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„Es geht darum, Lücken in der Fachkräftesicherung zu schließen.“

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Nicht nur in der Altenpflege, sondern auch im Krankenhausbereich fehlen Fachkräfte. Dabei ist das Interesse junger Menschen groß, sich für den „Dienst am Menschen“ ausbilden zu lassen. Nur erfüllen nicht alle Bewerberinnen und Bewerber die formalen Voraussetzungen. Hier setzt ein Projekt des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE) an: Interessierte absolvieren vor der eigentlichen Ausbildung ein sechsmonatiges bezahltes Praktikum. Helei Djadran, Referentin Bildungsmanagement in der UKE-Akademie für Bildung und Karriere (ABK), leitet das Projekt „Einstiegsqualifizierung für Pflegeberufe“ und stellt es im Interview vor. 

Helei Djadran, Referentin Bildungsmanagement in der UKE-Akademie für Bildung und Karriere

Helei Djadran, Referentin Bildungsmanagement in der UKE-Akademie für Bildung und Karriere

(Foto: UKE)

Wie dramatisch ist die Pflege-Situation am UKE
Die Situation im Pflegebereich hat sich in ganz Deutschland nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie in den letzten zwei Jahren weiter zugespitzt. Im UKE hat die Fachkräftesicherung seit vielen Jahren eine hohe strategische Bedeutung, so haben wir beispielsweise schon länger ein Programm für internationale Pflegende implementiert. 

Dann hatten Sie die Idee für das Projekt? 
In der ABK entwickeln wir schon seit Jahren Konzepte, wie Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund im Bereich der Pflege integriert werden können. Es gibt bereits viele erfolgreiche Projekte für Menschen, die einen Abschluss im Ausland erworben haben. Mit der Einstiegsqualifizierung haben wir eine Maßnahme für benachteiligte Jugendliche im Ausbildungsalter geschaffen, die beispielsweise durch ihren Flucht- und Migrationshintergrund beeinträchtigte Vermittlungsperspektiven haben. 

Woran machen Sie das konkret fest? 
Es freut uns, dass wir sehr viele Bewerberinnen und Bewerber mit Fluchthintergrund haben. In der Vergangenheit ist uns aufgefallen, dass hier vor allem unterschiedliche Vorstellungen im Verständnis über das Grundpflegeprinzip herrschen – beispielweise bei der Körperpflege und den Prophylaxen sowie bei den Themen Nahrungsaufnahme und Ausscheidungen. Alle Auszubildenden durchlaufen den Bereich der Grundpflege, viele haben sich in diesem Bereich jedoch nicht wohlgefühlt. Mit der Einstiegsqualifizierung möchten wir unter anderem auch hier ansetzen und dies genauer beleuchten.  Im Handwerk ist das Instrument schon erprobt, im Bereich der Pflege sind wir bundesweit die ersten, die es umsetzen.

Wie ist die Resonanz?
Im Februar haben wir es publik gemacht, Mitte März waren die zehn Plätze erfolgreich vergeben. Bei diesen zehn Teilnehmenden ist mein Eindruck: Alle sind sehr interessiert, super engagiert, teilweise haben sie auch schon praktische Erfahrung und Eindrücke sammeln können. Sie wollen unbedingt in die Ausbildung. 

Was erwartet die Teilnehmenden in der Einstiegsqualifizierung von April bis September? 
Für diejenigen, bei denen es noch Sprachbarrieren gibt, setzen wir mit der Fachsprachförderung an: Klinikdeutsch, Berufsdeutsch im Gesundheitswesen, Kommunikation in Kliniken. Darüber hinaus vermitteln wir Wissen über das deutsche Gesundheitswesen sowie interkulturelle Kompetenzen: Kommunikation mit Patientinnen und Patienten sowie Kommunikation im Kollegium und mit Vorgesetzten. Der Umgang mit Themen wie Scham, Tod und Sterben oder Konfliktsituationen und Fehlerkultur sowie Rechte und Pflichten am Arbeitsplatz.
Des Weiteren geben unseren Dozenten einen komprimierten Ausblick auf Aufbau, Struktur und Inhalte der Pflegeausbildung, also die grundpflegerische Versorgung, gesundheitsfördernde Maßnahmen usw. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Einstiegsqualifizierung erhalten ein Grundwissen und erste Einblicke in den Job auf den verschiedenen teilnehmenden Stationen des UKE. Am Ende steht die Frage: ‚Sehe ich mich in dem Bereich?‘

Und sehen Sie das Potenzial für eine Wiederholung? 
Ich sehe großes Potenzial. Es geht darum, Lücken in der Fachkräftesicherung zu schließen, indem wir Bewerberinnen und Bewerber – vorrangig mit Flucht- oder Migrationshintergrund – nicht nur zivilgesellschaftlich integrieren, sondern auch in den Arbeitsmarkt. Bislang scheitert es oft, weil das Potenzial in den Menschen nicht gesehen wird. Sie haben vielleicht einmal eine Ausbildung abgebrochen, aber dennoch einen hohen Antrieb. Sie wollen in den Arbeitsmarkt! Die Teilnehmenden, die die Einstiegsqualifizierung erfolgreich absolvieren, werden in die Ausbildung zur Pflegefachfrau bzw. zum Pflegefachmann hier im UKE übernommen. Mit dem Programm möchten wir jungen Menschen, die nicht über die formalen Voraussetzungen für den direkten Einstieg in eine Berufsausbildung verfügen, eine langfristige Perspektive geben. 

Die Einstiegsqualifizierung läuft in Kooperation mit der Agentur für Arbeit. Handelt es sich um ein bezahltes Praktikum? 
Die Teilnehmenden erhalten ein monatliches Gehalt von 600 Euro und sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Einstiegsqualifizierung wird in Vollzeit absolviert, wobei die Teilnehmenden montags und dienstags Unterricht erwartet, die restlichen drei Tage sind sie auf den unterschiedlichen Stationen im UKE in der Praxis tätig.

Somit ist eine Wiederholung der Einstiegsqualifizierung im kommenden Jahr geplant?
Wenn unser Projekt erfolgreich läuft, soll es das jährlich geben. 

Viele anfangs motivierte Pflegekräfte scheiden nach einigen Jahren aus und orientieren sich beruflich neu. Was muss passieren, und was unternimmt das UKE, damit Pflegekräfte langfristig im Job bleiben? 
Die Fachkräftesicherung hat für das UKE seit vielen Jahren eine hohe strategische Bedeutung. Um dem auch im Gesundheitsbereich bestehenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken, haben wir Programme und Maßnahmen in den Feldern Qualifizierung und Personalentwicklung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie im betrieblichen Gesundheitsmanagement etabliert und entwickeln diese kontinuierlich weiter. 
 

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