Ein Arzt im Beratungsgespräch mit einem Patienten
eCare

Welchen Nutzen bringt die elektronische Patientenakte für Ärztinnen und Ärzte?

Lesedauer unter 7 Minuten

Redaktion

  • Jessica Braun

Qualitätssicherung

  • Bérengère Codjo
  • Laura Fenger (Barmer)

Im Sommer 2021 hat die Ausstattung von Arztpraxen für den Zugriff auf elektronische Patientenakten begonnen. Damit erhält die ePA langsam Einzug in den Praxisalltag. Noch gibt es einige praktische Hürden zu überwinden, aber die Perspektive ist deutlich: Anwendungen wie die elektronische Patientenakte haben großes Potenzial, Abläufe für Arztpraxen sowie Patientinnen und Patienten zu vereinfachen. 

Von der Hausarztpraxis über die Thoraxchirurgie und die Altenpflege bis zur Psychotherapie tragen ganz unterschiedliche Experten zur Behandlung von Patientinnen und Patienten bei. Gemeinsam verfügen sie über wertvolles Wissen über deren Krankengeschichten. In Aktenordnern abgeheftet oder im System der jeweiligen Praxis gespeichert ist dieses jedoch nur begrenzt nutzbar – es liegt brach. Dieses Wissen mit allen beteiligten Leistungserbringern zu teilen, erfordert einen enormen bürokratischen Aufwand für die ohnehin oft unter Zeitdruck arbeitenden Praxen und Krankenhäuser.

Die Einführung der ePA innerhalb des dafür notwendigen Kommunikationsnetzes, der Telematikinfrastruktur (TI), soll dies nun ändern. Seit Januar 2021 bieten die gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte an. Als digitaler Ordner soll diese Befunde, Diagnosen, Behandlungsberichte und Verordnungen versammeln und somit Ärztinnen und Ärzten, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Zahnärztinnen und Zahnärzten sowie Krankenhäusern einen Überblick über die wichtigsten Gesundheitsdaten ihrer Patienten geben. Weitere Akteure des Gesundheitswesens sollen ebenfalls diese Möglichkeit bekommen. Anwendungen wie der Notfalldatensatz, der elektronische Medikationsplan und elektronische Arztbriefe machen die ePA zu einem aktuellen Instrument für die Versorgung. So können Ärztinnen und Ärzte beispielsweise Unverträglichkeiten bei der Behandlung leichter berücksichtigen und Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln vorbeugen. Neben dem Patientengespräch wird sie zukünftig zur wichtigsten Informationsquelle für Anamnese, Diagnostik und Therapiefortschritt. 

Vereinfachte Kommunikation

Versicherte versprechen sich von der elektronischen Patientenakte praktischen Nutzen: 77,7 Prozent der Befragten sehen nach einer repräsentativen Umfrage des Praxis-WLAN-Anbieters Socialwave einen Vorteil der ePA darin, dass die zentral gespeicherten Daten von überall zugänglich sind. 77,1 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass durch die ePA Mehrfachuntersuchungen vermieden werden können.

Die ePA trägt dazu bei, indem sie die Kommunikation erleichtert. Nur wenigen Patientinnen und Patienten gelingt es zum Beispiel, ihre Krankengeschichte auf Nachfrage lückenlos zu rekonstruieren. Selbst junge Menschen haben wichtige Informationen nicht immer parat, antworten auf die Frage „Welches Schmerzmittel hat man Ihnen verschrieben?“ mit „Irgendwas mit N...“ oder vergessen eine ältere Verletzung zu erwähnen, die den Ausgang einer OP jedoch beeinflussen kann. Auch Sprachbarrieren oder Demenz können ärztliche Entscheidungen erschweren. Bei Patientinnen und Patienten, die sich für eine ePA entschieden und die relevanten Daten freigegeben haben, liegen diese jederzeit vor.

