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STANDORTinfo für Niedersachsen und Bremen

„Die Erziehung von Kindern oder die Fürsorge für Familienmitglieder muss mit einer Tätigkeit im Gesundheitswesen vereinbar sein.“

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Dr. Thela Wernstedt war mehr als zehn Jahre lang Abgeordnete im Niedersächsischen Landtag und zuletzt sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Bis zu ihrer Wahl in den Landtag war sie als Oberärztin in der Palliativmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover tätig. Seit Anfang Oktober ist die 55-Jährige die Präsidentin der Klosterkammer Hannover und hat somit ihr Abgeordnetenmandat niedergelegt.  Wir haben mit ihr unter anderem darüber gesprochen, wie die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen sich verändern müssen und warum an dieser Stelle nicht nur die Politik gefragt ist.

Frau Wernstedt, Sie waren mehr als zehn Jahre Mitglied des Niedersächsischen Landtags und besonders in der Sozial- und Gesundheitspolitik der SPD-Fraktion aktiv. Wie beurteilen Sie die Entwicklung unseres Gesundheitswesens innerhalb dieser Zeit?

Dr. Thela Wernstedt: "In diesen zehn Jahren sind enorm viele Dinge im Gesundheitswesen passiert. Wir haben in der niedersächsischen Landespolitik viele große Themenfelder bearbeitet, beispielsweise die Krankenhausversorgung, die ambulante Versorgung und auch die Notfallversorgung und die Geburtshilfe.

Aktuell besonders relevant ist das Niedersächsische Krankenhausgesetz, welches wir im Sommer 2022 reformiert haben. Mit diesen wegweisenden Veränderungen haben wir einige Maßnahmen beschlossen, die nun auch auf Bundesebene verabschiedet worden sind. Beispiele dafür sind die Einteilung unserer Krankenhäuser in neue Kategorien, sowie die Verkleinerung unserer 'Bezugsbezirke'. Kern der Reform ist der Gedanke, dass nicht mehr jedes Krankenhaus das gesamte Behandlungsspektrum abdeckt, sondern Tätigkeiten konzentriert werden. Damit verbessern wir die Qualität der Behandlung maßgeblich. Denn es können noch so gut ausgebildete Krankenpfleger*innen und Ärzt*innen in unserem System arbeiten – wenn die Strukturen nicht stimmen, bleibt am Ende die Qualität auf der Strecke.

Abseits von diesen wegweisenden Reformen, bin ich besonders stolz auf meine Arbeit im Sonderausschuss Patientensicherheit. Dieser Ausschuss ist aus einem furchtbaren Anlass entstanden - nämlich die Patienten-Morde in Delmenhorst und Oldenburg. Dieser Ausschuss hat sich detailliert mit der Analyse der Morde und der damit im Zusammenhang stehenden Problemlage beschäftigt. Wir haben natürlich nicht als 'Staatsanwaltschaft' agiert, sondern den Fall aus dem politischen Blickwinkel betrachtet. Der Erkenntnisgewinn darüber, wie solche Dinge passieren können und an welchen Stellen wir noch nachschärfen müssen, hat schlussendlich zu wichtigen Gesetzesveränderungen geführt. Mit diesem Ausschuss haben wir also direkt die Patientensicherheit erhöht."

Sie waren selbst viele Jahre als Ärztin in verschiedenen Kliniken tätig. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege werden immer noch als enorm belastend wahrgenommen und das deutsche Gesundheitswesen leidet stark unter Personalmangel. Wie sehen aus Ihrer Sicht die wichtigsten Schritte aus, um dieses Problem zu lösen?

Wernstedt: "Zunächst empfehle ich, bei dieser Frage immer noch einmal auf die Zahlen zu schauen. Die Tatsache, dass wir einen Personalmangel im Gesundheitswesen haben, hängt auch damit zusammen, dass sich der Arbeitsaufwand insgesamt erhöht hat und somit mehr Stellen geschaffen wurden. Es lernen nach wie vor viele junge Menschen Medizin und Pflege, dem gegenüber steht aber eine wachsende Zahl von Stellen und Jobs, die ausgefüllt werden müssen. Die Fülle an Arbeit für Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte ist schlichtweg gewachsen.

