Sitzender Lebensstil: Runter vom Sofa

Sitzen kann tödlich sein. Das klingt krass, doch wissenschaftliche Studien zeigen, dass zu langes Sitzen die Gefahr für Diabetes, Krebs oder Herzinfarkt erhöht. Was wir dagegen tun können und warum Unterricht im Stehen dabei sinnvoll sein kann, erklärt Klaus Möhlendick, Diplom-Sportwissenschaftler bei der Barmer GEK.

Ist es nicht übertrieben, Sitzen als tödliche Gefahr einzustufen? Wir tun es doch fast immer und beinahe überall!

Und genau das ist das Problem. Wir sitzen im Büro, im Auto, zu Hause auf dem Sofa, im Restaurant, im Kino oder im Fußballstadion. Der technische Fortschritt ermöglicht uns, den Alltag mit immer weniger Bewegung zu bewältigen. Männer kommen in Deutschland heute im Schnitt auf fünf, Frauen auf vier Stunden reine Sitz-Zeit am Tag. Grundschulkinder verharren bis zu neun Stunden in einer sitzenden Position. Experten sprechen heute schon von einer Generation S, die dem sitzenden Lebensstil frönt. Nicht Sitzen ist also das Problem, sondern das wir zu viel sitzen.

Sitzen ist normal, kommunikativ, gemütlich. Was ist schlimm daran?

Wer zu lange sitzt, kriegt nicht nur Rückenschmerzen. Er erhöht nachweislich sein Risiko für Erkrankungen wie Diabetes, Krebs oder Herzinfarkt. Der Grund dafür ist der aus dem zu langen Sitzen resultierende Bewegungsmangel. Dabei steigt das Risiko mit jeder Stunde, die wir länger sitzen. Außerdem: Dem sitzenden Lebensstil gewöhnen sich heute schon Kinder an.

Aber wir können ja nicht immer nur rumstehen, oder?

Nein, natürlich nicht immer. Sitzen begleitet ja oft nur unsere eigentliche Tätigkeit, die Arbeit, das Lernen oder Spielen. Es mutet ja geradezu albern an, sich einen spannenden Film stehend anzuschauen. Aber öfter mal aufzustehen, ist ein guter Anfang. Also: Unterbrechen Sie das Sitzen, stehen Sie öfter einmal auf, mindestens jede halbe Stunde.

Aber wie soll das gehen, ganz praktisch im Alltag?

Bauen Sie Bewegung in den Alltag ein. Spazieren, Fahrrad fahren, Treppen steigen, kurze Strecken gehen, statt sie mit dem Auto zu fahren. Die meisten Strecken, die wir zurücklegen, sind kürzer als drei Kilometer. Statt fünf oder zehn Minuten Stress im Verkehr investieren Sie eine halbe Stunde in einen Spaziergang an frischer Luft. Besprechungen bei der Arbeit könnten ganz bewusst kurz unterbrochen werden, damit man sich bewegen kann. Arbeitsplätze sollten so gestaltet sein, dass man die Arbeitshöhe verstellen kann, um stehend zu arbeiten. In Familien können Eltern echte Vorbilder sein. Wenn Kinder schon von klein auf lernen, dass Bewegung selbstverständlich zum Leben dazu gehört, ist es als Erwachsener völlig normal, weniger zu sitzen und sich mehr zu bewegen.

Was halten Sie vom Sporttreiben als Gegenmittel zum Sitzen?

Früher hätte ich sofort gesagt, dass Sport auf jeden Fall das Richtige ist. Heute sieht die Wissenschaft das etwas differenzierter. Sport ist immer noch wichtig, jede Bewegung ist besser als gar keine. Aber Studien zeigen auch, dass man mit ein, zwei Sporteinheiten pro Woche zu langes Sitzen nicht kompensieren kann. Außerdem kommt es auf die persönliche Situation an. Bin ich ein Büroarbeiter oder muss ich mich im Beruf öfter bewegen, weil ich Verkäuferin oder Friseur bin? Wie viel Energie verbrauche ich als Bauarbeiter bei arbeitsbedingten Bewegungen, wie viel ist es bei einem Lehrer? Aber nochmal: Sport bleibt eine der besten Möglichkeiten, mehr Bewegung ins Leben zu bringen!

Kommt es nur auf den Einzelnen an?

Nein, ganz im Gegenteil. Gerade in Bezug auf Kinder und ihre Familien befürworte ich gesellschaftliche Anstrengungen. Warum sollte es in Schulen zum Beispiel keine Möglichkeit geben, im Stehen zu lernen? Was hindert uns daran, in den Unterrichtsstunden kurze Unterbrechungen einzubauen, damit Kinder aufstehen können? Warum führen wir keine tägliche Sportstunde in Ganztagsschulen ein? Und was Kindern gut tut, ließe sich auch auf Arbeitnehmer übertragen, zum Beispiel in Bezug auf die Gestaltung von Arbeitsplätzen oder die Möglichkeit, die Arbeit kurz für eine bewegte Pause zu unterbrechen. So betrachtet, muss auch die Gesellschaft neu denken – und am besten dabei aufstehen!

Webcode dieser Seite: p003110 Autor: Barmer Erstellt am: 15.03.2016 Letzte Aktualisierung am: 15.12.2016
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