Pressemitteilungen aus Sachsen-Anhalt

Kontakte zu Psychotherapeuten haben sich in Sachsen-Anhalt fast verdoppelt

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Magdeburg, 2. Juli 2020 – Immer mehr Menschen in Sachsen-Anhalt benötigen eine Psychotherapie. Allein im Jahr 2018 suchten zwischen Arendsee und Zeitz rund 59.000 Menschen einen Therapeuten auf und damit 80,5 Prozent mehr als in 2009 (rund 32.700). Das ist nach Mecklenburg-Vorpommern der zweithöchste Anstieg in ganz Deutschland in diesem Zeitraum. Um den Betroffenen schneller zu helfen, wurde im Jahr 2017 die bundesweit gültige Psychotherapie-Richtlinie reformiert. Die Wartezeit bis zu einer Psychotherapie sind kürzer geworden, bei lediglich 16,4 Prozent der Patientinnen und Patienten verstrichen zwischen Psychotherapeutischer Sprechstunde und Therapiebeginn acht oder mehr Wochen. Das geht aus dem aktuellen Barmer-Arztreport hervor. „Die Reform der Psychotherapie-Richtlinie hat den Zugang zu psychotherapeutischer Ersthilfe erleichtert, das reicht aber nicht aus. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind zum Teil nach wie vor zu lang, zumal sich psychische Probleme chronifizieren können. Wenn räumlich möglich und wenn es medizinisch machbar und sinnvoll erscheint, sollten mehr Gruppentherapien angeboten werden“, sagte Axel Wiedemann, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen-Anhalt, bei der Vorstellung des Arztreports am Donnerstag. Mehr als 94 Prozent der Behandlungen werden aktuell noch als Einzeltherapie durchgeführt.

Psychotherapeutische Sprechstunde hat sich bewährt

Allein von 2016 bis 2018 hat sich der Anteil der Bevölkerung mit Kontakt zu Psychotherapeuten in Sachsen-Anhalt um 19 Prozent erhöht – von rund 49.500 auf 59.000 Personen. In diesen Zeitraum fällt die Reform der Psychotherapie-Richtlinie (2017), seitdem müssen die Praxen eine Psychotherapeutische Sprechstunde anbieten. In diese Sprechstunde gelangen die Patienten entweder durch die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen oder durch Telefonate mit den Praxen der Psychotherapeuten. Hilfesuchende erhalten innerhalb von vier Wochen einen Termin. Aus der Sprechstunde gehen die Patienten mit einer Diagnosestellung sowie einer Beratung, wie es weitergehen kann. Dort werden die Weichen gestellt, ob jemand wirklich eine Psychotherapie oder andere Hilfen braucht. „Aus unserer Sicht hat sich die Psychotherapeutische Sprechstunde sehr bewährt“, resümiert Dr. Gregor Peikert, Präsident der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK). „Über die neue Sprechstunde finden Menschen viel schneller Zugang in die psychotherapeutische Versorgung“, so Peikert. Für einige Veränderungen sorgte auch die Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten, in denen die Psychotherapeuten zum Kontakterhalt mit Patienten und unter Quarantäne stehenden Menschen ihre Arbeitsweise auch auf Videobehandlungen umgestellt haben. „Die psychotherapeutische Fernbehandlungen ist erst seit einem halben Jahr als Kassenleistung zugelassen. Eine von der OPK durchgeführte Befragung unter unseren Kollegen hat ergeben, dass viele Therapeuten dies auch weiterhin als ergänzende Behandlungsform anbieten werden – dies aber sehr differenziert. Die Behandlung im persönlichen Kontakt wird die erste Wahl bleiben“, sagte der OPK-Präsident.

