Ein Arzt im Beratungsgespräch mit einem Patienten

eCare

Lesedauer unter 10 Minuten

Welchen Nutzen bringt die elektronische Patientenakte ab 2021 für Ärzte?

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Autor/in

Jessica Braun

Qualitätssicherung

  • Bérengère Codjo,
  • Laura Fenger (Barmer)
Inhaltsverzeichnis

Die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) 2021 bringt die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens voran. Mit ihr soll die Versorgung transparenter und effektiver werden. Welche Vorteile bringt die ePA für Ärzte?

Die Versorgung in Deutschland verändert sich: Es gibt einen enormen Wissenszuwachs in der Medizin, eine fortschreitende Spezialisierung in den Fachbereichen und einen von der Digitalisierung getriebenen technischen Fortschritt. Vom Hausarzt über die Thoraxchirurgin und den Altenpfleger bis zur Psychotherapeutin tragen ganz unterschiedliche Experten zur Behandlung von Patienten bei. Gemeinsam verfügen sie über wertvolles Wissen über deren Krankengeschichten. In Aktenordnern abgeheftet oder im System der jeweiligen Praxis gespeichert ist dieses jedoch nur begrenzt nutzbar – es liegt brach. Dieses Wissen mit allen beteiligten Leistungserbringern zu teilen, erfordert einen enormen bürokratischen Aufwand für die ohnehin oft unter Zeitdruck arbeitenden Praxen und Krankenhäuser. Technologien, die in anderen Branchen das Verarbeiten und den Austausch von Informationen erleichtern und effektiver machen, haben sich im deutschen Gesundheitswesen noch nicht ausreichend durchgesetzt. Verglichen mit anderen Ländern belegt Deutschland in Hinsicht auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens noch immer eher einen der hinteren Plätze . Die Einführung der ePA innerhalb des dafür notwendigen Kommunikationsnetzes, der Telematikinfrastruktur (TI), soll dies nun ändern.

Spätestens ab Januar 2021 müssen die gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten eine ePA anbieten. Als digitaler Ordner versammelt diese ab der Einführung Befunde, Diagnosen und Behandlungsberichte, zu einem späteren Zeitpunkt auch Verordnungen. Somit bietet sie Ärztinnen, Psychotherapeuten, Zahnärztinnen und Krankenhäusern einen Überblick über die wichtigsten Gesundheitsdaten ihrer Patienten. Ab 2022 sollen auch andere Akteure des Gesundheitswesens diese Möglichkeit haben. Anwendungen wie der Notfalldatensatz, der elektronische Medikationsplan und elektronische Arztbriefe machen die ePA zu einem aktuellen Instrument für die Versorgung. So können Ärzte beispielsweise Unverträglichkeiten bei der Behandlung leichter berücksichtigen und Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln vorbeugen. Neben dem Patientengespräch wird sie zukünftig zur wichtigsten Informationsquelle für Anamnese, Diagnostik und Therapiefortschritt. Voraussetzung: Die Versicherten beantragen eine ePA und gewähren den Leistungserbringern Zugriff darauf – denn beides ist freiwillig.  

eGK und ePA - was sind die Unterschiede?

Die elektronische Gesundheitskarte (eGK)
Auf der elektronischen Gesundheitskarte sind nur administrative Daten des Patienten wie Name, Adresse, Geburtsdatum, Geschlecht und Versichertennummer gespeichert. Diese Daten können beim Versichertenstammdatenmanagement (VSDM) überprüft und bei Bedarf aktualisiert werden. Außerdem unterstützt die elektronische Gesundheitskarte auch einige medizinische Anwendungen. So soll es zukünftig möglich sein, auf der Gesundheitskarte Notfalldaten oder einen elektronischen Medikationsplan zu speichern . Um diese Daten anzulegen oder zu bearbeiten, ist neben der elektronischen Gesundheitskarte auch die Zustimmung der Patientin oder des Patienten und eine PIN nötig. Patienten können diese PIN bei ihrer Krankenkasse anfordern. Im Notfall sollen neben Ärzten, Zahnärztinnen und deren Mitarbeitern auch Rettungskräfte auf die Daten zugreifen dürfen – selbst ohne Zustimmung und PIN der Betroffenen, wenn diese nicht bei Bewusstsein sind.  Anzeigen lassen sich die Informationen auf der elektronischen Gesundheitskarte nur mit einem speziellen, den Arztpraxen und Krankenhäusern vorbehalten Kartenleser. Patienten können ihre Daten auf der elektronischen Gesundheitskarte weder eigenständig zuhause einsehen noch ändern. Aktuell befindet sich dieses Verfahren noch in einer Testphase.

