Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Thüringen. Foto: Michael Reichel
STANDORTinfo für Thüringen

Meine persönliche Sicht

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Redaktion

  • Birgit Dziuk (Landesgeschäftsführerin Barmer Thüringen)

Die Landesgeschäftsführerin der Barmer Thüringen, Birgit Dziuk, schildert ihre Sicht auf das aktuelle Geschehen im Thüringer Gesundheitswesen und insbesondere auf die geplante Zukunftswerkstatt.

Die Corona-Pandemie und nun auch das weltpolitische Geschehen lassen kaum Luft, um über die strategischen Fragen zu sprechen, die unser Gesundheitssystem betreffen. Doch auch das Gesundheitssystem leidet unter Atemnot und Vorhofflimmern – drohende Vorzeichen eines Infarkts der Gesundheitsversorgung mehren und verstärken sich gegenseitig: die Ruhestandswelle der Babyboomer-Generation steht unmittelbar bevor; auch Geld lockt den Nachwuchs kaum noch aufs Land; chronische Erkrankungen nehmen zu, was eine stärkere sektorenübergreifende Zusammenarbeit erfordert, die aber nicht in die Gänge kommt. Die Liste könnte beliebig fortgesetzt werden, was allerdings an dieser Stelle den Rahmen sprengt.  

Es geht nicht anders - im Hier und Jetzt muss bereits diskutiert und entschieden werden, wie die Gesundheitsversorgung in zehn Jahren und darüber hinaus sichergestellt werden soll. Denn viele Entscheidungen entfalten nur sehr langsam ihre Wirkung.

In einer großen Kraftanstrengung haben sich nun der Thüringer Landtag und Gesundheitsministerin Heike Werner auf ein völlig neues Format verständigt, um ein gemeinsames Zielbild zur künftigen Gesundheitsversorgung zu erarbeiten. Im Barmer Nachmittagstalk kündigte Ministerin Werner diese „Zukunftswerkstatt“ an. Ein breites parlamentarisches Bündnis aus SPD, Grünen, Linkspartei und CDU hat dies in einem Entschließungsantrag untermauert. Das ist ein starkes Zeichen! Die politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger machen ernst und wollen die Strukturprobleme anpacken. Klar, dass dies nur gemeinsam mit Regierung und Landtag gelingen kann.

Stumme Unkenrufe

Die ersten Unkenrufe werden laut: „Noch ein Gesprächskreis, noch so ein Rohrkrepierer wie das 90a-Gremium? Was soll das bringen?“ An dieser Stelle möchte ich den zentralen Unterschied verdeutlichen. Die Zukunftswerkstatt ist als offenes, transparentes Format angelegt, in dem alle Perspektiven gehört und abgebildet werden sollen. Es braucht dieses partizipative Format, denn die Erfahrung hat gelehrt, dass Reformen immer an intransparenten Abläufen, fehlender oder zu später Aufklärung und Einbindung der Bevölkerung und lokaler Mandatsträger scheitern. Das Beispiel im Kyffhäuserkreis aus 2017/2018 ist dafür Kronzeuge. Man muss berechtigte Sorgen und Ängste vor Veränderungen nehmen und von Anfang an mit den Beteiligten einen Blick auf die Chancen richten. 

Dieser Prozess sollte vom Sozialministerium klug und zeitlich straff orchestriert und von den Akteuren getragen werden. Am Ende benötigt es auf jeden Fall auch Mut und richtungsweisende Schritte der Landesregierung und des Landtages.

Thüringen ist nicht das erste Bundesland, das solche Formate nutzt. Im vergangenen Jahr hat es in Sachsen eine Zukunftswerkstatt für das Landeskrankenhausgesetz gegeben. Nach einem halben Jahr straffer Terminplanung und extern moderierter Werkstattgespräche waren alle Akteurinnen und Akteure aus ihren Schützengräben geklettert. Das Format hat Verständnis füreinander geschaffen. Dieses Vertrauen ist Grundvoraussetzung für jede Bereitschaft, etwas Neues zu wagen. Es muss klar sein, dass es keine Verlierer geben wird, aber dass die Patientinnen und Patienten - unsere Versicherten - im Mittelpunkt aller Veränderungen stehen.