Digitale Services zu nutzen ist für viele Patientinnen und Patienten bereits selbstverständlich. Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom vereinbart ein Viertel der Deutschen Arzttermine online oder lässt sich per SMS an Termine erinnern. Warum beispielsweise Befunde nach der Untersuchung per Post verschickt werden müssen, ist für sie deshalb nicht immer nachvollziehbar. Auch für Videosprechstunden bietet sich die ePA an: Sie ermöglicht Ärztinnen und Ärzten und Patientinnen und Patienten ohne direkten Kontakt einen gemeinsamen Blick in die Akte, zum Beispiel um aktuelle Messwerte oder Befunde Dritter zu besprechen. In Fällen, in denen schnell eine zweite Meinung wichtig ist, ließe sich so auch eine Facharztpraxis dazuschalten.

Patientinnen und Patienten, die vertrauten Personen Einblick in ihre ePA geben möchten oder sich von diesen beim Organisieren unterstützen lassen möchten, können diese als ePA-Vertretungen bestimmen. Das könnte beispielsweise die komplexe Versorgung von Palliativpatienten vereinfachen. 

Indem die elektronische Patientenakte Praxen über die Telematikinfrastruktur geschützt miteinander verbindet, verkürzt sie auch die Übermittlungszeit, wenn Befunde fehlen. Die Mitarbeit aller Leistungserbringer vorausgesetzt, gehören Nachfragen und tagelanges Warten auf Dokumente damit der Vergangenheit an.

Kürzere Durchlaufzeiten

Ein digitales Angebot kann kein Patientengespräch ersetzen. Die ePA kann die vorbereitenden Prozesse jedoch effektiver machen und entlastet damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Praxen und Kliniken. Etwaige Lücken in der Krankengeschichte können Ärztinnen und Ärzte mit ihren Patientinnen und Patienten dann während der Anamnese gezielt schließen. Krankenhäuser arbeiten oft noch mit fallbezogenen Akten.

Das Einverständnis der Patientinnen und Patienten immer vorausgesetzt, erlaubt die ePA den an der Behandlung Beteiligten, sich nicht nur über den Ist-Zustand zu informieren, sondern auch die Krankengeschichte und den bisherigen Therapieplan einzusehen.

Relevante familiäre Vorerkrankungen oder langjährige chronische Beschwerden sind dadurch präsent, auch wenn die Patientinnen und Patienten diese vielleicht zu erwähnen vergessen. Halten die Behandelnden die Akte gemeinsam auf dem neuesten Stand, vereinfacht das auch Zwischenanamnesen. Anfangs erfordert dies vielleicht eine Umstellung, weil Ärztinnen und Ärzte auf die in ihrer Praxis üblichen Abkürzungen verzichten müssen. Dafür entfällt jedoch das oft schwierige Entziffern fremder Handschriften. Das Ziel: Weniger handschriftliche Einträge, verschickte Briefe und Faxe und dafür mehr Zeit für Versorgung und Beratung.

eGK und ePA - was sind die Unterschiede?

Die elektronische Gesundheitskarte (eGK)
Auf der elektronischen Gesundheitskarte sind nur administrative Daten des Patienten wie Name, Adresse, Geburtsdatum, Geschlecht und Versichertennummer gespeichert. Diese Daten können beim Versichertenstammdatenmanagement (VSDM) überprüft und bei Bedarf aktualisiert werden. Auch Notfalldaten und Medikationsplan lassen sich aktuell noch auf der Gesundheitskarte speichern – dieses ist jedoch ein Auslaufmodell. Die Daten können bereits jetzt auf Patientenwunsch in der ePA gespeichert werden.

