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10.300 Kinder in Sachsen haben Kreidezähne – Sind Antibiotika eine Ursache für die Erkrankung?

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Barmer Zahnreport 2021: In der aktuellen Studie ist es gelungen, einen Zusammenhang zwischen einer MIH-Erkrankung und der Gabe von Antibiotika, die etwa bei Atem- oder Harnwegsinfekten zum Einsatz kommen, nachzuweisen.

Dresden/ Leipzig, 15. September 2021 – Die Zähne sind verfärbt und fleckig, sie sind oft schmerzempfindlich und so weich, dass sie schließlich bröckeln. Die Rede ist von Kreidezähnen, im Fachjargon: Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) des Zahnschmelzes. In Sachsen sind 5,6 Prozent der Sechs- bis unter 10-Jährigen betroffen, so der Barmer-Zahnreport 2021. Sachsenweit hochgerechnet wären das etwa 10.300 Jungen und Mädchen, etwa jedes 20. Kind in diesem Alter. „Kreidezähne sind nach Karies die bedeutendste Zahnerkrankung bei Kindern. Tatsächlich dürften noch viel mehr Menschen betroffen sein. Denn Kreidezähne sind irreversibel. Sie kommen auch bei Älteren vor“, sagt Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen bei der Vorstellung der Barmer-Studie im Freistaat. „Stark betroffene Kinder leiden oft sehr unter der Zahnschädigung. Sie haben Schwierigkeiten beim Essen, Schmerzen bei der Zahnreinigung. Außerdem wirken sich die farb- und formveränderten Zähne nicht förderlich auf das psychische und soziale Wohlbefinden der Kinder aus. Neben den physischen Schmerzen leidet also auch die Kinderseele“, beschreibt Prof.  Dr. Christian Hirsch, Direktor der Poliklinik für Kinderzahnheilkunde und Primärprophylaxe des Universitätsklinikums Leipzig, die Problematik. Die klinischen Auswirkungen der MIH und deren Therapiemöglichkeiten in der Zahnarztpraxis sind wichtige Forschungsschwerpunkte in seiner Klinik.

Zusammenhang von Antibiotika und Kreidezähnen sichtbar

Bei Kreidezähnen ist die Mineralisation des Zahnschmelzes gestört. Deshalb baut sich dieser nicht richtig auf und der Zahn wird bröselig. Über die Ursachen wird viel diskutiert. In der aktuellen Studie ist es gelungen, einen Zusammenhang zwischen einer MIH-Erkrankung und der Gabe von Antibiotika, die etwa bei Atem- oder Harnwegsinfekten zum Einsatz kommen, nachzuweisen. „Es hat sich gezeigt, dass Kindern mit Kreidezähnen in den ersten vier Lebensjahren gut 10 Prozent mehr dieser gängigen Antibiotika verordnet wurden als Gleichaltrigen ohne MIH. Die Verordnung von Antibiotika steht damit in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem Auftreten von Kreidezähnen. Allerdings ist noch unklar, wie genau Antibiotika die Entstehung von Kreidezähnen fördern“, sagt Dr. Magerl. Hier seien weitere Untersuchungen erforderlich. In der Regel würden die Kreidezähne in den Zahnarztpraxen bei Kindern ab einem Alter von sechs Jahren diagnostiziert. Dabei sind die bleibenden Zähne bereits vor ihrem Durchbruch geschädigt. Die Ernährung habe damit auf die Entstehung von Kreidezähnen eher keinen Einfluss. Auch regelmäßiges Zähneputzen könne Kreidezähne nicht verhindern, da die Zähne bereits geschädigt durchbrechen. Somit sei Prävention nahezu unmöglich. „Für die Eltern betroffener Kinder ist das eine wichtige Botschaft. Sie haben nichts falsch gemacht!“, sagt Dr. Fabian Magerl.

