Damit gute Vorsätze nicht ins Extreme kippen
Dresden/Leipzig, 06. Januar 2026 – Zum Jahresbeginn wollen viele Menschen ihr Essverhalten umstellen und ungesunde Gewohnheiten ablegen. Doch was als guter Vorsatz beginnt, kann schnell ins Extreme kippen. Darauf weist die Barmer hin – und warnt vor einem Trend, der vor allem junge Frauen unter Druck setzt. Auf Social-Media-Plattformen verbreiten sich Formate wie „SkinnyTok“, die ein extrem schlankes Körperbild propagieren. Zwar lässt sich ein direkter Zusammenhang zu Krankenkassendaten nicht eindeutig belegen, doch die aktuellen Auswertungen der Barmer zeigen eine alarmierende Entwicklung: In Sachsen ist die Zahl der diagnostizierten Essstörungen bei 12- bis 29-jährigen Mädchen und jungen Frauen in den vergangenen fünf Jahren um fast 40 Prozent gestiegen. 2018 wurden im Schnitt 10 von 1.000 jungen Sächsinnen wegen einer Essstörung behandelt, 2023 lag die Rate bereits bei 14,4 pro 1.000.
Dr. Claudia Beutmann, Landesgeschäftsführerin der BARMER in Sachsen
„Der Jahreswechsel bietet die Gelegenheit, alte Gewohnheiten zu überdenken und neue, gesunde Routinen zu etablieren. Er sollte kein Startschuss für riskante Selbstoptimierung sein, denn Diät-Trends bergen das Risiko einseitiger Ernährung und gesundheitlicher Nachteile“, sagt Dr. Claudia Beutmann, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Sachsen. Familien sollten aufmerksam auf Warnsignale achten und im Zweifel frühzeitig professionelle Hilfe suchen.
Typische Warnsignale können sein:
- auffällige Gewichtsveränderungen in kurzer Zeit,
- häufiges Reden über Kalorien, Diäten oder „Schlankheitsziele“,
- Vermeiden gemeinsamer Mahlzeiten oder heimliches Essen.
Wohlbefinden steigern durch Digital Detox
„Die auf Netzwerken wie Instagram und Tiktok ausgespielten Inhalte vermeintlich ‚schöner‘ dünner Models und Influencerinnen müssen sehr kritisch gesehen werden, da sie einen immensen sozialen Druck ausüben können“, so Dr. Beutmann weiter. Es sei wichtig, verantwortungsvoll und skeptisch mit den Inhalten umzugehen, damit sich bei jungen Menschen keine krankhaften Selbstbilder und psychischen Leiden entwickeln. Wenn die Beschäftigung mit bestimmten Influencerinnen nicht guttue, sei es ratsam, ihnen konsequent zu entfolgen. Auch der zumindest zeitweilige Verzicht auf Social Media, das sogenannte Digital Detox, könne beitragen, das Wohlbefinden zu steigern.
Leipzig am stärksten, Mittelsachsen am wenigsten betroffen
Innerhalb Sachsens sind Essstörungen bei jungen Frauen zwischen 12 und 29 Jahren am stärksten in Leipzig verbreitet. Hier liegt die Betroffenenrate bei 21,7 von 1.000. Es folgen der Landkreis Görlitz (18,9 von 1.000) sowie die Städte Dresden (16,4 von 1.000) und Chemnitz (15,7 von 1.000). Die geringste Rate gibt es den Auswertungen zufolge im Kreis Mittelsachsen, wo bei 5,9 von 1.000 jungen Frauen eine Essstörung diagnostiziert wurde. Auch im Kreis Zwickau (7,8 von 1.000) fallen die Werte vergleichsweise niedrig aus. Der Mittelwert im Freistaat liegt mit 14,4 über dem bundesweiten Schnitt mit 14 von 1.000.
Verschiedene Arten von Essstörungen
Man unterscheidet zwischen drei Hauptformen der Essstörung. Bei der Anorexia nervosa handelt es sich in der Regel um untergewichtige Patientinnen und Patienten, wobei der Gewichtsverlust mit Absicht herbeigeführt bzw. aufrechterhalten wird. Betroffene beschäftigen sich in der Regel viel mit den Themen Essen und gesunde Ernährung. Die Erkrankung geht häufig mit einem erhöhten Aktivitätslevel bis hin zum Sportzwang einher. Bei der Bulimia nervosa leiden Betroffene unter Essanfällen unterschiedlichen Ausmaßes mit anschließenden kompensatorischen Maßnahmen wie Erbrechen, Abführen oder intensive Sporteinheiten, um die aufgenommenen Kalorien wieder loszuwerden. Nicht selten geht der Bulimie eine Anorexie voraus. Eine weitere Form ist die Binge-Eating-Störung, bei der Betroffene ebenfalls Essanfälle haben, diese jedoch nicht kompensieren, wodurch es im Krankheitsverlauf meist zum Übergewicht kommt.
Hintergrund
Im Sommer 2025 hat die Plattform Tiktok den Hashtag #SkinnyTok gesperrt und verweist bei entsprechenden Suchanfragen inzwischen auf Hilfsangebote bei Körperwahrnehmungsstörungen. Dahinterstehende Inhalte und Ideologien, die extremes Dünnsein idealisieren, sind jedoch unter neuen Namen weiterhin präsent. Kritische Berichterstattung und zielgruppengerechte Informationen können helfen, den Trend zu unrealistischen Körperbildern zu hinterfragen.
Für Schulen und Eltern bietet die Barmer das Präventionsprogramm „Durchblickt!“, mit dem die digitale Kompetenz bei Lehrkräften, Familien sowie Schülerinnen und Schülern gestärkt werden soll. Das Programm hilft, Gesundheitsinformationen besser bewerten und nutzen zu können.
www.durch-blickt.de
Um Familien zu unterstützen, haben die Sarah Wiener Stiftung und Barmer die digitale Plattform Familienküche ins Leben gerufen. Die kostenfreie Familienküche zeigt, wie Eltern ihre Kinder aktiv in den Essalltag einbinden können und macht Lust auf gemeinsames Kochen gesunder Mahlzeiten.
Datenquelle
Ausgewertet wurde das Erkrankungsbild „Essstörungen“. Alle Angaben stammen aus dem BARMER-Morbiditäts- und Sozialatlas und sind hier einsehbar: www.bifg.de/atlas/essstoerungen. Für den Morbiditäts- und Sozialatlas wurden die Routinedaten der Barmer durch das Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) unter Einbeziehung von soziodemografischen Faktoren, Regionalität und Morbidität auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands hochgerechnet. Die Barmer versichert bundesweit rund 8,4 Millionen Menschen, mehr als 300.000 davon in Sachsen.