Dr. Burkhard Ruppert, Vorstandsvorsitzender der KV Berlin
Interview mit Dr. Burkhard Ruppert

„Immer mehr Ärztinnen und Ärzte entscheiden sich für eine Anstellung“

Lesedauer unter 5 Minuten

In den Berliner Bezirken Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick droht eine häusärztliche Unterversorgung. Die KV Berlin hat zu Beginn des Jahres ein Förderprogramm auf den Weg gebracht, womit Eigeneinrichtungen gegründet, Anreize für Neuniederlassungen, Übernahme von Praxen und Öffnung von Zweigpraxen geschaffen, Stipendien vergeben und nicht-ärztliches Personal qualifiziert werden. Gemeinsam mit den gesetzlichen Krankenkassen wendet die KV Berlin insgesamt 21 Millionen Euro für dieses Förderprogramm auf. Die Standortinfo sprach mit Dr. Burkhard Ruppert, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, über den aktuellen Umsetzungsstand der Maßnahmen.


Herr Dr. Ruppert, welche Erklärung haben Sie dafür, dass es offenbar schwierig ist, Hausärztinnen und Hausärzte zu einer Niederlassung in Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick zu bewegen?

Dr. Ruppert: Man kann ganz grundsätzlich für Berlin sagen, dass die Zahl derjenigen Hausärztinnen und Hausärzte, die sich in eigener Praxis niederlassen wollen, in den vergangenen Jahren leicht rückläufig ist. Demgegenüber entscheiden sich immer mehr Ärztinnen und Ärzte für eine Anstellung. Warum sich in den drei genannten Bezirken nicht ausreichend Ärztinnen und Ärzte für die hausärztliche Versorgung finden, kann mehrere Gründe haben: Im Zusammenhang mit der Gründung der KV-Eigeneinrichtungen in den Bezirken Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick wurde insbesondere die Schwierigkeit deutlich, geeignete Räumlichkeiten für Praxen zu finden. Ein weiterer Grund ist die Randlage der Bezirke. Die selbe Problematik sehen wir im Übrigen auch bei den Bezirken Spandau und Reinickendorf. Wir vermuten, dass auch diese Bezirke schon bald in eine Situation kommen werden, die eine Aufnahme in unser Sicherstellungstatut rechtfertigt. Aber auch die Einnahmesituation kann eine Rolle spielen, warum das Interesse an einer Niederlassung in den genannten Bezirken geringer ist. Das Gesamthonorar einer Hausärztin oder eines Hausarztes wird durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst. Passt die erforderliche Betreuungsintensität zur Vergütung der Behandlung? Wie hoch ist der Anteil der Privatpatienten, die zur Querfinanzierung von Personal- und Sachkosten beitragen können? Und viele andere mehr. Das Honorar der Praxen speist sich in diesen Bezirken überwiegend aus der vertragsärztlichen Tätigkeit. Häufig fehlen zusätzliche Einnahmequellen, die für ein attraktives Auskommen sorgen. Umso wichtiger ist es, darüber nachzudenken, wie man die ärztliche Tätigkeit in der ambulanten Versorgung ansprechender gestalten kann. Und das sage ich auch mit Blick auf die Honorarentwicklung und die immer neuen Vorgaben durch die Politik.

Welche Unterstützung könnten die Bezirke leisten, Niederlassungen attraktiver zu machen?

