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Jung und schon depressiv – Von den 18- bis 25-jährigen Schleswig-Holsteinern jeder 4. mit psychischer Störung

Kiel, 26. Juni 2018 – Mehr als jeder vierte junge Erwachsene in Schleswig-Holstein leidet unter einer psychischen Erkrankung. Zu diesem Ergebnis kommen Analysen der Barmer, die für den Arztreport 2018 der Krankenkasse durchgeführt wurden. Im Jahr 2016 wurden danach 27,6 Prozent der 18- bis 25-Jährigen Schleswig-Holsteiner wegen einer psychischen Störung ärztlich behandelt, das entspricht etwa 70.000 Betroffenen. Insbesondere Depressionen machen den jungen Schleswig-Holsteinern bereits zu schaffen. Bei 8,7 Prozent der 18- bis 25-Jährigen wurde im Jahr 2016 eine Depression diagnostiziert. Die Diagnoserate ist innerhalb von zehn Jahren um 70 Prozent gestiegen. Somatoforme Störungen, also körperliche Beschwerden, für die keine organische Ursache gefunden wird, sind mit einer Betroffenenrate von sechs Prozent die zweithäufigste psychische Störung bei den jungen Erwachsenen. „Die hohe Zahl junger Erwachsener mit psychischen Erkrankungen zeigt, dass wir verstärkt auf Prävention setzen müssen. Auch ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer der Betroffenheit weitaus höher ist. Denn nicht jeder junge Mensch mit psychischen Problemen sucht ärztliche Hilfe“, erläutert Schleswig-Holsteins Barmer Landesgeschäftsführer Dr. Bernd Hillebrandt.

Psychische Belastungen vermeiden

Für Dipl.-Psych. Heiko Borchers, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in Kiel sowie Vorsitzender der Landesgruppe Schleswig-Holstein der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV) liefern die Zahlen der Barmer den Beleg für zahlreiche bedenkliche Entwicklungen, die er aus seinem Praxisalltag kennt. „Eine Gemengelage aus aufgelösten Familienstrukturen, Kinderarmut, schulischem sowie universitärem Leistungsdruck, um nur einige wenige von vielen Ursachen zu benennen, erhöht das Risiko, schon in jungen Jahren an einer psychischen Störung zu erkranken“, erklärt Borchers. Aus seiner Sicht ist die Gesellschaft und sind vor allem die politisch Verantwortlichen zum Handeln aufgefordert. „Wir müssen weg vom heutigen Krankheits-Reparaturbetrieb. Es gilt schon die Risiken für psychische Störungen zu reduzieren, um so das Entstehen von Erkrankungen zu vermeiden“, so Borchers weiter.

Probleme werden vorrangig alleine bewältigt oder mit Freunden beredet

Dass die Zahlen der Barmer dabei nur die Spitze des Eisbergs sind, teilt Dr.habil.David Daniel Ebert, Psychologe und Leiter der Forschungseinheit eMental Health am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Friedrich-Alexander Universität Erlangen Nürnberg (FAU) und Gründer des GET.ON Instituts für Gesundheitstrainings online: „57 Prozent der Menschen mit psychischen Erkrankungen suchen keinen Arzt auf. Der häufigste Grund dafür ist, dass viele Betroffene eher den Wunsch verspüren, Probleme selbstständig in den Griff zu bekommen. Auch wird sich eher mit Freunden beredet, als psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ So vergingen im Schnitt acht bis zehn Jahre, bis sich Betroffene mit psychischen Erkrankungen in Behandlung begäben.

