Zwei Drittel der Jugendlichen in Thüringen tragen Zahnspange - und zwar sehr lange

Erfurt, 03.01.2017

Deutschlands Kinder und Jugendliche sind Weltmeister im Zahnspange tragen. Medizinisch ist das oft jedoch gar nicht notwendig. Auch in Thüringen gibt es mehr Jugendliche mit als ohne: Im Schnitt 65 Prozent eines Jahrgangs bekommen eine kieferorthopädische Behandlung, ergab eine Auswertung der Barmer. Die Behandlungsdauer hat es in sich: In der Regel sind es drei bis sechs Jahre. „Es ist damit einer der häufigsten, aber auch längsten medizinischen Eingriffe bei Kindern und Jugendlichen überhaupt. In Thüringen sind es sogar noch etwas mehr als in anderen Bundesländern“, so Robert Büssow, Sprecher der Barmer in Thüringen.

Eine aktuelle Befragung der Krankenkasse gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung ergab, dass die Behandlung nur in jedem vierten Fall auf Initiative der Eltern erfolgte. In der Regel veranlasste der Zahnarzt (81 Prozent) den Eingriff. Der überwiegende Anteil der Jugendlichen (89 Prozent) war anschließend zwar mit dem Ergebnis zufrieden, trotzdem stand für die Autoren die Frage im Raum: Brauchen wirklich so viele Kinder eines Jahrgangs eine kieferorthopädische Behandlung? Es bestehe den Autoren zufolge eine „Dominanz einer überwiegend anbieterinduzierten Nachfrage“. Die Mehrheit der Kinder sei vor der Behandlung beschwerdefrei gewesen. Laut internationalen Studien erhöhe sich bei Nichtbehandlung weder das Risiko für Karies oder Parodontitis.

Die meisten Kinder bekommen erst lose, dann feste Zahnspange

Bemerkenswert ist auch, dass viele Jugendliche erst eine lose Spange tragen, bevor sie eine festsitzende Apparatur bekommen (65 Prozent). Dadurch verlängert sich die Behandlungsdauer jedoch erheblich. Während im internationalen Vergleich etwa 20 bis 25 Monate üblich sind, sind es hierzulande zwischen 37 und 75 Monate, also bis zu sechs Jahre. „Für die meisten Kinder wäre die Behandlung mit fester Zahnspange im bleibenden Gebiss das Mittel der Wahl. Sie ist kürzer, effektiver und kostengünstiger als eine zweistufige Behandlung mit vorangehender loser Zahnspange“, so Büssow. Hinzu kommen immer wieder unerwünschte Komplikationen (siehe Kasten). Jeder zweite hat oft Schmerzen, häufig ging auch die Apparatur kaputt und 40 Prozent hatten längere Zeit deutliche Schwierigkeiten beim Essen (siehe Grafik).

Laut Gesundheitsmonitor von Barmer und Bertelsmann-Stiftung werden in Deutschland jedes Jahr etwa 400.000 Zahnspangen eingesetzt, allein bei der Barmer in Thüringen kommen jedes Jahr 1300 Neufälle hinzu. Bis zum 18. Lebensjahr werden die Kosten von in der Regel 3000 bis 5000 Euro zwar von der Kasse übernommen, dennoch erhalten 85 Prozent der Eltern weitere private Zusatzleistungen für im Schnitt 1200 Euro. Darunter solche mit zweifelhaftem Nutzen wie spezielle Bögen oder Brackets. „Es wäre zu wünschen, dass Eltern vom Arzt besser über den medizinischen Nutzen aufgeklärt werden“, so Büssow. Die Barmer vermittelt seit Kurzem eine kostenlose Zweitmeinung durch Zahnärzte und Kierferorthopäden, um Behandlungen und Alternativen zu erläutern. Die vollständige Studie finden Sie unter: www.gesundheitsmonitor.de/Studien

Hintergrund: Anspruch auf eine Kieferorthopädische Behandlung?

Ein Anspruch auf eine Kieferorthopädische Behandlung besteht in der Gesetzlichen Krankenversicherung bis zum 18. Lebensjahr, wenn eine Kiefer- oder Zahnfehlstellung vorliegt, die das Kauen, Beißen, Sprechen oder Atmen erheblich beeinträchtigt oder zu beeinträchtigen droht.

Häufigkeit unerwünschter Ereignisse bei den Jugendlichen

Zahnspange Zahnarzt KFO
 

Webcode dieser Seite: p007063 Autor: Barmer Erstellt am: 03.01.2017 Letzte Aktualisierung am: 03.01.2017
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