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Zahlen mehr als verdreifacht: Immer mehr junge Sachsen-Anhalter benötigen psychotherapeutische Hilfe

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Magdeburg, 28. April 2021 – Reaktionen auf schwere Belastungen, Angststörungen und Depressionen sind Erkrankungen, die man nicht unbedingt mit jungen Menschen in Verbindung bringt. Und doch leiden immer mehr Kinder und Jugendliche in Sachsen-Anhalt so sehr darunter, dass sie deshalb psychotherapeutisch behandelt werden müssen. Innerhalb von elf Jahren hat sich die Zahl der jungen Patientinnen und Patienten zwischen Arendsee und Zeitz mehr als verdreifacht. Das geht aus dem aktuellen Arztreport der Barmer hervor. Demnach benötigten im Jahr 2019 rund 16.000 Kinder und Jugendliche aus Sachsen-Anhalt psychotherapeutische Hilfe, 214 Prozent mehr als im Jahr 2009, als es noch rund 5.100 waren – nur in Mecklenburg-Vorpommern (Plus 239 Prozent) war der Anstieg im Bundesvergleich noch größer. „Sozialer Stress und wachsende Leistungsanforderungen können Gründe sein, weshalb sich junge Menschen häufiger unter Druck gesetzt fühlen. Das schlägt ihnen buchstäblich auf die Seele“, sagte Axel Wiedemann, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen-Anhalt, am Mittwoch bei der Vorstellung der Ergebnisse. Die Corona-Pandemie samt strikter Kontaktbeschränkungen dürfte dabei die Situation noch ein Stück weit verschärfen. Allein im ersten Halbjahr 2020 stieg die Zahl der Heranwachsenden bis einschließlich 24 Jahren mit Psychotherapie gegenüber dem Vorjahres-Halbjahr in Sachsen-Anhalt um mehr als zwei Prozent. Psychische Probleme können für Kinder und Jugendliche ernste Folgen haben. „Aus kranken Kindern werden nicht selten kranke Erwachsene. Es ist wichtig, frühzeitig auf die Alarmsignale zu achten. Aufklärung, Wissensvermittlung sowie bekannte und gut erreichbare Hilfsangebote für die Heranwachsenden selbst, ihre Eltern, Freunde, aber auch pädagogische Fachkräfte spielen eine entscheidende Rolle“, so Wiedemann.

Frühzeitige professionelle Hilfe, um jahrelanges Leid zu vermeiden

Viele junge Menschen leiden den Ergebnissen des Reports zufolge über Jahre an psychischen Störungen. Dies belegt eine Langzeitbetrachtung von Kindern und Jugendlichen, die im Jahr 2014 erstmals eine Psychotherapie erhalten haben. So wurde bei mehr als jedem oder jeder dritten Betroffenen bereits fünf Jahre vor Start einer klassischen Psychotherapie zumindest eine psychische Störung dokumentiert. 36,4 Prozent erhielten auch mehr als zwei Jahre nach Start der Behandlung noch Psychotherapien. „Haben sich psychische Probleme erst einmal chronifiziert, wird die Behandlung oft schwieriger und langwieriger“, sagte Wiedemann. So seien laut Report zum Beispiel bei 62,5 Prozent aller Betroffenen auch noch fünf Jahre nach Start der Psychotherapie psychische Störungen diagnostiziert worden.

Zahl der Therapeuten in Sachsen-Anhalt deutlich gestiegen

Die Reform der Psychotherapie-Richtlinie im Jahr 2017 hat den Zugang zur psychotherapeutischen Betreuung erleichtert. Therapeuten bieten seitdem neben der klassischen Psychotherapie, bestehend aus Kurz- und/oder Langzeittherapie, auch Psychotherapeutische Sprechstunden und Akutsprechstunden an. Diese dienen einer frühzeitigen Abklärung, ob und welche psychotherapeutische Behandlung notwendig ist. Auch überbrücken sie professionell Wartezeiten bis zum Beginn einer erforderlichen Psychotherapie. Parallel dazu ist die Anzahl der Psychotherapeuten, die speziell Heranwachsende betreuen, gestiegen. 2013 kümmerten sich in Sachsen-Anhalt 71 Therapeuten um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, 2019 waren es bereits rund 115. Auf 100.000 junge Sachsen-Anhalter kommen 26 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, damit liegt Sachsen-Anhalt bundesweit im unteren Mittelfeld.