Prävention und Online-Angebote helfen

Einen Schwerpunkt legt die Barmer auf das Vermeiden von psychischen Erkrankungen. So bietet die Krankenkasse Online-Trainings zur Prävention und Bewältigung von psychischen Beschwerden an, mit denen Betroffene wesentlich früher erreicht werden können. Sie vermitteln effektive Strategien, um leichte Beschwerden vorwiegend selbstständig bewältigen zu können. Zudem können Online-Trainings als ergänzendes Angebot zur Psychotherapie und zur Überbrückung der Wartezeit auf einen Therapieplatz genutzt werden. Auch können die Angebote dazu beitragen, die überproportionale Inanspruchnahme begrenzter psychotherapeutischer Plätze bei nur ‚leichten‘ Problemen zu reduzieren, um so Platz zu schaffen für Betroffene, die dringender Unterstützung brauchen. So zeigen die Analysen der Barmer, dass 28 Prozent der jungen Erwachsenen bei einer leichten depressiven Episode Psychotherapie bei einem niedergelassenen Therapeuten in Anspruch nehmen. Bei den schwer depressiv Erkrankten sei die Quote nur geringfügig höher.

Die von der Barmer angebotenen Online-Trainings des GET.ON Institutes  PRO MIND und StudiCare werden bereits von vielen Barmer-Versicherten genutzt. „Die bisherigen Ergebnisse zeigen ganz deutlich, dass sich die Lebensqualität der Teilnehmer verbessert. Und wir erreichen mit Online-Angeboten Menschen, die sich ansonsten gar keine Hilfe holen würden“, erklärt Ebert, der mit seinem Team über 15 Internet-basierte Gesundheitsinterventionen entwickelt hat, darunter PRO MIND und StudiCare. Barmer-Landeschef Hillebrandt ergänzt: „In solchen Online-Angeboten sehen wir großes Potenzial, vor allem, da Sie dem Wunsch vieler Betroffener entgegenkommen, Beschwerden zunächst selbstständig zu bewältigen. Wir begleiten Sie dabei und geben ihnen effektive und wissenschaftlich geprüfte Strategien an die Hand. Und sollte dies nicht ausreichen, kann dies ein Einstieg sein in weitere Versorgungsangebote vor Ort.“

7.000 Studierende in Schleswig-Holstein haben psychische Probleme

Explizit an Studierende richtet sich das Online-Angebot StudiCare, das von der Barmer gefördert und von der FAU in Zusammenarbeit mit der Universität Ulm geleitet wird. „Studierende galten bislang als weitgehend gesunde Gruppe. Unsere Auswertungen zeigen aber, dass allein in Schleswig-Holstein schon fast 7.000 Studierende in der Altersgruppe 18 bis 25 Jahre von einer psychischen Erkrankung betroffen sind“, so Bernd Hillebrandt. Die Probleme können so groß werden, dass der normale Unialltag nicht mehr zu bewältigen ist, es zu Studienabbrüchen und existenziellen Krisen kommen kann. Hillebrandt: „Damit es nicht so weit kommt, braucht es solche niedrigschwelligen Angebote, die unkompliziert und frühzeitig helfen. Auf diesem Weg wollen wir das Stressmanagement und die Resilienz der jungen Akademiker fördern.“

Depressionen besonders häufig in Neumünster und Lübeck

Die Barmer hat auch analysiert, wie viele junge Erwachsene in den schleswig-holsteinischen Städten und Landkreisen von einer Depression betroffen sind. Danach ist die Diagnoserate in allen Kreisen innerhalb von zehn Jahren deutlich gestiegen. In Neumünster wurde im Jahr 2016 bei 11,2 Prozent der 18- bis 25-Jährigen eine Depression ärztlich dokumentiert, zehn Jahre zuvor lag die Diagnoserate bei 6,2 Prozent. Auch in Lübeck lag die Diagnoserate 2016 mit 10,9 Prozent (2006 = 7,2 Prozent) hoch. Der Landkreis Dithmarschen weist im Land die niedrigste Betroffenenquote, aber ebenfalls einen Anstieg aus: von 4,8 Prozent im Jahr 2006 auf 6,4 Prozent im Jahr 2016.


 

Webcode dieser Seite: p009734 Autor: Barmer Erstellt am: 26.06.2018 Letzte Aktualisierung am: 26.06.2018
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