Interview mit Dr. Christiane Montag: Näher am Patienten

Seit vier Jahren führen die Barmer Landesvertretung Berlin/Brandenburg und die Alexianer St. Hedwig Kliniken Berlin gemeinsam ein Modellprojekt zur sektorenübergreifenden Versorgung von Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen durch. Im Rahmen des Modellprojekts stellt die Barmer ein jährliches Budget zur Verfügung. Dieses können die Alexianer St. Hedwig Kliniken bedarfsgerecht, das heißt ambulant oder stationär, für die Versorgung von 1.000 Barmer-Versicherten verwenden, die an Schizophrenie, unipolarer Depression oder psychischen Verhaltungsstörungen durch Alkohol leiden. Der zweite Evaluationsbericht, der nun vorliegt, deutet auf einen Erfolg des Modellprojekts hin. Die Standortinfo sprach mit Dr. Christiane Montag, Leitende Oberärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus.

Dr. Christiane Montag

Frau Dr. Montag, wie hat sich Ihre Arbeit seit Beginn des Modellprojekts verändert?
Die Arbeit im Modellprojekt hat uns erstmals die Möglichkeit eines an die individuellen Behandlungserfordernisse wie auch die Erkrankungsphase angepassten, flexiblen, aufsuchenden und multiprofessionellen Arbeitens eröffnet. Diese nachweislich wirksame und nachhaltige Behandlungsoption wird von psychiatrisch Tätigen seit Jahrzehnten gefordert und kann nun an unserer Klinik zumindest für die Patientinnen und Patienten der Barmer umgesetzt werden.

Was heißt das konkret?
Die settingübergreifende, intensiv-ambulante beziehungsweise aufsuchende Versorgung gewährleistet den Einsatz von Ressourcen genau dort und in der Intensität, in der die Patientin oder der Patient sie benötigt. Viele Patientinnen und Patienten möchten sich nicht gern stationär behandeln lassen, weil dies große Anpassungsleistungen erfordert und teilweise auch zu Ängsten führt. In einer seelischen Krise möchten die meisten Menschen in ihrer gewohnten Umgebung verbleiben. Die Möglichkeit zur flexiblen, aufsuchenden Behandlung kann daher auch helfen, Zwangsmaßnahmen wie Unterbringungen nach dem Psychisch-Kranken-Gesetz zu vermeiden. Diese mussten früher unter anderem auch dann erfolgen, weil eine ausreichend intensive, schutzbietende Behandlung außerhalb der Klinik nicht möglich war. Unsere Mitarbeiter erleben die intensiv-ambulante therapeutische Arbeit als Herausforderung, aber auch als große Bereicherung. Ihre Arbeitszufriedenheit ist deutlich gewachsen. Durch den Kontakt mit dem sozialen Umfeld und den vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten und Ressourcen wird eine völlig andere Perspektive auf die Patienten und ihr Umfeld möglich.

Wie erleben Ihre Patienten, die am Modellprojekt teilnehmen, die neuen Möglichkeiten der sektorenübergreifenden Versorgung?
Überwiegend sehr positiv. Insbesondere die Patientinnen und Patienten, die häufige und langdauernde Krankenhausaufenthalte erlebt haben, wissen die flexible Betreuung im Modellprojekt zu schätzen. Krisen können nun häufig auch durch eine rasche Intensivierung der ambulanten Behandlung abgewendet oder ambulant aufgefangen werden. Durch den engen Kontakt zu den Behandlern können Ursachen für Krisen auch besser erkannt und gezielter daran gearbeitet werden. Besonders hervorheben möchte ich den Aspekt, dass Patientinnen und Patienten die Behandlung im Modellprojekt als selbstbestimmter und weniger stigmatisierend wahrnehmen. Es gibt aber auch Patientinnen und Patienten, die den Schutz des Krankenhauses suchen und es anfänglich nicht leicht fanden, sich auf die neuen ambulanten Angebote einzulassen.

