Nachgefragt......

Lesedauer unter 3 Minuten

....bei Professorin Dr. Claudia Wöhler

Vor einem Jahr haben Sie die Planung und Konzeptlosigkeit in der Corona-Pandemie kritisiert. Was sagen Sie nach fast zwei Jahren Pandemie?

Wöhler: Leider ist es mehr oder minder unverändert. Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig wir auf die vierte Welle bzw. den Winter vorbereitet waren. Wir sehen bedauerlicherweise deutlich die Auswirkungen auf unsere Versicherten, durch verschobene Operationen oder psychische Belastungen oder auch die Infektionszahlen. Deswegen bedauere ich es gerade für den Freistaat Bayern sehr, dass wir Schlusslicht bei der Impfquote sind. Ich hoffe, dass sowohl die neue Bundesregierung als auch die Staatsregierung jetzt vorausschauende Pläne zur Eindämmung der Pandemie und zur proaktiven Vermeidung der 5. Welle vorlegen. Wenn ich höre, dass die Gefahr besteht, dass im ersten Quartal 2022 nicht genug Impfstoff da ist, dann wundere ich mich schon sehr, zumal das Impfen ja  das Gebot der Stunde ist.

An welche Adresse würden Sie diese Kritik richten?

Wöhler:  Schuldzuweisungen und auch ein Rückwärtsblick machen keinen Sinn. Wir sehen, was Corona und die verschiedenen Mutanten für unser Land bedeuten. Deswegen wünsche ich mir jetzt tatsächlich den Blick in die Zukunft und eine ehrliche Bilanz dessen, was man aus den letzten Monaten einer Pandemie im Sinne von lessons learned  für Schlussfolgerungen ziehen kann. Wir haben jetzt knapp zwei Jahre Pandemie-Erfahrungen. Daher wünsche ich mir eine konzeptionelle Planung für die nächsten Monate und nicht ein Durchhangeln von Woche zu Woche bzw. von Monat zu Monat.

Sie weisen ja schon länger vor allem auf eine mangelhafte Digitalisierung hin. Halten Sie diesen Vorwurf aufrecht?

Wöhler: Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir sehr viel besser durch die Pandemie alleine in Bezug auf das Thema Kontakt-Nachverfolgung gekommen wären. Aber man muss auch deutlich sagen, dass  in der letzten Legislaturperiode hier wirklich ein Knoten geplatzt ist. Gesundheitsminister Spahn hat   viele Initiativen zur Digitalisierung vorangebracht. Gerade das für uns so wichtige Thema elektronische Patientenakte, aber auch solche Themen wie die Verbindung von Akteuren als Versicherte und Leistungserbringer durch Video- Sprechstunden sind ein echter Mehrwert. Wir sehen durch die vielen Gesetze einen ersten Schub in Richtung einer modernisierten Gesundheitsversorgung auf der Basis von digitalen Lösungen und Anwendungen. Auch die Ampel-Koalition setzt ein wichtiges Zeichen für den Ausbau der Digitalisierung und die flächendeckende Etablierung telemedizinischer Versorgungsalternativen. Das eröffnet dem neuen Gesundheitsminister sehr viele Möglichkeiten, einen echten Digitalisierungsschub voranzutreiben.

Unser Gesundheitssystem arbeitet ja gegenwärtig am Limit. Sie selber haben gerade den aktuellen Krankenhausreport Ihrer Kasse vorgelegt. Wie steht es um das Gesundheitssystem? 

Wöhler: Unser aktueller Krankenhausreport zeigt, dass wir einen sehr starken Rückgang von Patientenzahlen während der Pandemie hatten bei gleichzeitig  veränderter Patientenstruktur. Das hat damit zu tun, dass gerade letztes Jahr über mehrere Monate selektive, planbare Eingriffe verschoben werden mussten und stattdessen dann vor allem viele ältere und kränkere Menschen in die Kliniken gekommen sind. Für 2020 sehen wir einen Rückgang der Krankenhausfälle bundesweit um fast 14 Prozent und in Bayern sogar um 14,7 Prozent im Vergleich zu 2019. Unabhängig vom Krankenhausreport sehen wir aufgrund der fortlaufenden Auswertung verschiedener Daten deutlich, dass strukturelle Mängel im Krankenhauswesen bestehen. Es besteht eine Fehl-Verteilung letztendlich von Betten und damit eben auch eine entsprechende Fehl-Verteilung von Personal.. Und dieses strukturelle Problem hat sich durch die Corona-Pandemie noch mal sehr deutlich manifestiert. Wenn es wir nicht so ein umfassendes Engagement in der ambulanten Versorgung gegeben hätte, dann wäre die Situation noch besorgniserregender.  Wir brauchen eine grundlegende Strukturreform, die damit anfangen muss, dass wir die Krankenhausplanung nach Versorgungsstufen aufsetzen. Hier soll nicht mehr die Kapazität von verfügbaren Betten oder die Menge von Kliniken die relevante Planungsgröße sein. Vielmehr sollte das, was unsere Bevölkerung tatsächlich an Versorgung braucht für die Planung maßgeblich sein. Wir schlagen ein dreistufiges System der klinischen Versorgung vor:  die Grundversorgung mit der Notfallversorgung, die Regelversorgung und dann die Maximal- bzw. Spezialversorgung, bei der auch Vorhaltungen z.B. für Pandemiezeiten erforderlich sind.


Nach oben