LGF Rodrigues
So sehe ich das

Gesundheitssystem unter Druck: 2026 muss das Jahr der Reformen werden

Lesedauer weniger als 3 Min

Liebe Leserinnen und Leser,

das Weihnachtsfest steht vor der Tür und ein aufreibendes Jahr in einer weiterhin unsicheren Weltlage geht zu Ende. Kurz vor dem Jahreswechsel hat die Barmer für ihre 8,3 Millionen Versicherten – davon rund 2,1 Millionen in Nordrhein-Westfalen – gute Nachrichten: Der Verwaltungsrat hat beschlossen, den Zusatzbeitrag stabil zu halten. Finanzielle Stabilität, hohe Leistungsstärke und ausgezeichneter Kundenservice sind gerade in diesen herausfordernden Zeiten ein wichtiges Signal der Verlässlichkeit an unsere Versicherten. Laut unserer Verwaltungsratsvorsitzenden Sylvi Krisch profitiert die BARMER von einer verantwortungsvollen Haushaltsstrategie, die sowohl die gesetzliche Mindestrücklage absichert als auch finanzielle Spielräume für Investitionen in innovative Leistungsangebote schafft.

Die positive Entwicklung bei der Barmer darf aber keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass das Gesamtsystem der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) unter einem enormen finanziellen Druck steht. Dass Bund und Länder sich kurz vor dem Weihnachtsfest doch noch darauf einigen konnten, das GKV-Sparpaket zu schnüren, kann allenfalls kurzfristige Entspannung bringen. Mit Blick auf die langfristige Entwicklung des Gesundheitswesens in Deutschland sind sich alle Expertinnen und Experten einig, dass 2026 endlich große Reformen angegangen werden müssen.

In Nordrhein-Westfalen haben wir in den vergangenen Jahren mit der Krankenhausreform bereits einen sehr großen Schritt gemacht, um die Qualität der Versorgung zu verbessern. Nun muss es im Bund mit dem Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) gelingen, effizientere Strukturen durch Konzentration und Spezialisierung zu schaffen. Im Gesetzgebungsverfahren wurden jedoch bereits notwendige Qualitätsvorgaben aufgeweicht. Hier muss 2026 eine Kehrtwende her: Bund und Länder sollten die Kraft aufbringen, die dringend erforderlichen Strukturveränderungen und Qualitätsverbesserungen tatsächlich anzugehen. Das ist notwendig, um für Versicherte – und damit für die Beitragszahler – eine qualitativ gute Versorgung sicherzustellen.

Bei der Suche nach Lösungen zur Verbesserung der Versorgung im deutschen Gesundheitssystem sollte das Thema Prävention eine wichtige Rolle einnehmen. Vor dem Hintergrund steigender Ausgaben im Gesundheitswesen ist Prävention ein Schlüssel, der nicht nur die individuelle Gesundheit stärkt, sondern auch unser Gesundheitssystem entlasten kann. Aus diesem Grund hat die Barmer kürzlich ein Positionspapier zur Prävention veröffentlicht. Hier haben wir vier Kernforderungen aufgestellt.

1. Prävention und Gesundheitsförderung muss in allen Politikfeldern mitgedacht werden:

Prävention und Gesundheitsförderung muss als Querschnittsaufgabe in allen Politikfeldern verstanden werden, nicht nur im Gesundheitswesen. Der Health-In-All-Policies-Ansatz stärkt die Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Akteuren und schafft die Grundlage für eine Verstetigung von Prävention und Gesundheitsförderung.

2. Verantwortung der gesellschaftlichen Akteure klar festgelegen – Prävention und Gesundheitsförderung gerecht finanzieren:

Wirksame Präventionsstrukturen in den verschiedenen Lebenswelten, die zu mehr Gesundheit führen, können nur entstehen, wenn gesetzlich verbindliche Verantwortlichkeiten für alle gesellschaftlichen Akteure festgelegt werden und diese auch nachhaltig wirken. Die Finanzierung muss gerecht auf alle Akteure verteilt werden.

3. Alle gesellschaftlichen Akteure fördern (digitale) Gesundheitskompetenz:

Für die Steigerung der (digitalen) Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung und die Verringerung der Unterschiede in der digitalen Kompetenz („Digital Divide“), sind alle gesellschaftlichen Akteure verantwortlich. Sie müssen sicherstellen, dass alle Menschen in jeder Lebensphase zielgruppengerecht Zugang zu qualitätsgesicherten Gesundheitsinformationen haben und befähigt werden, diese kritisch zu bewerten, zu verstehen und für ihre Gesundheit sinnvoll zu nutzen.

4. Zielgerichtete Prävention basiert auf individuellen Gesundheitsdaten:

Um Präventionsangebote für ihre Versicherten zielgerichtet und wirksam zu gestalten, brauchen Krankenkassen eine gesetzlich verankerte Berechtigung für individuelle Beratungsangebote. Nur so können Krankenkassen vorhandene Gesundheitsdaten nutzen, um bedarfsgerechte Maßnahmen zu entwickeln und Prävention effektiv, messbar und wirtschaftlich zu gestalten. Versicherte erhalten dabei volle Transparenz und die Entscheidungsfreiheit über die Nutzung ihrer Daten.

Zum Download des Papiers: https://www.barmer.de/resource/blob/1476058/593cc1cff582b45a123a10e667b87f14/barmer-praeventionspapier-2025-data.pdf

Liebe Leserinnen und Leser, schon anhand der Themen, die ich hier skizziert habe, erkennen Sie, wie groß die Aufgaben im Gesundheitswesen sind. Mit Nachdruck fordere ich die Politik in Bund und Land auf, 2026 intensiv an diesen Aufgaben zu arbeiten und Lösungen zu finden. Wir als Barmer in Nordrhein-Westfalen stehen dazu als Partner bereit.

Nun wünsche ich Ihnen und Ihren Familien aber zunächst ein schönes und friedvolles Weihnachtsfest sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr. Bleiben Sie gesund – wir sehen uns 2026!

João Rodrigues, Landesgeschäftsführer der Barmer in Nordrhein-Westfalen