Die elektronische Patientenakte (ePA)
Die ePA-Dokumente werden nicht auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert, sondern verschlüsselt auf Servern. Dadurch bietet die Akte mehr Speicherplatz: Anders als auf der Gesundheitskarte können nicht nur definierte Datensätze, sondern alle relevanten Gesundheitsdokumente einer Patientin bzw. eines Patienten hochgeladen werden. Der Funktionsumfang der ePA wird in den kommenden Jahren stetig weiterentwickelt.
Ärztinnen und Ärzte können Dokumente in den elektronischen Patientenakten ihrer Patientinnen und Patienten einsehen und pflegen. Voraussetzung dafür ist, dass diese die entsprechenden Berechtigungen dazu erteilen. Denn Patientinnen und Patienten bestimmen jederzeit selbst, wer welche Daten wie lange einsehen darf. Per App können sie außerdem die Gesundheitsdokumente bequem selbst organisieren.

Über die wirtschaftlichen Vorteile hinaus

Natürlich beschäftigt viele Praxen die Frage, welche Kosten und zusätzlichen Aufwand die Einführung der ePA und der Anschluss an die Telematikinfrastruktur (TI) mit sich bringt. Arztpraxen und Psychotherapeutinnen und -therapeuten müssen die Anbindung ihrer Praxen nicht selbst finanzieren. Die Dachorganisation der Kassenärztlichen Vereinigungen (KBV) und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) haben eine Vereinbarung zur Finanzierung der Erstausstattung und des laufenden Betriebs getroffen. Für das erste Befüllen jeder ePA erhalten Arztpraxen ein Honorar, ebenso, wenn sie Notfalldaten erstellen oder diese aktualisieren.

Eingesparte Doppeluntersuchungen entlasten das Gesundheitssystem. Dazu kommen die derzeit noch schwer zu quantifizierenden Vorteile, die eine bessere Vernetzung im Gesundheitswesen bringt – sei es durch den zuverlässigen Zugriff auf aktuelle Daten von jedem Arbeitsplatz aus, eine optimale medizinisch-pflegerische Dokumentation oder die angestrebte Nutzung der Daten in der Forschung, die letztlich auf die Qualität von Ausbildung und Behandlung einzahlt. 

Mehr Wissen durch geteilte Daten

Das Teilen von Daten zwischen Patientinnen bzw. Patienten und ihren Behandelnden bietet Potenzial für eine Verbesserung der Versorgung. Anschaulich wird das beim Home-Monitoring chronisch Kranker. Im Rahmen des Telemedizin-Projekts der Berliner Charité in Kooperation mit der Barmer wiegen sich die beteiligten Herz-Patienten jeden Morgen, messen ihren Puls und Blutdruck und übermitteln die Daten mittels Tablet an das Telemedizinzentrum der Charité. Zeigen sich Auffälligkeiten, nehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort telefonisch Kontakt auf, um die Lage abzuklären. Die ePA ist die Schnittstelle, um diese Art der Versorgung zukünftig einem großen Patientenkreis zugänglich zu machen. Ein weiteres Anwendungsbeispiel ist die Palliativmedizin: Um die Lebensqualität von sterbenden Menschen zu sichern, ist eine engmaschige Kontrolle der Symptome nötig. Kooperation über Disziplinen und Fachgebiete hinweg macht dies bedeutend einfacher.

Ärztinnen und Ärzte müssen sich deswegen nicht vor Fremdbestimmung durch Kolleginnen und Kollegen oder sogar Patientinnen und Patienten fürchten.

Die ePA ist ein integratives Instrument, das die Koordination im Gesundheitswesen verbessert. Sie vernetzt Arztpraxen, Pflegekräfte und Therapeuten und stärkt so die Zusammenarbeit – extern und intern. 

Auch wenn viel von Digitalisierung die Rede ist: Aktuelle Studien zeigen, dass Ärztinnen und Ärzte in Gesundheitsfragen nach wie vor die wichtigsten Vertrauens- und Ansprechpartner für Patientinnen und Patienten sind. Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat zudem bedeutenden Einfluss auf die Therapietreue. Mit ihren Funktionen unterstützt die ePA Arztpraxen, aber auch Therapeutinnen und Therapeuten sowie Pflegekräfte in all diesen Aspekten. Digitale Daten und Anwendungen sind Erfolgsfaktoren für das Gesundheitssystem der Zukunft.

Literatur

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