Das deutsche Gesundheitssystem ist überwiegend auf die Kuration, also auf die Heilung von Krankheiten ausgerichtet. Das spiegelt sich nicht nur in den Vergütungsstrukturen wider, sondern prägt auch die Erwartungen der Patientinnen und Patienten. Das führt zu vielen Patientenkontakten und hohen Ausgaben, aber nicht zu einer besseren Gesundheit. Deshalb muss die Politik den Fokus auf das Vermeiden und nicht auf das Heilen von Krankheiten legen.
Im Jahr 2023 gaben die gesetzlichen Krankenkassen laut dem Präventionsbericht des Medizinischen Dienstes Bund im Schnitt 3.887 Euro für Ihre Versicherten aus. Davon entfielen nur 8,49 Euro auf die Gesundheitsförderung und Prävention. Anreize für präventive Maßnahmen werden nur unzureichend gesetzt. Deutschland leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt. Trotzdem schneiden wir bei der Lebenserwartung und der Zahl der gesunden Lebensjahre schlechter ab als viele andere Staaten. Dieses Missverhältnis zwischen hohen Ausgaben und vergleichsweise unterdurchschnittlichen gesundheitlichen Ergebnissen verdeutlicht die Notwendigkeit, den Fokus verstärkt auf das Vermeiden von Krankheiten zu legen, um die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig zu stärken.
Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken
Die Gesundheitskompetenz ist die Grundlage dafür, um Gesundheitsinformationen finden, verstehen, beurteilen und anwenden zu können. Damit ist sie ein entscheidender Faktor für die persönliche Selbstbestimmung und Teilhabe. Eine aktuelle Studie der Universität Bielefeld zeigt jedoch, dass mehr als die Hälfte der baden-württembergischen Bevölkerung nur über eine geringe Gesundheitskompetenz verfügt. Besonders herausfordernd ist für sie der Umgang mit Informationen zur Gesundheitsförderung und Prävention. Die Studie macht deutlich, dass eine geringe Gesundheitskompetenz häufig mit einem weniger gesundheitsförderlichen Verhalten einhergeht. Zudem nehmen Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz das Gesundheitssystem häufiger in Anspruch, was sich in einer höheren Zahl von Hausarztkontakten, Krankenhausaufenthalten und der Nutzung medizinischer Notfalldienste widerspiegelt. Die Barmer fordert die Landesregierung auf, die Vermittlung von Gesundheitskompetenz fest in den Schullehrplänen zu verankern.
In einem zunehmend digitalisierten Gesundheitssystem gewinnt die digitale Gesundheitskompetenz immer mehr an Bedeutung. Die Bevölkerung muss befähigt werden, neue Technologien wie die elektronische Patientenakte eigenständig zu nutzen und sich souverän im digitalen Informationsraum zurechtzufinden. Dies trägt wesentlich zur Akzeptanz dieser neuen Angebote bei. Initiativen wie gesund und digital @Ländlicher Raum, worüber digitale Gesundheitsbotschafterinnen und -botschafter ausgebildet werden, setzen genau an der richtigen Stelle an und sollten weiterhin durch die Landesregierung gefördert werden. Krankenkassen haben mit § 20k SGB V den gesetzlichen Auftrag, die digitale Gesundheitskompetenz Ihrer Versicherten zu fördern. Mit DURCHBLICKT! hat die Barmer ein umfassendes Präventionsprogramm in diesem Bereich geschaffen, das neben Schülerinnen und Schüler auch Lehrkräfte und Eltern adressiert.
Aber auch der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) und die Gesundheitsämter spielen bei der Vermittlung von Gesundheitskompetenz eine wichtige Rolle. Dieses Potenzial muss stärker genutzt werden. Denn mit einem breiten Netz an Service- und Beratungseinrichtungen sind sie nah an den Bürgerinnen und Bürgern.
Prävention und Gesundheitsförderung priorisieren
Prävention und Gesundheitsförderung sind gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die nicht allein von einzelnen Akteuren geleistet werden können. Sie gehören zur staatlichen Daseinsvorsorge und müssen entsprechend koordiniert und finanziert werden. Ein gelungenes Beispiel für wirksame Prävention im frühen Lebensalter ist die gemeinsame Ernährungsinitiative Ich kann kochen! der Sarah Wiener Stiftung und der Barmer, die bereits seit über zehn Jahren umgesetzt wird. Sie zeigt eindrucksvoll, wie frühkindliche Prävention gelingen kann. Um diesen Ansatz zu verstetigen, sollten Gesundheitsförderung und Prävention fest im Schullehrplan verankert und durch eine verstärkte Elternarbeit ergänzt werden. Denn Prävention darf nicht an der eigenen Haustür enden – sie muss in den Lebenswelten stattfinden. Um langfristig und nachhaltig die Gesundheit der Bevölkerung zu stärken, ist ein Zusammenspiel verhaltens- und verhältnisbezogener Ansätze wichtig.
