Barmer-Arztreport: Psychotherapie - Mehr Therapeuten und trotzdem lange Wartezeiten

Dresden, 15. Juli 2020 – Immer mehr Menschen in Deutschland nehmen eine psychotherapeutische Beratung in Anspruch. Allein im Jahr 2018 suchten in Sachsen rund 145.000 Menschen einen Psychotherapeuten auf, 2009 waren es nur rund 92.000. Das bedeutet einen Zuwachs von rund 60 Prozent. (Report: Seite 191) Parallel dazu ist die Anzahl der Psychotherapeuten im Freistaat ebenfalls gestiegen. Kamen laut Bundesarztregister 2013 auf 100.000 Einwohner in Sachsen 24 Therapeuten, waren es 31 im Jahr 2018. Um Betroffenen schneller zu helfen, wurde im Jahr 2017 die Psychotherapie-Richtlinie mit dem Ziel reformiert, den Zugang leichter zu gestalten. Das ist gelungen. Auch ist die Wartezeit bis zu einer Psychotherapie kürzer geworden, jedoch bei 16,4 Prozent (Report. S. 159) der Patientinnen und Patienten verstrichen zwischen Psychotherapeutischer Sprechstunde und Therapiebeginn noch immer acht oder mehr Wochen. (Report. S. 159) Das geht aus dem aktuellen Barmer-Arztreport hervor. „Die Reform der Psychotherapie-Richtlinie hat den Zugang zu psychotherapeutischer Ersthilfe erleichtert, das reicht aber nicht aus. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind zum Teil nach wie vor zu lang, zumal sich psychische Probleme chronifizieren können. Wenn räumlich möglich und wenn es medizinisch sinnvoll erscheint, sollten fachliche Kompetenzen gebündelt und mehr Gruppentherapien angeboten werden“, sagt Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen. Den Ergebnissen des Arztreports zufolge bekämen 97 Prozent der Patienten in Sachsen Einzeltherapien. (Report, Seite 204)

Gute Noten für die Psychotherapeutische Sprechstunde

Seit 2017 müssen die Praxen eine Psychotherapeutische Sprechstunde anbieten. Als erste Hilfe hat sich diese bewährt. Allein von 2016 bis 2018 stieg der Anteil der Bevölkerung mit Kontakt zu Psychotherapeuten in Sachsen um fast 13 Prozent, von rund 127.100 auf 143.400 Personen. (Report, Seite 192) In diese Sprechstunde finden die Patienten entweder durch die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen oder durch den direkten Kontakt zu einer Psychotherapeutischen Praxis. In der Sprechstunde entscheidet die Therapeutin oder der Therapeut, ob eine Therapie notwendig und wenn ja, wie dringend sie ist. Hier werden die Weichen gestellt, ob jemand wirklich eine Psychotherapie oder andere Hilfen braucht. „Aus unserer Sicht hat sich die psychotherapeutische Sprechstunde sehr bewährt“, resümiert Dr. Gregor Peikert, Präsident der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK). „Über die neue Sprechstunde finden Menschen viel schneller Zugang in die psychotherapeutische Versorgung“, so Peikert. Für einige Veränderungen sorgten auch die vergangenen Monate der Corona-Pandemie, in denen die Psychotherapeuten zum Kontakterhalt mit Patienten und unter Quarantäne stehenden Menschen ihre Arbeitsweise auch auf Videobehandlungen umgestellt haben. „Die psychotherapeutische Fernbehandlung ist erst seit einem halben Jahr als Kassenleistung zugelassen. In einer von der OPK durchgeführten Befragung unter unseren Kollegen ergab sich, dass viele Therapeuten dies auch weiterhin als ergänzende Behandlungsform anbieten werden. Die ist aber sehr differenziert und die Behandlung im persönlichen Kontakt wird die erste Wahl bleiben“, so der OPK-Präsident.

