Dr. med. Torsten Kudela und Axel Wiedemann
STANDORTinfo für Sachsen-Anhalt

Der Vorsitzende des Hausärzteverbands Sachsen-Anhalt Dr. med. Torsten Kudela im Barmer-Interview

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Der Name Kudela gleicht in Magdeburg einer Marke. Dr. Gitta Kudela begann bereits 1971 in der Poliklinik als Fachärztin für Allgemeinmedizin und arbeitete später auch als Rheumatologin. Ihre Söhne Torsten und Holger traten in ihre Fußstapfen. Wie sie bringt auch Torsten Kudela sich engagiert in der Berufspolitik ein. So ist der 48-jährige Allgemeinmediziner zum Beispiel in der Ärztekammer Sachsen-Anhalt und der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt aktiv. Ende April 2022 wurde er zum neuen Vorsitzenden des Hausärzteverbands Sachsen-Anhalt gewählt. Die Barmer traf ihn zum Interview und sprach mit ihm über impfende Apotheker, Landarztquoten und Johannes Heesters.


Dr. Kudela, der Titel einer Veranstaltung des Hausärzteverbands Sachsen-Anhalts lautete „Community Health Nurse, Impfzentren und Impfapotheken – Ist der Hausarzt noch erwünscht?“. Zu welchem Schluss sind Sie gekommen? Braucht Sachsen-Anhalt weiterhin Hausärztinnen und -ärzte?
Hausärzte wird es immer geben. Es ist nicht so, dass die Welt auf Impfapotheken oder -zentren oder Community Health Nurses gewartet hätte. Von daher ist es wichtig, kritisch zu hinterfragen, welchen Nutzen die Patientinnen und Patienten von derartigen Parallelstrukturen haben. In Sachsen-Anhalt hat nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung das Angebot der Apotheken in Anspruch genommen. Ich denke, wer keine Impfung möchte, lässt sich auch nicht von einer Apothekerin oder einem Apotheker impfen, genauso wenig wird er vermutlich eine Community Health Nurse aufsuchen. 


Also finden Sie nicht, dass neue Berufsbilder wie die Community Health Nurse oder die Physical Assistance (PA) den Gesundheitssektor künftig bereichern können?
Es wird sich erst noch zeigen müssen, ob diese neuen, teils niedrigschwelligen Angebote tatsächlich wahrgenommen werden. Was ich bedenklich finde, ist die Zielgruppe, an die sich diese neuen Studiengänge richten. Um Community Health Nurse zu werden, brauche ich aktuell unter anderem eine abgeschlossene Pflegeausbildung. Wir ziehen also bereits ausgebildete Fachkräfte aus dem System und schaffen so wiederum neue Lücken, die gefüllt werden müssen.


Richtig, der Fachkräftemangel: Auch bei den niedergelassenen Ärzten gibt es zunehmend Probleme bei der Nachfolgeregelung. Wie muss man dieser Herausforderung begegnen?
Ich glaube, wir müssen mehr Studienplätze für Hausärzte schaffen. Die Landarztquote ist ein erster wichtiger Schritt, aber insgesamt noch ausbaufähig. Zwanzig Plätze sind einfach zu wenig. Außerdem würde ich mir wünschen, dass wir unsere Landeskinder stärker fördern. Es sollte alles dafür getan werden, damit Studierende von Rahmenbedingungen profitieren, die sie in Sachsen-Anhalt bleiben lassen.


Nun sind Sie ja kein Landarzt, sondern in der Landeshauptstadt tätig. Wo liegen Ihrer Meinung nach Unterschiede in der Tätigkeit als Hausarzt?
Ich beneide meine Kolleginnen und Kollegen auf dem Lande nicht. Sie müssen sich um eine noch höhere Anzahl an Patientinnen und Patienten kümmern, weil es leider immer weniger Ärzte in den ländlichen Regionen gibt. Dazu kommen weite Wege bei Hausbesuchen. Ich bin mir aber sicher, dass die Mediziner auf dem Land auch nicht mit mir tauschen wollen. Das Anspruchsdenken der urbanen Bevölkerung ist durchaus höher. Vielleicht haben wir in der Stadt etwas weniger Patienten, aber die, die wir haben, kommen öfter. Wahrscheinlich gleicht sich das insgesamt alles sehr gut aus. Wir sind ja letztendlich alle Allgemeinmediziner.


Was macht Ihrer Meinung nach die Tätigkeit als Allgemeinmediziner aus?
Hausarzt zu sein, bedeutet Abwechslung. In meiner Praxis behandle ich Patienten vom Neugeborenen bis hin zum Hochbetagten. Mein ältester Patient ist 105 Jahre alt geworden. Vor allem langjährige Patientenbeziehungen finde ich sehr beglückend – menschlich aber auch medizinisch. Man kennt die gesamte Krankenhistorie und teilweise die Familiengeschichte. Das hilft mitunter auch dabei, Krankheitsrisiken zu erkennen und die optimale Behandlung auszuwählen.


Inwieweit haben sich in den vergangenen Jahrzehnten die Erwartungen der Patientinnen und Patienten geändert?
Ich würde sagen, die Patienten sind unsicherer und passiver geworden. Sie übernehmen immer weniger Selbstverantwortung im Gegensatz zu früher. Wenn Patienten zum Beispiel mit Fieber in meine Praxis kommen und ich frage, ob sie schon etwas dagegen unternommen haben, zucken die meisten mit den Achseln. Viele Menschen wissen sich heute bei den einfachsten Sachen nicht mehr selbst zu helfen. Dabei wollen am Ende alle so altern wie Johannes Heesters und sind dann traurig, wenn sie feststellen, dass sie ganz anders alt werden als ihr Idol. Mein Fazit: Es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten an Informationen zum Thema Gesundheit zu kommen. Diese Fülle an Wissen ist aber noch lange nicht gleichzusetzen mit Gesundheitskompetenz.

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