Prävention kennt auch keine Altersgrenzen. Insbesondere im Pflegebereich müssen Präventionsmaßnahmen mit dem Ziel eingesetzt werden, die Selbstständigkeit der betreuten Menschen so lange wie möglich zu erhalten und ihre Lebensqualität nachhaltig zu fördern. Gleichzeitig gilt es, die Gesundheit der Pflegekräfte zu schützen, um Arbeitsunfähigkeit vorzubeugen. Beschäftigte in der Pflege sind besonders häufig von Muskel-Skelett-Erkrankungen und psychischen Belastungen betroffen – Faktoren, die oft zu längeren Ausfallzeiten führen. Hier sind die Einrichtungen am Zuge, entsprechende Angebote zu implementieren. Die Barmer steht hierfür als Partner zur Seite.
Das Engagement des Landes, den ÖGD umfassend zu reformieren und einen starken Fokus auf die Gesundheitsförderung und Prävention zu legen, begrüßt die Barmer ausdrücklich.
Impfquoten erhöhen
Impfungen sind eine der effektivsten Präventionsmaßnahmen in der Medizin, um vor ansteckenden Erkrankungen zu schützen. Der Barmer-Arzneimittelreport zeigt, dass Baden-Württemberg bundesweit den höchsten Anteil an komplett ungeimpften Kindern aufweist – bezogen auf die 13 von der STIKO empfohlenen Impfungen innerhalb der ersten beiden Lebensjahre. Bei der HPV-Impfquote, die bei baden-württembergischen Kindern unterdurchschnittlich ist, zeichnet sich sogar eine sinkende Entwicklung ab. Besonders besorgniserregend ist, dass trotz der bestehenden Impfpflicht die Masernimpfquote in Baden-Württemberg nach Sachsen am niedrigsten ist. Zahlreiche Masernfälle in England im Jahr 2024 zeigen eindrücklich, dass ohne Erreichen der Herdenimmunität jederzeit derartige Ausbrüche möglich sind. Um die Impfquoten zu erhöhen, sollte das Land mehr niederschwellige Impfangebote schaffen und über zielgruppengerechte Impfkampagnen Aufklärungsarbeit leisten.
Positiv wirkt sich auch die Teilnahme am Kinder- und Jugendprogramm der Barmer aus: Hier sind die Impfquoten deutlich höher. Dieses Programm gewährleistet eine hochwertige medizinische Versorgung, die neben zusätzlichen U-Untersuchungen auch eine umfassende Beratung durch Kinder- und Jugendärzte über sinnvolle Impfungen beinhaltet. Zusätzlich sorgt ein Erinnerungssystem dafür, dass Impftermine nicht vergessen werden.
Klimaschutz im politischen Handeln verankern
Der Klimawandel zählt zu den größten Gesundheitsrisiken unserer Zeit und stellt das Gesundheitswesen vor doppelte Herausforderungen. Zum einen trägt der Gesundheitssektor selbst erheblich zu den Treibhausgasemissionen bei – in Deutschland sogar mehr als der gesamte Flugverkehr. Zum anderen führen zunehmende Hitzewellen, Extremwetterereignisse und veränderte klimatische Bedingungen zu komplexen gesundheitlichen Belastungen für die Bevölkerung. Einige Landkreise gehen bereits mit gutem Beispiel voran und entwickeln eigene Hitzeaktionspläne. Diese Pläne sollten interdisziplinär erarbeitet werden und neben dem Gesundheitsamt und der Stadtplanung auch die kommunale Gesundheitsplanung einbeziehen. Auch die gesetzlichen Krankenkassen sollten aktiv in diese Gremien eingebunden werden.
Das Land Baden-Württemberg entwickelt derzeit eine Health in All Policies-Strategie. Das zentrale Anliegen sollte sein, ein nachhaltiges, widerstandfähiges und klimafreundliches Gesundheitswesen zu gestalten. Denn Klimaschutz bedeutet immer auch Gesundheitsschutz. Wir fordern die neue Landesregierung eindringlich auf, diese Strategie entschlossen mit Leben zu füllen und damit den Grundstein für ein gesundes und klimafaires Baden-Württemberg zu legen.