14- bis 17-Jährige von Lockdown-Regelungen besonders betroffen

Gerade jetzt sind Kinder und Jugendliche stark psychisch belastet, wie eine aktuelle Umfrage der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) belegt. „80 Prozent unserer an der Umfrage teilnehmenden Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bestätigen, dass im zweiten Lockdown die Anfragen von hilfesuchenden Familien in den Praxen deutlich gestiegen sind“, sagte Barbara Breuer-Radbruch, Vorstandsmitglied der OPK und niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Magdeburg. Die Altersgruppe der 14- bis 17-Jährigen ist besonders von den Lockdown-Regelungen betroffen. „Jugendliche sollten sich eigentlich von ihren Eltern ablösen. Der Austausch in der Peergruppe, erste Liebesbeziehungen, sich auszuprobieren im sozialen Raum wären jetzt entscheidende Entwicklungsschritte, die sie aber nicht gehen können. Stattdessen bleiben sie in der altersgemäß konflikthaften Situation mit den Eltern gebunden. Die verschlechterten Möglichkeiten, sich zum Beispiel durch Praktika zu orientieren, und die unsichere Lage auf dem Ausbildungsmarkt verstärken die Angst und Zukunftssorgen bis hin zu psychischen Erkrankungen“, weiß Breuer-Radbruch um die prekäre Situation der Jugendlichen. Bei jüngeren Kindern lägen die Probleme anders. „Kollegen berichten von Kindern, die auf einmal das Haus nicht mehr verlassen möchten, die Angst vor dem Tod äußern. Auch die Schulprobleme der Kinder haben sich durch Corona verstärkt. In unserer Umfrage gaben rund 60 Prozent der Kollegen eine deutliche Zunahme von Schulabstinenz an. Viele Kinder kommen mit dem häuslichen Lernen nicht klar, verweigern das Erledigen der Aufgaben, flüchten sich in übermäßigen Medienkonsum und werden dort mit überfordernden Themen konfrontiert“, so Barbara Breuer-Radbruch.

Häufigste Diagnosen: Belastungen und Anpassungsstörungen

Die Ursachen für psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen sind, wie auch bei Erwachsenen, äußerst vielfältig. „Den Ergebnissen des Arztreports zufolge zählten im Jahr 2019 Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen zu den häufigsten Diagnosen. Darunter fallen Trauererlebnisse genauso wie Mobbing“, sagte Wiedemann. Zweithäufigster Anlass für den Beginn einer Therapie waren Depressionen, gefolgt von emotionalen Störungen im Kindesalter. Aufklärung und Wissensvermittlung seien deshalb besonders wichtig, so Wiedemann. Präventive Angebote könnten dazu beitragen, dass psychische Probleme erst gar nicht entstünden. Die Barmer engagiert sich deshalb seit vielen Jahren in der Förderung der psychischen Gesundheit. So unterstützt die Barmer in Sachsen-Anhalt das Schulprogramm „MindMatters“, ein umfassendes Präventionsprogramm für Schulen, in dem auch Aspekte wie Umgang mit Stress, Mobbing, Trauer sowie psychische Auffälligkeiten und Störungen mit den Heranwachsenden thematisiert werden. Mit „Verrückt? Na und!“ sollen bei Schülern, Eltern und Lehrkräften bestehende Ängste und Vorurteile gegenüber seelischen Krisen hinterfragt und verringert. Zudem fördert die Barmer das Online-Angebot krisenchat.de für Menschen bis 25 Jahre. Bei psychischen Problemen, etwa durch Cybermobbing, können sie sich unkompliziert und anonym an geschulte Psychologinnen und Psychologen wenden. Seit 2010 wird außerdem das Online-Portal FIDEO („Fighting Depression Online“) des Diskussionsforums Depression e.V. für Jugendliche und junge Erwachsene mit Depressionen unterstützt. Die Vernetzung von medizinischen und psychologischen Experten treibt die Barmer mit ihrem Kinder- und Jugend-Programm (KJP) voran, bei dem derzeit rund 16.000 Kinder und Jugendliche in Sachsen-Anhalt eingeschrieben sind. Das KJP beinhaltet mehrere Extra-Vorsorgeuntersuchungen. Die teilnehmenden Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte achten gezielt auf psychische Auffälligkeiten der jungen Menschen.

Kontakt für die Presse:

Annemarie Söder
Pressesprecherin Barmer Sachsen-Anhalt
Telefon: 0391 56938340
E-Mailpresse.st@barmer.de
Twitter: twitter.com/BARMER_ST

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