Nocebo-Effekt: Wenn die Erwartung krank macht

Vom Placebo-Effekt werden die meisten vermutlich schon einmal gehört haben, vom Nocebo-Effekt wahrscheinlich deutlich weniger. Dabei ist er sozusagen dessen böser Bruder. Denn während der Placebo-Effekt bewirken kann, dass allein der Glaube an ein Medikament heilt, steht der Nocebo-Effekt für das genaue Gegenteil.

"Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker" lautet ein Standard-Satz in der Arzneimittelwerbung. Doch manche Menschen sollten genau das besser nicht tun, weil sich ansonsten eben diese Risiken und Nebenwirkungen bei ihnen einstellen würden. Negative Erwartungshaltung würden es Laien nennen, Mediziner sprechen vom Nocebo-Effekt. Bei der Übersetzung des Wortes "nocebo" wird schnell klar, warum der daraus resultierende Effekt zu einem Problem werden kann. Denn das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "Ich werde schaden". "Wenn sich bei Menschen der Nocebo-Effekt einstellt, kann das gravierende Auswirkungen auf ihren Alltag haben. Bereits das Lesen eines Beipackzettels löst bei ihnen Krankheitssymptome aus und Arzneien wirken bei ihnen schlechter oder gar nicht", erklärt Heidi Günther, Apothekerin bei der Barmer GEK. Besonders häufig treffe dieser Effekt bei chronisch Kranken zu, denen in der Vergangenheit kein Medikament wirklich geholfen habe. Sie würden häufig glauben, dass auch ein neues Präparat wieder wirkungslos bliebe.

Beipackzettel nicht überbewerten

Auf das Lesen des Beipackzettels ganz zu verzichten, kann aus Sicht der Expertin nicht die Lösung sein. Allerdings sollte man seine Bedeutung und die enthaltenden Informationen richtig einschätzen. "Beipackzettel dienen vor allem auch dazu, Hersteller vor möglichen Schadensersatzansprüchen zu schützen. Die Patienteninformation steht nicht allein im Vordergrund", so Günther. Wer sich das vor Augen führe, könne Warnhinweise besser einordnen.

Nicht Dr. Google fragen

Neben dem Beipackzettel kann nach Ansicht der Expertin auch das Internet häufig den Nocebo-Effekt auslösen. Wer nachts schlecht geschlafen hat und morgens beispielsweise mit Kreislaufproblemen, Kribbeln in Armen oder Beinen und Kopfschmerzen aufwacht, sollte diese Symptome besser nicht googeln. "Im Netz stößt man schnell auf Seiten, die eine schwerwiegende Erkrankung vermuten lassen. Deshalb ist es besser, sich bei Beschwerden von einem Apotheker beraten oder von einem Arzt untersuchen zu lassen. Er kann die Beschwerden richtig einordnen und gegebenenfalls eine Diagnose stellen", so Günther.

Schwachstelle Arztgespräch

Während eines Arzt-Patientengesprächs ist jedoch seitens des Mediziners ein besonderes Fingerspitzengefühl gefragt, um nicht versehentlich den Nocebo-Effekt auszulösen. Eine Stolperfalle kann beispielsweise medizinischer Fachjargon sein. Bei einer Aussage, dass ein Laborbefund negativ ist, bleibt bei manchen Patientinnen und Patienten nur das Wort "negativ" im Gedächtnis, so dass sie glauben, sie würden an einer schlimmen Krankheit leiden. Aber auch eigentlich aufmunternd gemeinte Sätze wie "Sie müssen keine Angst haben" bewirken häufig genau das Gegenteil. Deshalb gehört die richtige Gesprächsführung inzwischen auch zur Ausbildung angehender Mediziner. "Wenn Patienten die Aussagen des Arztes nicht verstehen, sollten sie immer nachfragen und nicht mit dem flauen Gefühl der Unsicherheit die Praxis verlassen", rät Günther.

Webcode dieser Seite: p001579 Autor: Barmer Erstellt am: 14.09.2016 Letzte Aktualisierung am: 15.12.2016
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