600 zusätzliche Pflegekräfte wären in Sachsen-Anhalt möglich – Teufelskreis bei Belastungen und Arbeitsausfällen durchbrechen

Magdeburg, 18. Februar 2021 – Überstunden, Schichtarbeit, Zeitdruck, starke körperliche Belastungen: Wer in der Pflege arbeitet, macht oft einen Knochenjob. Dabei ließe sich der Pflegenotstand in Sachsen-Anhalt auch durch bessere Arbeitsbedingungen deutlich abmildern, das belegt der aktuelle Pflegereport der Barmer. Demnach sind Altenpflegekräfte mehr krankgeschrieben als Erwerbstätige in anderen Berufen. Würden die Fehlzeiten und frühzeitigen Berufsausstiege dem Normalmaß der übrigen Berufe entsprechen, gäbe es zwischen Arendsee und Zeitz auf einen Schlag rund 600 Pflegekräfte mehr. „Die Pflegeberufe müssen dringend arbeitnehmerfreundlicher werden. Mit substanziell und nachhaltig besseren Arbeitsbedingungen können Bund, Länder und Arbeitgeber den Pflegeberuf zeitnah attraktiver gestalten. Mit dem Potenzial an 600 Pflegekräften könnten zusätzlich rund 1.000 Menschen in Sachsen-Anhalt versorgt werden“, sagt Axel Wiedemann, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen-Anhalt. Bessere Arbeitsbedingungen zeichneten sich nicht nur durch eine angemessene Vergütung, sondern auch durch eine ausreichende Personalausstattung in der Pflege, möglichst planbare und familienfreundliche Arbeitszeiten sowie die Einbindung von digitalen Arbeits- und Assistenzmitteln aus, so Wiedemann.

Höherer Krankenstand und mehr Frühverrentungen in der Pflege

Wie groß der Handlungsbedarf in der Pflege ist, zeigt der Blick auf die Fehlzeiten und Krankenstände. In Sachsen-Anhalt fehlen Pflegerinnen und Pfleger in der Altenpflege durchschnittlich rund 30 Arbeitstage pro Kalenderjahr (Landesschnitt: 22,1 Tage). Das zeigt sich auch am Krankenstand, wonach von 2016 bis 2018 rund 9,1 Prozent aller Hilfskräfte und 7,4 Prozent der Fachkräfte in der Altenpflege krankgeschrieben waren. Zum Vergleich: In anderen Berufen lag der Krankenstand in Sachsen-Anhalt im Schnitt bei 6,2 Prozent. Zudem müssen Altenpflegekräfte häufiger und länger im Krankenhaus behandelt werden als andere Erwerbstätige, besonders häufig wegen psychischer und Muskel-Skelett-Erkrankungen. „Die Arbeitssituation in der Pflege greift die Gesundheit der Beschäftigten massiv an. Wenn sie ausfallen, werden Kolleginnen und Kollegen zusätzlich belastet. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden, zumal die Corona-Pandemie die angespannte Arbeitssituation der Pflegekräfte noch einmal verschärft“, betont Wiedemann. Der Pflegeberuf sei so kraftraubend, dass zudem überproportional viele Beschäftigte nicht bis zur Rente durchhielten. So sei der Anteil der Pflegekräfte mit einer Erwerbsminderungsrente deutlich höher wie in sonstigen Berufen. Bei den Altenpflegehilfskräften gibt es in Sachsen-Anhalt 9,3 Erwerbsminderungsverrentungen auf 1.000 Erwerbstätige – das ist der höchste Wert in ganz Deutschland und außerdem ein 330-prozentiges Plus gegenüber dem Landesdurchschnitt aller Berufe in Sachsen-Anhalt (2,8). „Hier müssen wir gegensteuern“, sagt Barmer-Landeschef Wiedemann.