Die elektronische Patientenakte (ePA)
Die ePA-Dokumente werden nicht auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert, sondern verschlüsselt auf Servern. Dadurch bietet die Akte mehr Speicherplatz: Anders als auf der Gesundheitskarte können nicht nur definierte Datensätze, sondern alle relevanten Gesundheitsdokumente eines Patienten hochgeladen werden. Um Patienten und Ärzte bestmöglich zu unterstützen, wird der Funktionsumfang der ePA in den nächsten Jahren sogar noch erweitert. Sofern Ärzte von ihren Patienten entsprechende Zugriffsrechte bekommen haben, können sie die ePA über ihr jeweiliges Praxisverwaltungssystem einsehen und pflegen. Auch die Patienten lesen und managen die in ihrer ePA enthaltenen Gesundheitsdokumente bequem über die zugehörige App. Darüber hinaus können sie festlegen, welche Leistungserbringer diese Dokumente sehen dürfen. Ohne Einverständnis der Patienten ist kein Zugriff auf die ePA möglich – auch nicht im Notfall.

Schnittstelle für die Kommunikation

In der Bevölkerung hat die ePA bereits mehrheitlich Befürworter: 72 Prozent halten es einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Nielsen zufolge für sinnvoll, dass die Akte alle Behandler auf denselben Kenntnisstand bringt. Sie erhoffen sich dadurch eine bessere medizinische Behandlung. Die ePA trägt dazu bei, indem sie die Kommunikation erleichtert. Nur wenigen Patienten gelingt es zum Beispiel, ihre Krankengeschichte auf Nachfrage lückenlos zu rekonstruieren. Selbst junge Menschen haben wichtige Informationen nicht immer parat, antworten auf die Frage „Welches Schmerzmittel hat man Ihnen verschrieben?“ mit „Irgendwas mit N...“ oder vergessen eine ältere Verletzung zu erwähnen, die den Ausgang einer OP jedoch beeinflussen kann. Auch Sprachbarrieren oder Demenz können ärztliche Entscheidungen erschweren. Bei Patienten, die sich für eine ePA entschieden und die relevanten Daten freigegeben haben, liegen diese jederzeit vor.

Digitale Services zu nutzen ist für viele Patienten bereits selbstverständlich. Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom vereinbart ein Viertel der Deutschen Arzttermine online oder lässt sich per SMS an Termine erinnern. Warum beispielsweise Befunde nach der Untersuchung per Post verschickt werden müssen, ist für sie deshalb nicht immer nachvollziehbar. Auch für Videosprechstunden bietet sich die ePA an: Sie ermöglicht Ärztin und Patient ohne direkten Kontakt einen gemeinsamen Blick in die Akte, zum Beispiel um aktuelle Messwerte oder Befunde Dritter zu besprechen. In Fällen, in denen schnell eine zweite Meinung wichtig ist, ließe sich so auch ein Facharzt dazuschalten.

Ab 2022 sollen Patienten, die sich nicht in der Lage fühlen, ihre ePA selbst zu führen, stellvertretend jemand anderes benennen können. So vereinfacht die ePA die komplexe Versorgung zum Beispiel von Palliativpatienten. Indem sie Praxen über die Telematikinfrastruktur geschützt miteinander verbindet, verkürzt sie auch die Übermittlungszeit, wenn Befunde fehlen. Die Mitarbeit aller Leistungserbringer vorausgesetzt, gehören Nachfragen und tagelanges Warten auf Dokumente damit der Vergangenheit an.

