Operationsteam am OP-Tisch

Bypass-Operation am Herzen: Arterien statt Venen

Bypass-Operationen werden seit 50 Jahren durchgeführt. Es handelt sich dabei um eine klassische Herzoperation, bei der stark verengte oder komplett verschlossene Herzkranzgefäße mit körpereigenen Blutgefäßen überbrückt werden, um die ausreichende Blutversorgung des Herzmuskels wiederherzustellen.

Die Barmer GEK arbeitet seit 2004 eng in der kardiochirurgischen Versorgung mit dem Albertinen-Krankenhaus zusammen. Es ist Teil des sogenannten Norddeutschen Herznetzes, dem neben dem Albertinen-Krankenhaus auch Kardiologen und die Rehaklinik Schönberg-Holm angehören. Die starke Vernetzung zwischen dem Kardiologen, dem Operateur und der Rehaklinik stellt eine sehr gut aufeinander abgestimmte Versorgung sicher.

Grafik-Bypass
© Albertinen, Grafik Bypass komplett-arteriell

Im Albertinen-Krankenhaus sind im vergangenen Jahr bei 114 Versicherten der Barmer GEK Bypass-Operationen durchgeführt worden. Wir sprachen mit Prof. Dr. Friedrich-Christian Rieß, Chairman des Albertinen Herz- und Gefäßzentrums und Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie des Albertinen-Krankenhauses. Er ist Spezialist für die Durchführung von Bypassoperationen unter ausschließlicher Verwendung von Arterien am schlagenden Herzen und erklärt, warum es einen Unterschied macht, ob Venen oder Arterien für einen Bypass genommen werden.

Prof. Dr. Friedrich-Christian Rieß
Prof. Dr. Friedrich-Christian Rieß

Über viele Jahre wurden vorwiegend Venen für Bypässe eingesetzt, die in der Regel aus dem Bein entnommen werden. Ist das noch zeitgemäß?
Heute wissen wir, dass die am besten für einen Koronarbypass geeigneten Gefäße nicht Venen sondern die Brustbeinschlagadern sind. Zwar ist die Entnahme der Brustbeinarterie chirurgisch anspruchsvoller und zeitaufwändiger. Trotzdem spricht alles für die arterielle Bypassversorgung. So sind im Durchschnitt nur 60% der venösen Bypassgefäße nach zehn Jahren noch offen, hingegen die arterielle Brustbeinschlagader zu 90 bis 95 Prozent.

Woran liegt das?
Die Ursache für die viel niedrigeren sog. Offenheitsraten venöser Bypassgefäße ergeben sich aus der speziellen Anatomie der Venen, die lediglich auf den niedrigen venösen Blutdruck angepasst sind. Als Bypassgefäß am Herzen wird eine Vene aber dem ungleich höheren Blutdruck des arteriellen Systems ausgesetzt. Dadurch entwickeln sich über den Zeitraum von Jahren fortschreitende Ablagerungen im Venenbypass. Diese wiederum führen zu Verengungen oder gar Verschlüssen. So wird der Bypass schließlich nutzlos.

Das ist bei Arterien anders?
Ja, denn für Arterien ist der arterielle Blutdruck selbstverständliche Normalsituation. Der beschriebene Mechanismus für Verschlüsse der venösen Bypassgefäße gilt daher nicht für einen Bypass, der aus körpereigenen Arterien gefertigt wird. So sollten heute in der modernen Bypasschirurgie möglichst immer arterielle Bypassgefäße verwendet werden, am besten die Brustbeinschlagadern.

Also nur noch Bypässe aus Arterien?
Der Trend in der Koronarchirurgie weist eindeutig in Richtung „komplett arterielle Bypassversorgung“. Diese bietet das Optimum im Sinne einer langfristig wiederhergestellten Durchblutung des Herzmuskels. Im Albertinen Herz- und Gefäßzentrum wird bei praktisch allen Koronarpatienten mindestens ein arterieller Bypass angelegt – in 98 Prozent der Operationen. Bei über 90 Prozent der Koronarpatienten wird eine komplett arterielle Bypassversorgung durchgeführt, es werden also ausschließlich die qualitativ besseren Brustwandarterien verwendet. Im Vergleich hierzu werden in der Bundesrepublik Deutschland nur um die 24 Prozent der Patienten komplett arteriell versorgt. Im Albertinen Herz- und Gefäßzentrum wurden bisher über 8.000 Patienten ausschließlich mit arteriellen Bypasses an den Koronarien operiert.

Ist das denn immer möglich?
Fast immer ist eine komplett arterielle Bypassversorgung unter Verwendung beider Brustbeinschlagadern möglich. So habe ich in den vergangenen fünf Jahren bei den von mir durchgeführten isolierten Bypassoperationen lediglich ein einziges Mal einen Venenbypass verwenden müssen, also eine Rate von 99,7 % komplett arteriell. Bei der Entnahme der Brustbeinschlagadern wird in der Regel ausschließlich die Arterie selbst herauspräpariert. Begleitvenen, Nerven und umliegendes Gewebe bleiben dadurch in ihren Funktionen erhalten. Wesentliche Vorteile dieser Technik sind die bessere Durchblutung des Brustbeins und die Vermeidung nachfolgender Empfindungsstörungen durch Schonung der Hautnerven. Hiervon profitieren zum Beispiel besonderes Patienten mit Diabetes mellitus.

Wird bei der OP die Herz-Lungen-Maschine gebraucht?
Wenn möglich, wird die Bypassoperation ohne den Einsatz der Herz-Lungen-Maschine durchgeführt. Die Vermeidung der Herz-Lungen-Maschine liefert zahlreiche Vorteile: Besonders ältere Risikopatienten mit schweren Begleiterkrankungen wie chronischer Niereninsuffizienz, neurologischen Störungen, Hirnleistungsschwäche, insulinpflichtigem Diabetes mellitus, Tumorleiden oder Störungen der Blutgerinnung profitieren von diesem Operationsverfahren. Außerdem können Patienten mit einem frischen Herzinfarkt oder stark verkalkter Aorta durch diese Methode risikoarm operiert werden. Im Albertinen Herz- und Gefäßzentrum wurden bislang über 3.000 Patienten mit dieser Operationstechnik behandelt. Um das Herz während der Operation lokal ruhigzustellen, kommen Spezialinstrumente zum Einsatz, die in der eigenen Abteilung entwickelt wurden.

Innerhalb welchen Zeitraums muss ein arterieller Bypass erneuert werden?
In internationalen Langzeitstudien konnte nachgewiesen werden, dass Patienten, die mit einer oder zwei Brustbeinschlagadern eine komplett arterielle Bypassversorgung erhalten haben, deutlich länger leben als Patienten, die anderen operativen Verfahren unterzogen wurden. Solche positiven Langzeitergebnisse sprechen für sich: In aller Regel ist bei den meisten Patienten nach einer komplett arteriellen Bypassversorgung keine erneute Bypassoperation mehr nötig.

Herr Prof. Rieß, vielen Dank für die aufschlussreichen Erläuterungen.

Prof. Rieß und sein erfahrenes Team stehen Barmer GEK Versicherten gerne auch für eine Zweitmeinung zur Verfügung.
Telefon: (040) 55 88-2445

Webcode dieser Seite: p006912 Autor: Barmer Erstellt am: 20.12.2016 Letzte Aktualisierung am: 20.12.2016
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