Hier wird mir geholfen! - Erwartungshaltung der Betroffenen ist hoch

Laut einer Barmer Umfrage waren zwar fast 89 Prozent der Befragten mit dem Vertrauensverhältnis zum Therapeuten sehr zufrieden, allerdings nur 66 Prozent mit dem Ergebnis der Therapie. Jeder Dritte war demnach teilweise oder gänzlich unzufrieden mit den Resultaten. „Viele Patientinnen und Patienten wünschen sich eine ganz konkrete Lösung für ihre Probleme. Eine Psychotherapie deckt aber eher Verhaltensmuster auf und gibt Denkanstöße zum eigenen Handeln. Deshalb ist es wichtig, dass die Therapeuten den Patientinnen und Patienten zu Beginn klar formulieren, was sie sich von einer Therapie erhoffen können“, sagt Magerl.

Immer mehr Therapeuten behandeln immer mehr Menschen

In Sachsen kümmerten sich im Jahr 2018 über 1.200 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten um die Versorgung Betroffener. Seit 2013 stieg die Zahl um 28 Prozent. (Report, Seite 179) „Leider kommt die steigende Anzahl der Therapeuten nicht eins zu eins in der Versorgung an. Es arbeiten deutlich mehr Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in den Städten, eher seltener auf dem Land, wo die Versorgungslage zum Teil deutlich kritischer ist“, sagt Magerl. Sachsenweit wurden 2018 beispielsweise in Dresden und Leipzig die meisten Therapeuten erfasst. In Nordsachsen, dem Vogtlandkreis, Leipziger Land und Meißen dagegen sachsenweit die wenigsten. „Leider hat die bisherige Reform nichts an der Tatsache geändert, dass Menschen auf dem Land nicht die gleiche Versorgung zur Verfügung steht, wie Menschen mit vergleichbaren Erkrankungsdiagnosen in Städten. Patienten in Regionen mit hoher Therapeutendichte haben größere Chancen auf Kontakte zu Psychotherapeuten und nachfolgende Therapien“, mahnt Magerl. (Report. Seite 209/231)

Wie bekommen wir die Therapeuten dorthin, wo wir sie am meisten brauchen?

„Wir dürfen nicht nachlassen, weiter nach bedarfsgerechten und flexiblen Behandlungsmöglichkeiten zu suchen, bei der auch die Digitalisierung eine wichtige Rolle spielen wird. Sie kann eine Therapie nicht ersetzen, wohl aber ergänzen“, sagt Magerl. Hier ist über den Ausbau von Videosprechstunden, Anreizsysteme während der Weiterbildung nach dem Studium und finanzielle Förderungen auf Landkreisebene nachzudenken.

Wartezeiten verkürzen - Gruppentherapie als mögliche Alternative

Praxen für Gruppentherapien miteinander zu vernetzen, das hat sich die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer als Ziel gesetzt. Es wird dazu ein Projekt geben, das Ressourcen für die Gruppentherapie erschließen soll. „Wir möchten Einzelpraxen miteinander vernetzen. Diese informieren sich untereinander, wenn Gruppentherapien begonnen werden und können sich bei Bedarf die entsprechenden Patienten zuweisen. Zum Beispiel eröffnet eine Praxis eine Gruppe für Patienten mit Depressionen, eine andere für Suchtgefährdete. Somit könnten wir effektiver Patienten die Therapie zukommen lassen, die sie benötigen“, sagt Dr. Gregor Peikert. Nichtsdestotrotz ist Gruppenpsychotherapie nur für einen bestimmten Teil von Patienten eine gute Alternative. „Nur ein kleiner Anteil der Patienten ist bisher auch zu einer Gruppentherapie bereit. Wir müssen sicher bei den Patienten noch Aufklärungsarbeit über die Vor- und Nachteile der Gruppenpsychotherapie leisten“, so Peikert.

 

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Das komplette Material zum Arztreport 2020 Sachsen finden Sie unter: www.barmer.de/p009012

 

 

Webcode dieser Seite: p015597 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 14.09.2020
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