Das E-Rezept
Das am 16. August 2019 in Kraft getretene Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) legt die Grundlage für die Einführung des E-Rezepts. Beginnend ab dem 1. Juli 2021 soll dieses das rosa Papierrezept in Arztpraxen und Apotheken stufenweise überflüssig machen, die Abgabe von Medikamenten sicherer und den Zugang für Patienten unkomplizierter.
Erstellt eine Praxis in ihrer Arzneimittelverordnungssoftware Rezepte, können Patienten zukünftig entscheiden, ob sie diese direkt in eine App auf ihrem Smartphone übermittelt oder ausgedruckt haben wollen. Die in der Telematikinfrastruktur (TI) verschlüsselt abgelegten Rezepte enthalten einen QR-Code. Mit diesem können Patienten oder ihre Vertrauenspersonen ihre elektronischen Arzneimittelverordnungen in den Apotheken ihrer Wahl einlösen. Haben sie sich für die digitale Version entschieden, lässt sich das Rezept über die TI auch digital an die Apotheke übermitteln. Diese kann eine Nachricht auf das Smartphone senden, sobald das Medikament bereitliegt – oder liefert es aus, sofern sie einen Botendienst anbietet. Auch, wenn ein Medikament nicht verfügbar ist, können Apotheken ihre Patienten benachrichtigen. So haben diese die Möglichkeit, ihren QR-Code an eine Apotheke weiterzuleiten, die das gewünschte Arzneimittel im Bestand hat.
Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) sieht vor, dass sich die mehr als 19.000 Apotheken in Deutschland bis 30.9.2020 an die TI anschließen.

Kürzere Durchlaufzeiten

Ein digitales Angebot kann kein Patientengespräch ersetzen. Die ePA kann die vorbereitenden Prozesse jedoch effektiver machen und entlastet damit Mitarbeiter in Praxen und Kliniken. Etwaige Lücken in der Krankengeschichte können Arzt und Patientin dann während der Anamnese gezielt schließen. Krankenhäuser arbeiten oft noch mit fallbezogenen Akten. Das Einverständnis der Patienten immer vorausgesetzt, erlaubt die ePA den an der Behandlung Beteiligten, sich nicht nur über den Ist-Zustand zu informieren, sondern auch die Krankengeschichte und den bisherigen Therapieplan einzusehen. Relevante familiäre Vorerkrankungen oder langjährige chronische Beschwerden sind dadurch präsent, auch wenn die Patienten diese vielleicht zu erwähnen vergessen. Halten die Behandler die Akte gemeinsam auf dem neuesten Stand, vereinfacht das auch Zwischenanamnesen. Anfangs erfordert dies vielleicht eine Umstellung, weil Ärztinnen auf die in ihrer Praxis üblichen Abkürzungen verzichten müssen. Dafür entfällt jedoch das oft schwierige Entziffern fremder Handschriften. Das Ziel: Weniger handschriftliche Einträge, verschickte Briefe und Faxe und dafür mehr Zeit für Versorgung und Beratung.

Über die wirtschaftlichen Vorteile hinaus

Natürlich beschäftigt viele Praxen die Frage, welche Kosten und zusätzlichen Aufwand die Einführung der ePA und der Anschluss an die TI mit sich bringt. Ärzte und Psychotherapeuten müssen die Anbindung ihrer Praxen nicht selbst finanzieren. Die Dachorganisation der Kassenärztlichen Vereinigungen (KBV) und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) haben eine Vereinbarung zur Finanzierung der Erstausstattung und des laufenden Betriebs getroffen. Für das erste Befüllen jeder ePA erhalten Ärzte ein Honorar, ebenso, wenn sie Notfalldaten erstellen oder diese aktualisieren. Eingesparte Doppeluntersuchungen entlasten das Gesundheitssystem. Dazu kommen die derzeit noch schwer zu quantifizierenden Vorteile, die eine bessere Vernetzung im Gesundheitswesen bringt – sei es durch den zuverlässigen Zugriff auf aktuelle Daten von jedem Arbeitsplatz aus, eine optimale medizinisch-pflegerische Dokumentation oder die angestrebte Nutzung der Daten in der Forschung, die letztlich auf die Qualität von Ausbildung und Behandlung einzahlt. Fast zwei Drittel der von der Marktforschungsagentur Nielsen zur ePA Befragten würden ihre dort enthaltenen Daten anonymisiert für Forschungszwecke zur Verfügung stellen.

