Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Thüringen. Foto: Michael Reichel
STANDORTinfo für Thüringen

Meine persönliche Sicht

Lesedauer unter 3 Minuten

Leitartikel von Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der Barmer Thüringen

Koordiniert zusammenarbeiten, ohne sich frei nach dem Motto „Alle machen Alles“ gegenseitig die Butter vom Brot zu nehmen. Darauf kommt es an und nur so kann es gelingen, dass die Thüringer Krankenhausstandorte auch in Zukunft Teil der Versorgungslandschaft im Freistaat bleiben. Die Pandemie hat viele Kooperationspotenziale sichtbar und nutzbar gemacht. Es gilt, Lehren aus der Krise zu ziehen und so für kommende Herausforderungen gewappnet zu sein. Dazu braucht es politischen Willen und proaktive Planungsprozesse unter der Federführung des Landes Thüringen.

Denn es wird eine Zeit nach der Pandemie geben. Thüringens Corona-Versorgungskonzept für die Regionen des Landes setzt Maßstäbe und könnte für Vieles eine Blaupause sein. Und der achte Thüringer Krankenhausplan wirft seine Schatten bereits voraus. Fakt ist, dass darin Perspektiven insbesondere für die kleinen Klinikstandorte eingearbeitet werden müssen. Mehr denn je ist dabei konsequent der politische Wille gefragt. Es gilt, die Zukunft des Thüringer Gesundheitswesens aktiv zu gestalten, statt den teils rasanten Entwicklungen, dem medizinischen Fortschritt und auch der wirtschaftlichen Situation weiter hinterher zu laufen. Mit den ambulanten Möglichkeiten der Medizin sind wir im 21. Jahrhundert angekommen, mit den Strukturen stecken wir allerdings noch im 20. Jahrhundert fest. Sie können gewiss sein, dass dies nicht allein meine Meinung ist, sondern auch die zahlreicher Ärztinnen und Ärzte.

Wenn der Status Quo weiter unkoordiniert seine Lösungen sucht, wird eine kalte Marktbereinigung an der einen oder anderen Stelle unabwendbar sein. Die Versorgung der Menschen in Thüringen würde sich verschlechtern. Das Vertrauen der Bevölkerung könnte massiven Schaden nehmen.

Qualität im Fokus

Um dieses Szenario zu verhindern, muss bereits jetzt eine am Bedarf orientierte Krankenhausplanung für das Land initiiert werden, die insbesondere den ambulanten Sektor mit einbezieht. Wird dabei der Fokus auf das Thema Qualität gelegt, offenbaren sich die Schwächen des Status Quo: Nicht jedes Krankenhaus kann alles leisten - und wenn, dann auf Kosten der Qualität. Standorte nehmen sich aufgrund bestehender Doppelstrukturen gegenseitig die Patientinnen und Patienten weg. Patienten und Personal stimmen mit den Füßen ab. Potenziale der ambulanten Medizin bleiben ungenutzt und punktuelle Investitionen sind mit Blick auf das Fördern zukunftsfähiger Krankenhausstrukturen nicht nachhaltig.

Steht jedoch die Qualität im Mittelpunkt einer strukturierten und sektorenübergreifenden Versorgung, wird es keine unterbesetzten Fachabteilungen mehr geben, werden Spezialkliniken überregionale Strahlkraft erfahren, werden kleine Standorte einen Mix aus ambulanter und stationärer Versorgung bieten. Die medizinische Versorgung wäre auch im ländlichen Raum qualitativ hochwertig und langfristig sichergestellt. Kommunen, Land und Leistungserbringende könnten intensiv kooperieren, Arbeitsplätze würden gesichert und kranke Menschen mit weniger Komplikationen versorgt.

Zusammenarbeit auf allen Ebenen

Dafür braucht es eine konkrete Leistungszuordnung zu den Standorten und offene, ehrliche Diskussionen über die Zukunft kleiner Grundversorger im ländlichen Raum. Die Frage ist dabei nicht ob, sondern wie diese Standorte künftig Teil der Versorgungslandschaft sein sollen. Es geht um Modernisierung und um Mehrwerte für die Menschen. Diese Aspekte müssen - ebenso wie die Forderung nach Planung und Einhaltung von Qualitätskriterien für die Standorte - den Menschen im Land nähergebracht werden, statt sie eines Tages mit den Ergebnissen einer kalten und ungewollten Marktbereinigung konfrontieren zu müssen.

Die Ressourcen sind vorhanden, um das bestehende System sinnvoll weiterzuentwickeln. Ein wichtiger Baustein dabei ist die Digitalisierung. Denn diese vermag zu vernetzen und Zusammenarbeit zu fördern. Über physische-, mentale-, Sektoren- und Konzerngrenzen hinweg.

Als Barmer sind wir Partnerin in all diesen Prozessen. Auf Gesetzesänderungen muss Thüringen nicht warten. Der Freistaat braucht den politischen Willen und Konsens der Akteurinnen und Akteure, die Krankenhäuser für die Zukunft fit zu machen. Es braucht Strategien für die Gesundheit 2035 in Thüringen. Sonst leidet die Versorgung, sonst schwindet das Vertrauen, sonst öffnen sich große Bühnen für Populisten.

Machen wir uns auf den Weg!

Nach oben