Damit sich auch weiterhin Menschen für einen Beruf im Gesundheitswesen entscheiden, ist die Schaffung von guten Arbeitsbedingungen zentral. Gute Arbeitsbedingungen hängen stark mit der Zahl der Mitarbeitenden in einem Betrieb, beispielsweise in einem Krankenhaus oder einer Arztpraxis, zusammen. Je mehr Mitarbeitende die vorhandene Arbeit gemeinsam bewältigen, umso besser können beispielsweise Schichtdienste verteilt werden. Für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Gesundheitswesen ist beispielsweise das Einspringen für erkrankte Kolleginnen und Kollegen besonders belastend. Auch dieser Punkt verbessert sich, je mehr Arbeitskräfte in einer Einheit zusammenarbeiten.

Weiterhin wird wichtig sein, dass die Arbeitgeber bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen stärker darauf achten, dass Familienpflichten eingehalten werden können. Die Erziehung von Kindern oder die Fürsorge für Familienmitglieder müssen mit einer Tätigkeit im Gesundheitswesen vereinbar sein. Dienstpläne und Arbeitszeiten sollten so ausgestaltet und verändert werden. Die Arbeitgeber im Gesundheitswesen müssen viel Sensibilität für die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden zeigen, um langfristig Personal zu binden und damit gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Krankenhäuser und Arztpraxen, die bereits auf diese Weise auf ihre Mitarbeitenden eingehen, haben in der Regel auch heute schon keinen Personalmangel. Dort arbeiten die Menschen meistens sehr gerne, weil sie wissen, dass Arbeit und Familie hier nicht in dauerhafter Konkurrenz zueinander stehen.

An dieser Stelle wird oft viel auf die Politik geschoben und natürlich muss die Politik auch die nötigen Rahmenbedingungen schaffen – aber ein großer Teil der Verantwortung liegt auch bei Arbeitgebern und den unmittelbar Vorgesetzten selbst."

Mit Ihrer Berufung als Präsidentin der Klosterkammer endet Ihre Zeit als Abgeordnete und sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Was wird aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren die größte Herausforderung im niedersächsischen Gesundheitswesen werden?

Wernstedt: "Es gibt eine Reihe von Herausforderungen, die in den kommenden Jahren sowohl in der Landespolitik, als auch auf Bundesebene bewältigt werden müssen. Eine dieser Aufgaben ist die Verhinderung von ungeregelten Insolvenzen bei unseren Krankenhäusern. Es muss sichergestellt werden, dass die Häuser nun auch tatsächlich in die Strukturreform hineinkommen und wir keine Schließungen erleben, die nicht im Sinne der Reform sind. Die aktuelle Übergangszeit ist besonders schwierig und muss deshalb geregelt werden.

Hinzu kommt, dass die ärztlichen und pflegerischen Berufsbilder verändert werden müssen. Der Zuschnitt der einzelnen Tätigkeiten braucht dringend eine Überarbeitung. Aus meiner Sicht ist eine organisatorische Abwandlung des Konzeptes der 'Public Health Nurses' hierfür ein möglicher Weg. Diese Pflegekräfte kümmern sich im Sinne der früheren „Gemeinde-Schwester“ in Gemeinden, Kleinstädten oder Quartieren vor allem um Prävention. So kann mit Hausbesuchen und Aufklärungsarbeit vor Ort dafür gesorgt werden, dass beispielsweise unnötige Pflegeheim-Einweisungen unterbleiben. 'Public Health Nurses' fungieren als Entlastung für Hausarztpraxen und unterstützen Menschen aller Altersgruppen, aber besonders Patient*innen mit chronischen Erkrankungen.

Wir brauchen insgesamt eine stärkere Hinwendung zu chronisch kranken und pflegeintensiveren Patientinnen und Patienten. Aus meiner Sicht ist das deutsche Gesundheitssystem aktuell deutlich zu 'Arzt-lastig' und zu stark an der Akutversorgung orientiert. Wir brauchen mehr präventives Handeln und müssen Probleme frühzeitig erkennen – auch, um das Gesundheitswesen insgesamt zu entlasten."

Wir danken Dr. Thela Wernstedt für das Interview, sowie für ihr Engagement und die gute Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren!