Deutschland hat das teuerste Gesundheitssystem der EU, aber nicht das beste

In ihrem aktuellen Bericht "State of Health in the EU" kritisiert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die mangelnde Effizienz des deutschen Gesundheitswesens. "Wir haben die dichteste Versorgung mit Ärzten und Pflegepersonal und die meisten Krankenhausbetten. Trotzdem liegt die Lebenserwartung nur knapp über dem EU-Durchschnitt, und sie wächst nur langsamer", fasst Winfried Plötze zusammen. Mit 4.300 Euro würden die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheitsversorgung 1.400 Euro über dem EU-Durchschnitt liegen. Kein anderer Mitgliedstaat leiste sich ein derart teures Gesundheitswesen. Aber teuer heißt in diesem Fall nicht besser. Denn mehrere Länder hätten niedrigere Ausgaben bei gleichzeitig geringerer Sterblichkeit aufgrund behandelbarer Todesursachen. So liege die Sterberate hierzulande bei 158 je 100.000 Einwohner, Italien verzeichne dagegen nur 110 Todesfälle aufgrund von Erkrankungen, die durch Prävention hätten vermieden werden können. Dazu passt, dass die verhaltensbedingten Risikofaktoren in Deutschland weiterhin problematisch seien. Jeder sechste Erwachsene und jeder fünfte Jugendliche sei hierzulande übergewichtig oder adipös. Schlechte Ernährungsgewohnheiten und Rauschtrinken seien ausgeprägter als in den anderen EU-Ländern.

Zu viele Betten, mangelnde Qualität und fragmentierte Strukturen

Noch immer habe Deutschland laut OECD-Bericht die höchste Bettenquote in der EU, und auch die Verweildauer in der Klinik liege mit 8,9 Tagen über dem europäischen Durchschnittswert. Zudem leide die Behandlungsqualität darunter, dass Leistungen oft in kleinen und unzureichenden Krankenhäusern erbracht werden. Dass Behandlungen in Deutschland häufiger im Krankenhaus statt ambulant durchgeführt würden, liege an der Fragmentierung der Sektoren. Plötze: "Wir brauchen zwingend eine sektorenübergreifende Versorgung, die nicht am Reißbrett auf Basis veralteter Daten, sondern anhand des tatsächlichen Bedarfs geplant wird. Arztnetze und regionale Versorgungsverbünde könnten ein Weg sein, um die medizinische Versorgung überall zu gewährleisten."

Kürzeste Wartezeit für Facharzttermin

Im europäischen Vergleich verfüge Deutschland über ein dichtes medizinisches Versorgungsnetz. Zwar käme es in ländlichen Gebieten zu längeren Anfahrtswegen, doch für die meisten sei der Hausarzt weniger als eineinhalb Kilometer entfernt. Dass deutsche Patienten übermäßig lange auf einen Facharzttermin warten würden, bestätigte die Studie nicht. Im Gegenteil: Deutschland habe die kürzesten Wartezeiten in der gesamten EU. Nur drei Prozent der befragten Bundesbürger würden zwei Monate oder länger auf einen Facharzttermin warten.

Lösungsansätze

Laut der Studienautoren könnte das deutsche Gesundheitssystem durch eine Stärkung der Gesundheitsförderung, Prävention und Koordinierung in der Gesundheitsversorgung besser werden. Um die Kosten zu senken, nennen sie zwei mögliche Ansatzpunkte: Zum einen gelte es, unnötige und teure stationäre Behandlungen zu reduzieren und die ambulante Versorgung sowie Operationen in Tageskliniken auszubauen. Zum anderen koste der Arzneimittelsektor zu viel Geld. Deutschland habe die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Arzneimittel in der EU. Die bisher unternommenen Einsparversuche seien nur mäßig erfolgreich gewesen. Zudem merken die Autoren an, dass es in der Bundesrepublik keine Positivliste für Medikamente gebe, die von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt würden. Stattdessen seien "alle zugelassenen verschreibungspflichtigen Arzneimittel in der Regel erstattungsfähig, einschließlich neuer und oft sehr teurer Arzneimittel, wenn sie eine vergleichende Nutzenbewertung bestehen." Das erleichtere zwar den Zugang zu innovativen Therapien, treibe aber auch die Kosten für die Krankenkassen in die Höhe. Die Studie der OECD finden Sie hier.

Webcode dieser Seite: p014852 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 31.08.2020
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