken, indem man ins Gespräch kommt.
Wie schwer das sein kann, zeigt die offene Fragerunde. Moderator Hans-Christoph Keller fragt, was junge Menschen davon abhält, sich in der Selbstverwaltung zu engagieren. Eine Auszubildende antwortet offen: Zwischen Berufsschule, Nebenjob und Wochenendarbeit bleibe kaum Zeit. Und nicht jeder traue sich, vor anderen zu sprechen oder sich in solchen Runden zu Wort zu melden.
Wie also erreicht man eine Generation, die wenig Zeit hat und die soziale Selbstverwaltung kaum kennt? Eine Stimme aus dem Publikum hat eine klare Antwort: über Social Media. Ermler nennt noch einen anderen Weg. Die Arbeitnehmervereinigung, über die er zuletzt 2023 in den Verwaltungsrat der Barmer gewählt wurde, habe sich spürbar verjüngt, seit Veranstaltungen konsequent online angeboten werden und so eine flexiblere Beteiligung ermöglichen. „Engagement für die Mitmenschen lohnt sich. Es macht Spaß, beteiligt euch", ermuntert er das Publikum noch einmal.
2029 ist ein neues Ziel
Bis zur nächsten Sozialwahl dauert es noch eine Weile; sie findet 2029 statt. Wer also mitentscheiden will, hat noch genug Zeit sich zu informieren.
Zum Abschluss gibt Maren Teichmann den Teilnehmenden noch eine Frage mit auf den Weg: Wie könnte eine gelungene Gesundheitsversorgung im Jahr 2050 aussehen? Ermler hat darauf eine wenig bequeme Antwort. „Grüne Landschaften“ male er sich da nicht aus, sagt er. „Die aktuelle Gesundheitspolitik geht in eine andere Richtung.“ Er rechne damit, dass der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung in den kommenden Jahren schrumpfen und die Zuzahlungen für Versicherte steigen werden.
Dass die junge Generation solche Entwicklungen einfach achselzuckend hinnehmen wird, glaubt Ermler nach diesem Vormittag nicht mehr. Ihn habe überrascht, wie intensiv und gut vorbereitet die jungen Menschen ins Gespräch gegangen seien, erzählt er. Das gängige Bild einer politikfernen, desinteressierten Gen Z könne er nicht stehen lassen. Vielleicht ist der Schritt vom Mitreden zum Mitmachen also gar nicht so groß. Er wünscht sich jedenfalls mehr solcher Begegnungen.
Junge Menschen für die Selbstverwaltung zu begeistern, ist eine Herausforderung. Dieser Vormittag war ein Anfang. Am Morgen war kaum jemand aufgestanden, als nach der sozialen Selbstverwaltung gefragt wurde. Vielleicht sieht das bei der nächsten Zukunftswerkstatt schon anders aus.