Die Zeit drängt

Die Bereitschaft für Veränderung ist nach meiner Einschätzung so groß wie nie. Dafür spricht auch die riesige Resonanz beim Nachmittagstalk mit Ministerin Werner, an dem fast alle Thüringer Krankenhäuser teilgenommen haben. Man erwartet verlässliche Aussagen, wie es weitergeht. Für manche Kliniken wird die Luft dünner. In der realen Versorgung zeigt sich immer öfter veränderter Koordinierungs- und Planungsbedarf.  Deshalb muss die Zukunftswerkstatt sich zuallererst dem Thema Krankenhausversorgung widmen. Der anstehende 8. Krankenhausplan, der 2024 in Kraft treten soll (quasi übermorgen) braucht Impulse und Rückhalt aus der Zukunftswerkstatt. Die Zeit drängt also.

Wir müssen mit dem Thema Krankenhaus zügig und beherzt anfangen, dürfen dort aber nicht stehen bleiben. Krankenhäuser sind zentrale Akteure in der Versorgung. Versorgung ist aber nicht isoliert zu betrachten. Der Megatrend Ambulantisierung einerseits und der Bedarf chronisch kranker Menschen andererseits erfordern koordinierte Behandlungsnetzwerke. Versorgung ist heute mehr denn je ein Gemeinschaftswerk. Dabei sind die Patientinnen und Patienten zwingend mitgemeint.

Qualität bestimmt das Angebot

Die Patientinnen und Patienten sind anspruchsvoller geworden und informierter. Viele suchen längst aktiv nach Kliniken und auch nach ambulanten Anbietern, die einen guten Ruf haben und gute Bewertungen.  Dafür nehmen die Menschen auch weitere Wege in Kauf. So können sich auch kleine Standorte mit Spezialisierung etablieren – etwa Eisenberg als bundesweit gefragte Orthopädieklinik oder die Lungenklinik in Neustadt/Südharz. Künftig wird die Qualität der Leistung noch stärker darüber entscheiden, welche Angebote bestehen bleiben.

Unsere Aufgabe als gesetzliche Krankenversicherung, aber auch aller Leistungserbringenden und der Politik ist es, den Menschen alle Informationen an die Hand zu geben, diese Entscheidungen treffen zu können. Und wir müssen aufklären, dass es längst zwischen Krankenhaus und Arztpraxis viel mehr Versorgungsformen gibt, die den jeweiligen Bedarfen vor Ort aber oft besser gerecht werden. Ein Krankenhaus, das es faktisch nur noch auf dem Schild gibt, hilft niemandem. Viele kleine Standorte haben Probleme mit sinkenden Fallzahlen und Dienstplänen, die auf Kante genäht sind. Schaut man sich die Fälle an, sinkt vielerorts der Schweregrad und steigt der Anteil von Kurzliegenden, die nur ein oder zwei Tage aufgenommen werden. Ist das noch „Krankenhaus“? Oder nicht längst „ambulantes Operationszentrum“? Die Menschen brauchen nicht überall ein CT, aber sie brauchen eine schnell erreichbare Erstversorgung – oder einen Rettungswagen, der sie gleich in das nächst-geeignete Krankenhaus fährt.

Klar ist aber auch: Nicht überall wird es genügend niedergelassene Ärztinnen und Ärzte geben. Das Durchschnittsalter steigt, viele finden keine Nachfolge für die eigene Praxis. Es liegt auf der Hand, dass weiterhin jeder Klinik-Standort benötigt wird. Aber auf dem Türschild wird künftig vielleicht auch etwas Anderes stehen.

Klug, ehrlich, transparent

Die Diskussion der Zukunftswerkstatt muss ergebnisoffen, aber zielgerichtet geführt werden. Klar ist, es wird nicht das Patentrezept für alles geben. Regional passende Lösungen sind gefragt. Werden diese nicht geschaffen, werden sich die Probleme ihre eigenen Lösungen suchen. Es ist zu bezweifeln, dass diese mit dem Anspruch gleichwertiger Lebensverhältnisse und Gesundheit als Daseinsvorsorge viel gemein haben. Notwendig sind eine qualitativ hochwertige Versorgung und ein modernes, vernetztes Gesundheitssystem. Das erfordert kluge, ehrliche Analysen, viel Kommunikation und vor allem Entscheidungen.

Packen wir es an! Die Ressourcen für eine aktive Mitarbeit an der Zukunftswerkstatt hat unser konsensorientiertes und selbstverwaltetes System der gesetzlichen Krankenversicherung auf jeden Fall. Für die Menschen in Thüringen.