Laut dem zweiten Evaluierungsbericht sanken im Modellprojekt sowohl die Krankenhausaufenthalte als auch die Verweildauern der Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie und unipolarer Depression. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Wir haben uns über dieses Ergebnis gefreut. Ich denke, dieser Erfolg ist durch die bessere Möglichkeit zur ambulanten Krisenintervention zu erklären. Das heißt, im Modellprojekt kann im Fall einer Verschlechterung schnell und effektiv reagiert werden, zum Beispiel durch Vereinbarung täglicher Termine und den Einsatz von Home-Treatment. Viele Patientinnen und Patienten werden auch direkt bei ihrer Vorstellung in der Rettungsstelle auf das Modellprojekt hingewiesen und benötigen so gar keine stationäre Aufnahme. Aus unserer Sicht wirkt aber insbesondere auch die langfristige therapeutische und Beziehungsarbeit mit den Betroffenen stabilisierend und rückfallverhütend. In einem solchen Rahmen können auch die Erarbeitung von längerfristigen Therapiezielen und die Motivationsarbeit für hochschwelligere Therapien anstelle häufig unspezifischer Krankenhausaufenthalte besser gelingen. Diese wirken dann längerfristig rückfallverhütend.

Gibt es Erwartungen, die sich im Rahmen des Modellprojekts bisher nicht erfüllt haben?

Die Behandlung im Modellprojekt steht circa 14 Prozent unserer Patientinnen und Patienten, welche in der BARMER versichert sind, offen. Dieser relativ geringe Anteil bewirkt, dass wir keine umfassenden Veränderungen unserer stationären und ambulanten Strukturen vornehmen konnten, Synergien teilweise weniger gut nutzbar waren und erneut Schnittstellen entstanden, die eigentlich vermieden werden sollten. Das Nebeneinander verschiedener Konzepte entsprechend der Kassenzugehörigkeit kann auch verwirrend sein. Ein größerer Wurf wäre daher insgesamt für die Wirksamkeit und Strahlkraft der neuen Behandlungsoptionen günstig gewesen. Die Arbeit im Modellprojekt hat uns auch näher an die Lebenswirklichkeit der Patientinnen und Patienten herangeführt. Uns ist noch klarer geworden, wie tiefgreifend sich krankheitsfördernde Faktoren im Umfeld der Patientinnen und Patienten auswirken können. Armut, Exklusion und Vereinsamung beziehungsweise das völlige Fehlen eines sozialen Netzwerks führen zu einer schwereren Manifestation von psychischen Erkrankungen und stellen besondere Herausforderungen an deren Behandlung. Manche Patientinnen und Patienten benötigen zunächst die Möglichkeit, ihre Umgebung temporär zu verlassen. Hier würden wir uns wünschen, dass die Behandlung durch ausreichende, flexible wie auch zeitnahe Angebote aus dem sozialen Bereich, wie zum Beispiel Krisenwohnraum, ergänzt würde.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, welchen Beitrag kann das Modellvorhaben leisten, die integrierte Versorgung in Deutschland voranzubringen?

Modellprojekte stellen einen entscheidenden Vorstoß zur Verbesserung der psychiatrischen Versorgung in Deutschland dar. Erfahrungen aus diesen Projekten zeigen aber, dass ihre Effektivität steigt, wenn sie in größerer Breite verfügbar sind. Nur so können krankenhauszentrierte stationäre und ambulante Strukturen wirksam und nachhaltig so umgestaltet werden, dass eine effektive und bedürfnisadaptierte Behandlung gelingen kann. Wir wünschen uns daher, die Verfügbarkeit von Modellvorhaben oder ähnlichen Konzepten für die Patientinnen und Patienten aller Krankenkassen. Seit Anfang des Jahres ist auch die stationsäquivalente Behandlung in Deutschland möglich. Unser Modellvorhaben hat wichtige Vorarbeiten und Erfahrungen für deren Implementierung in unserem Haus geliefert. Allerdings zeigt die Erfahrung im Modellprojekt, dass die langfristige Begleitung und Beziehung zu den Betroffenen einen der wirksamsten krisenprophylaktischen Faktoren darstellt. Es bleibt daher abzuwarten, ob und bei welchen Patientengruppen ein hochfrequentes Home-Treatment im Rahmen der stationsäquivalente Behandlung  gelingen kann.

 


 

Webcode dieser Seite: p010692 Autor: Barmer Erstellt am: 13.12.2018 Letzte Aktualisierung am: 14.12.2018
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