Antibiotika: Sachsens Kinder-, Jugendärzte seit Jahren besonders achtsam

„Vor dem Hintergrund, dass Antibiotika Einfluss auf die Bildung von Kreidezähnen haben können, muss weiterhin auf deren verantwortungsvollen und indikationsgerechten Einsatz hingewiesen werden“, sagt Dr.-Doktor Magerl. „Antibiotika sind ohne jeden Zweifel segensreich. Doch die Prämisse lautet, so viel wie nötig und so wenig wie möglich.“ Unabhängig vom Thema Kreidezähne sei man in Sachsen bei der Antibiotikamenge bereits auf einem guten Weg. So habe sich die verordnete Antibiotikagabe bei Kindern bis fünf Jahren zwischen 2005 und 2019 im Sachsen deutlich mehr als halbiert. „Die zunehmende Darstellung einer Vielzahl von Nebenwirkungen durch Antibiotika, wie hier beispielsweise die Kreidezähne machen eine sogenannte ‚Rationale antibiotische Therapie‘ immer bedeutsamer. Da im Kleinkindalter die meisten Infekte virale Ursache haben, wird in der ambulanten Behandlung von Kindern die Strategie des Abwartens, das heißt die ‘Nicht-Auswahl‘ oder ‚Noch-nicht-Auswahl‘ eines Antibiotikums mehr und mehr in den Vordergrund gestellt. Allerdings sind Krankheitsverläufe nie sicher vorhersagbar. Daher ist das Abwarten und weitere Beobachten für uns Kinder- und Jugendärzte ein unverzichtbarer Bestandteil in der fundierten rationalen ambulanten Therapie. Denn, falls nötig muss nachkorrigiert werden“, sagt Dipl. Med. Stefan Mertens, niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Sachsen.

Rechtzeitiges Erkennen kann Beschwerden deutlich lindern

Bereits wenn der erste Milchzahn durchbricht, sollte der Zahnarzt regelmäßig auf die Kinderzähne schauen. Kinder bis sechs Jahre werden in Sachsen leider noch zu selten einem Zahnarzt vorgestellt. „Eltern warten oft zu lange, bevor sie mit ihrem Kind das erste Mal zum Zahnarzt gehen“, so der Barmer Landeschef. Im Jahr 2019 besuchten nur etwa 37 Prozent der Familien mit ihrem unter sechsjährigen Nachwuchs eine Zahnarztpraxis. Eine Früherkennungsuntersuchung pro Jahr sei für Kinder zwischen dem sechsten und dem 72. Lebensmonat möglich, zwischen dem sechsten und dem 18. Lebensjahr dann eine pro Kalenderhalbjahr. Würden Zahnschädigungen frühzeitig erkannt und rechtzeitig Maßnahmen eingeleitet, könne schmerzenden Kinderzähnen vorgebeugt werden. „Denn neben der Ursachenforschung sind für die betroffenen Kinder die Auswirkungen der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisationen (MIH) des Zahnschmelzes von großer praktischer Bedeutung. Diese reichen von der Überempfindlichkeit eher leicht erkrankter bis hin zur Extraktion von extrem stark geschädigten und damit auch oft sehr schmerzenden Zähnen“, bestätigt auch Prof. Dr. Christian Hirsch.

Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen

Neben der Ursachenforschung liefert der Barmer-Zahnreport eine Bestandsaufnahme zum Phänomen der Kreidezähne. Betroffen sind demnach häufiger Mädchen als Jungen. Zwischen den Jahren 2012 bis 2019 hatten 9,1 Prozent der Mädchen und 7,6 Prozent der Jungen in Deutschland eine so schwere Form der Kreidezähne, dass sie in zahnärztlicher Behandlung waren. Auch gibt es regional deutliche Unterschiede. In Sachsen habe man Kreidezähne am häufigsten bei Kindern aus Leipzig festgestellt. Dort seien mehr als sieben Prozent in dieser Altersgruppe betroffen. Am geringsten sei die Prävalenz in Mittelsachsen und im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (4,9 Prozent). Dr. Magerl: „Im Vergleich der Bundesländer deutschlandweit gibt es erfreulicher Weise nur in Hamburg noch weniger betroffene Kinder als in Sachsen. Allerdings können wir diese regionalen Unterschiede aktuell noch nicht erklären.“

Weitere Informationen

Zahnvorsorge Kinder: www.barmer.de/a000110
Kreidezähne: www.barmer.de/a006550
Barmer Zahnreport 2021: www.barmer.de/a006549

Kontakt für die Presse:

Claudia Szymula
Pressesprecherin Barmer Sachsen
Telefon: 0800 333 004 152231
E-Mail: presse.sn@barmer.de
Twitter: twitter.com/BARMER_SN

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