Dr. Ruppert: Wir sind mit den Bezirken seit geraumer Zeit in einem intensiven Austausch, niederlassungswillige Ärztinnen und Ärzte zum Beispiel bei der Suche nach Praxisräumen zu unterstützen. Für eine Kontaktaufnahme mit den Bezirken gibt es auf der KV-Website auch eine Übersicht mit Ansprechpartnern. Aufgabe der Bezirke wird es in Zukunft sicherlich auch sein, den Ärztinnen und Ärzten attraktive Angebote zu unterbreiten, so zum Beispiel Unterstützung bei der Suche nach Wohnraum, Kitaplätzen und sogar geeigneten Schulen. Darüber hinaus können die Bezirke durch ein geeignetes Quartiermanagement die Attraktivität der Kieze weiter fördern. Schließlich würde es helfen, wenn auch durch die politischen Verantwortungsträger bei den Einwohnern realistische Erwartungshaltungen an eine leistbare ambulante Versorgung erzeugt werden. Die Anzahl und die Verteilung der Vertragsärzte ist stark durch die Bedarfsplanung geprägt und wird durch sie begrenzt, was wiederum mit dem Anspruch mancher Einwohner, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag versorgt werden zu wollen, schlichtweg unvereinbar ist. 

Ihr Ziel war es, im zweiten Quartal 2022 die erste Eigeneinrichtung in Lichtenberg zu eröffnen. Wie sieht der aktuelle Umsetzungsstand aus?

Dr. Rupert: Wir freuen uns sehr darüber, dass wir am 1. Juli die erste KV-Eigeneinrichtung im Bezirk Lichtenberg/Ortsteil Hohenschönhausen eröffnen konnten. Zum Start der KV -Praxis sind ein Arzt und eine medizinische Fachangestellte an Bord. Eine weitere Ärztin und eine zweite MFA werden einige Zeit später folgen. Ende des Jahres werden wir – ebenfalls in Lichtenberg/Ortsteil Karlshorst – eine zweite KV-Praxis eröffnen. Hier sind die Planungen in vollem Gange. In den kommenden Jahren werden auch in den anderen Bezirken Eigeneinrichtungen folgen.

Sehen Sie die Eigeneinrichtung als Übergangslösung oder als Berliner Modell für die Versorgungs-strukturen in der Zukunft?

Dr. Ruppert: Inwiefern die KV-Eigeneinrichtungen eine Blaupause für ganz Berlin sein können, wird die Entwicklung zeigen. Ziel der KV Praxen ist es, die hausärztliche Versorgung zu ergänzen und an den Standorten, wo sich erkennbar keine niederlassungswilligen Hausärztinnen und Hausärzte finden, Praxen aufzubauen. Aber es ist uns auch wichtig, junge Ärztinnen und Ärzte davon zu überzeugen, sich für eine selbständige ärztliche Tätigkeit in der Niederlassung zu entscheiden. Die Hoffnung ist groß, dass wir mit unserem Engagement die hausärztliche Versorgung in den Bezirken wieder auf ein Normalmaß anheben. Da wir auch bereits in anderen Bezirken wie Spandau und Reinickendorf eine ähnliche Entwicklung wie in Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick wahrnehmen, ist davon auszugehen, dass das Konstrukt Eigeneinrichtung auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Versorgung spielen wird. Hier würden wir uns von der Politik wünschen, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen in die Lage versetzt werden, echte vertragsärztliche Strukturen wie zum Beispiel Medizinische Versorgungs-zentren aufbauen und aufgebaute Strukturen wie die KV Praxen auch an Niederlassungswillige weitergeben zu können.

Neben den Eigeneinrichtungen haben Sie Anreize für Neuniederlassungen, Übernahme von Praxen und Zweigpraxen geschaffen. Tragen diese Anreize bereits erste Früchte?

Dr. Ruppert: Wir waren positiv überrascht, dass wir seit Start unseres Programms zur Förderung der hausärztlichen Versorgung am 1. Januar 2022 bereits 38 Förderanträge erhalten haben. Das zeigt uns, dass wir auf einem guten Weg sind. Mittlerweile haben wir vier Anträge von Praxen genehmigt, die für zusätzliche Sitze Ärztinnen und Ärzte angestellt haben. Darüber hinaus fördern wir sechs Praxisübernahmen und zwei Neuniederlassungen. 21 Anträge mussten wir leider ablehnen, da sich diese nicht auf das Fördergebiet (Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick) bezogen haben bzw. nach einer fachärztlichen Tätigkeit gefragt wurde. Die restlichen Anträge sind noch in Bearbeitung.
 

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