Zu jung fürs Altersheim: Immer mehr jüngere Pflegebedürftige in Hamburg

Hamburg, 11. Januar 2018 - Pflegebedürftigkeit ist nicht nur ein Thema der Alten und Hochbetagten. Die Zahl der „jüngeren“ Pflegebedürftigen im Alter von 15 bis 60 Jahre ist in Hamburg seit der Jahrtausendwende bis zum Jahr 2015 um über 40 Prozent auf über 6.000 Personen angestiegen. Das ist jeder neunte von insgesamt rund 52.600 Pflegebedürftigen in der Hansestadt, verweist die Barmer auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes (s. u. Grafik). „Bettlägerig, hilflos und alt? Ich kann vor Stereotypen nur warnen“, sagt Frank Liedtke, Landesgeschäftsführer der Barmer in Hamburg. „Denn Pflege hat viele Gesichter. Besonders die jüngeren Pflegebedürftigen werden oft vergessen. Sie haben andere Krankheitsbilder und andere Bedarfe. Ein 30-Jähriger mit einem Down-Syndrom kann ganz anders am Leben teilhaben, als ein 80-Jähriger, der bettlägerig oder schwer dement ist. Tendenziell wollen junge Pflegebedürftige individueller und selbstbestimmter leben, als es ihnen bisher möglich ist.“

Fehlende Angebote für jüngere Pflegebedürftige

Obwohl keine kleine Gruppe, spielen junge Pflegebedürftige in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle. Vermutlich auch deshalb fehlen geeignete Betreuungsplätze – insbesondere Wohngruppen, teilstationäre und Kurzzeitpflegeplätze. Das geht aus einer repräsentativen, bundesweiten Umfrage im Pflegereport der Barmer hervor. Demnach würden gern 35 Prozent der Zehn- bis 29-Jährigen in eine Wohngruppe bzw. eine betreute Wohngemeinschaft ziehen. Jedoch hat etwa jeder zweite Pflegebedürftige in dieser Altersklasse angegeben, dass sich sein Wechsel in eine Wohngruppe, aber auch in ein Pflege- oder Behindertenheim, deswegen zerschlagen hat, weil kein Platz in der Einrichtung vorhanden war. „Die unerfüllten Wünsche nach einem selbstbestimmten Wohnen vieler junger Pflegebedürftiger müssen für Politik, Bauwirtschaft und Interessensverbände ein Ansporn sein, gemeinsam nach Lösungen zu suchen“, sagt Liedtke.

Andere Krankheitsbilder machen andere Unterstützung notwendig

Die Mehrzahl (65 Prozent) der 15-60-jährigen Pflegebedürftigen in Hamburg wird daheim von der eigenen Familie, in der Regel den Eltern, gepflegt und erhält dafür das sogenannte Pflegegeld (s. u. Grafik). Ein weiterer Grund, warum jüngere Pflegebedürftige keine externe Hilfe holen, sind laut Umfrage fehlende altersgerechte Freizeitangebote in den Einrichtungen. Außerdem gehe die „Altenpflege“ zu wenig auf die speziellen Bedürfnisse und Fähigkeiten ein. Das hängt vor allem mit den Ursachen der Pflegebedürftigkeit zusammen: Insgesamt haben die jüngeren Betroffenen andere Krankheitsbilder und leiden eher selten an Demenz oder den Folgen von Schlaganfällen.

Nach der Analyse des Reports haben jüngere Pflegebedürftige

  • 35 Prozent Lähmungen,
  • 32 Prozent Intelligenzminderungen,
  • 24 Prozent eine Epilepsie und
  • 10 Prozent Down-Syndrom.

Wunsch nach Kurzzeitpflege doppelt so hoch wie machbar

Vor allem bei der Kurzzeitpflege gibt es Versorgungslücken. So nutzen derzeit laut Befragung neun Prozent der jungen Pflegebedürftigen mindestens einmal im Jahr die Kurzzeitpflege. Tatsächlich aber würden gern 19 Prozent auf dieses Angebot zugreifen. Damit ist der Wunsch nach Kurzzeitpflege um mehr als 100 Prozent höher, als er tatsächlich realisierbar ist. Eine weiter steigende Nachfrage könnte sich auch aus dem Pflegestärkungsgesetz II ergeben, das den auf Kurzzeitpflege anspruchsberechtigten Personenkreis seit vergangenem Jahr deutlich ausgeweitet hat.

Zahlen, Daten, Fakten

Pflegebedürftige in Hamburg (2015) nach Art der Betreuung:

  • 15-60-jährige Pflegebedürftige in Hamburg: Eine Mehrheit von 65 Prozent (3.970 Betroffene) wird von Angehörigen daheim und ohne externe Hilfe gepflegt. Dafür erhalten Sie Pflegegeld. 23 Prozent holen sich ambulante Unterstützung. 11 Prozent leben in einem Pflegeheim - das sind lediglich 646 Pflegebedürftige.
  • In der Gesamtbetrachtung aller 52.600 Pflegebedürftigen erhalten 40 Prozent (rund 21.000) ein monatliches Pflegegeld. 28,5 Prozent leben in einem Pflegeheim. Quelle: www.gbe-bund.de.Neuer Inhalt Neuer Inhalt
Webcode dieser Seite: p008825 Autor: Barmer Erstellt am: 11.01.2018 Letzte Aktualisierung am: 11.01.2018
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