Zahl der Therapeuten gestiegen – aber immer noch sehr niedrig

In Sachsen-Anhalt ist jeder sechste Ausfalltag bei Arbeitnehmern auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen. Trotzdem kamen laut dem Barmer-Arztreport im Jahr 2018 in Sachsen-Anhalt auf 100.000 Einwohner nur 22 Psychotherapeuten. Das ist der niedrigste Wert in ganz Deutschland, in dichtbesiedelten Regionen wie in Berlin oder Hamburg sind es zum Teil mehr als 70 Therapeuten. Seit dem Jahr 2009 ist deren Zahl in Sachsen-Anhalt dennoch um 59 Prozent gestiegen, damals waren es nur 14 Psychotherapeuten pro 100.000 Einwohner. Nach der aktuellen Bedarfsplanung können in Sachsen-Anhalt ab Juli 2020 außerdem insgesamt 67 zusätzliche Sitze vergeben werden – die regionale Verteilung ist dabei sehr unterschiedlich. „Die Frage ist: Wie bekommen wir die Therapeuten dorthin, wo wir sie am meisten brauchen? Hier ist auch über den Ausbau von Videosprechstunden, Anreizsysteme während der Weiterbildung nach dem Studium und finanzielle Förderungen auf Landkreisebene nachzudenken“, sagte Wiedemann.

Gruppentherapie als mögliche Alternative

Die psychologische Psychotherapeutin Katrin Külbel aus Magdeburg bestätigt, dass in ihrer Praxis auch viele Patienten aus dem Umland betreut werden. Katrin Külbel hat sich 2016 in der Landeshauptstadt niedergelassen und kann den Ruf nach kürzeren Wartezeiten und mehr Gruppentherapien verstehen. „Es erscheint von außen zunächst schlüssig, bei mehr Bedarf an Psychotherapie mehr Gruppentherapien anzubieten. Jedoch spielen dabei verschiedene Faktoren eine Rolle. So sind Gruppentherapien insbesondere bei Patienten mit ähnlichen Diagnosen sinnvoll. Auch organisatorische Aspekte und die Offenheit der Patienten, sich auf diese Therapieform im ambulanten Rahmen einzulassen, sind zu berücksichtigen. Meiner Ansicht nach können sie als Ergänzung einer Einzeltherapie angeboten werden, diese jedoch nicht ersetzen“, so Katrin Külbel. „Zahlreiche Therapeuten würden sicher auch Gruppentherapien anbieten – doch dafür braucht man eine Zusatzqualifikation, die viele Kolleginnen und Kollegen während ihrer Ausbildung nicht erwerben“, sagte sie. Das führt zu der paradoxen Situation, dass Katrin Külbel in der Klinik während ihrer Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin Gruppentherapien durchgeführt hat, diese in der Niederlassung mangels Lizenz aber nicht anbietet. Die Anforderungen, im Nachhinein eine Gruppenzulassung zu erhalten, seien für niedergelassene Psychotherapeuten mit einem sehr hohen zeitlichen und organisatorischen Aufwand verbunden. Bei geringeren Anforderungen würden sich vermutlich mehr Kollegen für diesen Schritt entscheiden, so Katrin Külbel.

Praxen für Gruppentherapien miteinander vernetzen

Diese Punkte sieht die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer ebenfalls kritisch. Deshalb wird es dazu ein Projekt geben, das Ressourcen für die Gruppentherapie erschließen soll. „Wir möchten Einzelpraxen miteinander vernetzen. Diese informieren sich untereinander, wenn Gruppentherapien begonnen werden und können sich bei Bedarf die entsprechenden Patienten zuweisen. Zum Beispiel eröffnet eine Praxis eine Gruppe für Patienten mit Depressionen, eine andere für Suchtgefährdete. Somit könnten wir Patienten effektiver die Therapie zukommen lassen, die sie benötigen“, sagte Dr. Gregor Peikert. Nichtsdestotrotz sei Gruppenpsychotherapie nur für einen bestimmten Teil von Patienten eine gute Alternative. „Nur ein kleiner Anteil der Patienten ist bisher auch zu einer Gruppentherapie bereit. Wir müssen sicher bei den Patienten noch Aufklärungsarbeit über die Vor- und Nachteile der Gruppenpsychotherapie leisten“, so Peikert.

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