Bis zum Jahr 2060 könnte die Zahl Pflegebedürftiger in Baden-Württemberg laut Pflegevorausberechnung des Statistischen Landesamtes auf über 800.000 ansteigen. Verglichen mit dem Jahr 2021 wäre das ein Zuwachs um 48 Prozent. Um diese Menschen versorgen zu können, bräuchte es nach der Berechnung etwa 102.000 zusätzliche Pflegekräfte im Land. Deshalb ist die Sicherstellung einer zukunftsfähigen Pflegelandschaft eine der drängendsten Herausforderungen, die politische und gesellschaftliche Maßnahmen erfordert.
Pflegebedürftigkeit verhindern oder abschwächen
Entlassmanagement optimieren
In Baden-Württemberg wurden laut Barmer-Pflegereport im Jahr 2022 mehr als 30.000 Menschen in Zusammenhang mit einem Klinikaufenthalt pflegebedürftig. Eine Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt, dass die pflegerische Versorgung im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt oftmals nicht bedarfsgerecht organisiert ist. Die Folge ist, dass die Menschen häufig erneut ins Krankenhaus eingewiesen werden oder sich deren Verweildauer im Krankenhaus erhöht. Dies gilt es zu vermeiden, indem die Prozesse im Rahmen des Entlassmanagements besser aufeinander abgestimmt werden. Die pflegerischen Strukturen, insbesondere im Bereich der Tages- und Kurzzeitpflege, müssen durch das Land weiter ausgebaut werden.
Ärztliche Versorgung verbessern
Der Barmer-Pflegereport 2023 zeigt, dass Pflegebedürftige häufig in ein Krankenhaus eingewiesen werden, weil die ambulante oder pflegerische Versorgung im Vorfeld unzureichend war. Häufig waren schwere, aber gut behandelbare chronische Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes die Ursache für einen Klinikaufenthalt. Aber auch vermeidbare Beschwerden wie ein Flüssigkeitsmangel oder Harnwegsinfekte. Um die Zahl an Klinikeinweisungen zu reduzieren, muss die ärztliche Versorgung von Pflegeheimbewohnenden verbessert werden. Dazu bedarf es einer verbindlichen und strukturierten Zusammenarbeit der niedergelassenen Ärzteschaft mit Pflegeeinrichtungen.
Mangelernährung und Dehydration sind laut Barmer-Pflegereport 2024 Erkrankungen, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass die betroffene Person pflegebedürftig wird. Unter normalen Umständen sind das vermeidbare Faktoren, die nicht zu einer Pflegebedürftigkeit führen sollten. Eine Stärkung der ambulanten ärztlichen Versorgung ist daher dringend geboten. Nicht nur, um die Versorgung in Pflegeheimen zu verbessern. Sondern auch, um den Eintritt von Pflegebedürftigkeit aufgrund vermeidbarer Faktoren zu verhindern.
Versorgung in der geriatrischen Rehabilitation ausbauen
Die geriatrische Rehabilitation verfolgt das Ziel, älteren Menschen nach einer Erkrankung, einem Unfall oder operativen Eingriff die Rückkehr zu einem selbstbestimmten Leben zu ermöglichen. Sie trägt zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit bei und fördert die Eigenständigkeit der Betroffenen. Zielgerichtete Rehabilitationsmaßnahmen sorgen dafür, dass ältere Menschen möglichst lange in ihrer vertrauten Umgebung leben können. Umso wichtiger ist es, die mobile geriatrische Rehabilitation auszubauen.
Professionelle Pflege stärken
Ambulante Pflege stärken
Es ist der Wunsch vieler Menschen, möglichst lange in ihrer vertrauten häuslichen Umgebung zu bleiben. Rund 85 Prozent aller Pflegebedürftigen in Baden-Württemberg werden laut Statistischen Landesamt zu Hause versorgt. Ein Umzug in ein Pflegeheim erfolgt häufig erst dann, wenn der Pflegebedarf deutlich komplexer wird und die häusliche Versorgung nicht mehr ausreicht.