Mehr Wissen durch geteilte Daten

Bei all dem steht der Schutz der Patientendaten im Vordergrund. Gesundheitsdaten sind äußerst sensibel. Aus diesem Grund steht es den über 72 Millionen gesetzlich Versicherten frei, sich von ihrer Krankenkasse eine elektronische Patientenakte anlegen zu lassen. Die Patienten entscheiden auch, wer auf die Daten Zugriff erhält und für welchen Zeitraum. Deshalb macht nur eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen ihnen und den Leistungserbringern die ePA  zu einem wertvollen Instrument für alle. Anschaulich wird das beim Home-Monitoring chronisch Kranker. Im Rahmen des Telemedizin-Projekts der Berliner Charité in Kooperation mit der Barmer wiegen sich die beteiligten Herz-Patienten jeden Morgen, messen ihren Puls und Blutdruck und übermitteln die Daten mittels Tablet an das Telemedizinzentrum der Charité. Zeigen sich Auffälligkeiten, nehmen die Mitarbeiter dort telefonisch Kontakt auf, um die Lage abzuklären. Die ePA ist die Schnittstelle, um diese Art der Versorgung zukünftig einem großen Patientenkreis zugänglich zu machen. Ein weiteres Anwendungsbeispiel ist die Palliativmedizin: Um die Lebensqualität von sterbenden Menschen zu sichern, ist eine engmaschige Kontrolle der Symptome nötig. Kooperation über Disziplinen und Fachgebiete hinweg macht dies bedeutend einfacher.

Ärzte müssen sich deswegen nicht vor Fremdbestimmung durch Kollegen oder sogar Patienten fürchten. Die ePA ist ein integratives Instrument, das die Koordination im Gesundheitswesen verbessert. Sie vernetzt Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten und stärkt so die Zusammenarbeit – extern und intern. Patienten wiederum, die einen Einblick in ihre Daten und die Therapiemaßnahmen haben, fühlen sich meist souveräner, sind engagierter. In unserer Patientenakte Barmer eCare werden wir den Versicherten ergänzende Serviceangebote zur Verfügung stellen. Die Erinnerungsfunktion beispielsweise wird Patienten bei der Einnahme ihrer Medikamente helfen, um so die Therapietreue zu fördern.

Patienten wünschen sich, dass digitale Gesundheitsangebote individuell auf sie zugeschnitten werden – denn so sind sie es von den Apps und Online-Diensten, die sie täglich nutzen, gewohnt. Die ePA macht dies möglich. Umgekehrt können Patienten auch zum Behandlungserfolg beitragen, indem sie zum Beispiel ein digitales Schmerztagebuch führen, ihre Depression oder die Ergebnisse der für Diabetiker wichtigen Fußuntersuchung dokumentieren. Aktiv an der Behandlung beteiligte Patienten tragen wesentlich zu einer zielgerichteten Versorgung bei.

Auch wenn viel von Digitalisierung die Rede ist: Aktuelle Studien zeigen, dass Ärzte in Gesundheitsfragen nach wie vor die wichtigsten Vertrauens- und Ansprechpartner für Patienten sind. Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat zudem bedeutenden Einfluss auf die Therapietreue. In einer Untersuchung von Dr. Christian Schäfer, Professor an der DHBW Mannheim heißt es , dieses Verhältnis zeichne sich durch „Partnerschaftlichkeit, Offenheit, das Zeitfenster, welches ein Arzt seinem Patienten offeriert, die Qualität und Quantität der angebotenen ärztlichen Informationen und nicht zuletzt die patientenseitig wahrgenommene Verlässlichkeit in die medizinischen Fähigkeiten des behandelnden Arztes aus“. Mit ihren Funktionen unterstützt die ePA Ärzte, aber auch Therapeuten und Pflegekräfte in all diesen Aspekten. Digitale Daten und Anwendungen sind Erfolgsfaktoren für das Gesundheitssystem der Zukunft.

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Webcode: a005672 Letzte Aktualisierung: 08.09.2020
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