180 Prozent mehr Fehltage aufgrund von Rückenschmerzen

Die Beschäftigten in der Pflege leiden unter höheren physischen und psychischen Belastungen als viele andere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. So arbeiten sie häufiger im Stehen und müssen schwerer tragen und heben. Doch damit nicht genug: Pflegekräfte stehen auch stärker unter Termin- und Leistungsdruck als Beschäftigte in vielen anderen Branchen. Damit haben sie häufiger das Gefühl bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gehen zu müssen. „Pflegekräfte haben vor allem lange Fehlzeiten aufgrund von psychischen Problemen sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen“, erklärt Wiedemann. So wiesen Beschäftigte in der Altenpflege etwa 80 bis 90 Prozent mehr Fehltage aufgrund von Depressionen auf als Erwerbstätige in sonstigen Berufen. Rückenschmerzen verursachten bei Fachkräften in der Altenpflege knapp 96 Prozent und bei Hilfskräften etwa 180 Prozent mehr Fehltage als in anderen Berufen. „Die Arbeitsbedingungen in der Pflege dürfen nicht so bleiben, wie sie sind. Hier sind die Arbeitgeber in der Pflicht, neben geregelten Arbeitszeiten stärker auf Vorsorge zu setzen. Dass nicht einmal jede zweite stationäre Pflegeeinrichtung Präventionskurse für ihre Beschäftigten anbietet, muss sich schnell ändern“, kritisiert Wiedemann. Mit gezielten Trainings könne Einiges erreicht werden.

BGW hilft Pflegepersonal wieder auf die Beine

Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) engagiert sich bereits seit vielen Jahren auf diesem Feld und betreut bundesweit mehr als 650.000 Unternehmen und Einrichtungen sowie mehr als 8,8 Millionen Versicherte aus verschiedenen Branchen. „Im Bereich der Reha führen wir beispielsweise im Rahmen der sekundären Individualprävention bei berufsbedingten Rückenbeschwerden ein Rückenkolleg durch, um das Pflegepersonal für die richtigen Hebetechniken zu schulen, zu sensibilisieren und auf Hilfsmittel aufmerksam zu machen, die im Berufsalltag bei körperlichen Tätigkeiten unterstützen können“, sagt BGW-Geschäftsführer Eric Juraske. Bundesweit nehmen rund 1000 Versicherte pro Jahr an drei Standorten am Rückenkolleg teil. In Halle (Saale) wird dafür in diesem Jahr ein neuer Rückenkolleg-Standort in Eigenregie errichtet, an dem dieses Angebot vertieft werden soll.

Bei psychischen Unfallfolgen sei dagegen fast immer ein individuelles Hilfsangebot notwendig, so Juraske. „Diese treten häufig nach einem bestimmten Vorfall auf, zum Beispiel nach Gewalt und Aggression am Arbeitsplatz oder nach Unfallsituationen mit potenziell starker psychischer Belastung. Hierzu gehen wir gestuft vor und erarbeiten gegebenenfalls gemeinsam mit einem Therapeuten einen individuellen Therapieplan“, sagt der BGW-Geschäftsführer. „Neben diesen Reha-Angeboten sind jedoch immer auch präventive Gesundheitsangebote in den Einrichtungen wichtig“, so Juraske. Diese Aufgaben werden am Standort Magdeburg durch den Präventionsbereich unter der Leitung von Rainer Fredrich wahrgenommen. Die Erfahrungen zeigten, dass erst durch die Zusammenarbeit zwischen Prävention und Rehabilitation langfristige positive Effekte erreicht werden, so Juraske.

Gesundheitsangebote werden nicht von allen genutzt

Bei der LEWIDA GmbH ist das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) bereits seit dem Jahr 2010 fest verankert. Das Unternehmen betreibt in Sachsen-Anhalt sieben Standorte: von vollstationär, über Tagespflege und Kurzzeitpflege bis zum ambulanten Pflegedienst – an jedem Standort gibt es ausgebildete Gesundheitsbeauftragte. In Magdeburg arbeitet Valerie Kühne bei der LEWIDA GmbH als Pflegefachkraft. Sie wünscht sich, dass die Pflegeschlüssel verbessert werden und dadurch mehr Zeit für die einzelnen Pflegebedürftigen bleibt. „Das Berufsbild muss wieder attraktiver werden. Der Zeitdruck und die körperlichen Belastungen haben in den vergangenen Jahren schon deutlich zugenommen. Die Bewohner haben immer individuellere Wünsche, gleichzeitig ist die Körperpflege oft sehr anstrengend“, sagt die 27-Jährige. Die Pflegefachkraft schätzt die regelmäßigen BGM-Angebote bei der LEWIDA GmbH. „Gesundes Frühstück, Rückenschule oder Rauchentwöhnung helfen dabei, einen gesunden Lebens- und Arbeitsstil zu entwickeln. Aber leider muss man auch sagen, dass einige Kolleginnen und Kollegen das Angebot nicht annehmen. Manche sagen, sie sind dafür zu k.o.“, sagt Valerie Kühne. 

Webcode dieser Seite: p016509 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 18.02.2021
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