Baden-Württemberg fördert im Rahmen der Landesstrategie "Quartier 2030 – Gemeinsam.Gestalten." seit mehreren Jahren eine alters- und generationengerechte Quartiersentwicklung. Das Förderprogramm sollte von der neuen Landesregierung fortgeführt werden. Denn damit wird der Zugang zu Pflege, Gesundheitsversorgung und Unterstützung im Alltag erleichtert und die soziale Teilhabe der Pflegebedürftigen gestärkt. Zudem sollte ein besonderer Fokus auf die Unterstützung und den Ausbau ambulant betreuter Wohngemeinschaften gelegt werden.
Pflege als attraktives Arbeitsfeld stärken
Der Fachkräftemangel trifft besonders die Pflege. Immer mehr Arbeit muss auf eine gleichbleibende oder sogar sinkende Zahl an Schultern verteilt werden. Deshalb gilt es, die Arbeitsbedingungen in der Pflege attraktiv zu gestalten und neue Pflegefachkräfte zu gewinnen. Die Ausbildungskapazitäten und Studienplätze sollten sich nach dem Bedarf richten und stetig angepasst werden. Zusätzlich können Fachkräfte aus dem Ausland einen wichtigen Beitrag zur Sicherung der pflegerischen Versorgung leisten. Mit der Errichtung einer neuen Landesagentur für Zuwanderung von Fachkräften hat Baden-Württemberg einen wichtigen Grundstein gelegt. In diesem Zusammenhang sollten die bürokratischen Hürden für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse und Qualifikationen auf ein notwendiges Maß reduziert und eine hohe Anerkennungsquote angestrebt werden. Gleichzeitig ist das Land in der Verantwortung, ausreichende Kapazitäten für Sprachkurse zu schaffen.
Einführung eines verbindlichen Gesellschaftsjahres prüfen
Jährlich absolvieren in Baden-Württemberg etwa 13.900 junge Menschen ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Das ist der zweithöchste Stand seit Einführung des FSJ. Dadurch wird deutlich, dass sich das FSJ als eine wichtige Stütze für die sozialen Berufe etabliert hat. Darüber hinaus bietet es großes Potenzial für das Gewinnen von Nachwuchskräften und die Berufsorientierung junger Menschen. Angesichts des Fachkräftemangels und des steigenden Personalbedarfs in pflegerischen Berufen sollte die Einführung eines verbindlichen Gesellschaftsjahres überprüft werden. Die Landesregierung sollte sich hierfür auf Bundesebene einsetzen. Die finanzielle und materielle Anerkennung des sozialen Engagements sollte weiterhin gestärkt werden, etwa durch vergünstigte kulturelle Angebote, ÖPNV-Zuschüsse oder die Anrechnung im Studium.
Pflegende Angehörige entlasten
Tages- und Kurzzeitpflegeplätze ausbauen
Angehörige sind der größte Pflegedienst in Baden-Württemberg. Aus diesem Grund ist konsequent zu prüfen, wie pflegende Angehörige strukturell und finanziell entlastet werden können. Im Rahmen der Pflegestrukturplanung ist es die Aufgabe der Bundesländer, das nötige Angebot an Kurzzeit-, Verhinderungs-, Tages- und Nachpflege auszubauen und dauerhaft finanziell zu fördern. Ein Echtzeitmonitoring über freie Kapazitäten im pflegerischen Bereich kann die Inanspruchnahme und Auslastung optimieren und sollte daher implementiert werden.
Steuerfinanzierte Pflegezeit prüfen
Menschen, die ihre Berufstätigkeit zeitweise oder ganz unterbrechen, um Angehörige zu pflegen, benötigen eine verlässliche staatliche Unterstützung zur Sicherung ihres Lebensunterhalts – ohne Verpflichtung zur Rückzahlung. Diese Unterstützung sollte aus Steuermitteln finanziert und an den Regularien der Elternzeit ausgerichtet sein. Baden-Württemberg sollte sich auf Bundesebene für die Einführung stark machen. Ein solches Modell würde nicht nur die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf deutlich verbessern, sondern auch einen wichtigen wirtschaftlichen Effekt erzielen: Fachkräfte blieben dem Arbeitsmarkt langfristig erhalten und gingen nicht dauerhaft verloren.