Zu jung fürs Altersheim?

Pflegebedürftigkeit ist nicht nur ein Thema der Alten und Hochbetagten. Die Zahl der „jüngeren“ Pflegebedürftigen im Alter von 15- bis 60 Jahren steigt seit Jahren an. Allein in Thüringen sind es derzeit 9700 Betroffene - das ist jeder zehnte von insgesamt rund 94.000 Pflegebedürftigen laut Statistischem Bundesamt mit letztem Stand Ende 2015. 

Neuer Inhalt Obwohl keine kleine Gruppe, sind junge Pflegebedürftige in Thüringen fast „unsichtbar“ und spielen in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle. Vermutlich auch deshalb fehlen geeignete Betreuungsplätze - insbesondere Wohngruppen, teilstationäre und Kurzzeitpflegeplätze. Das geht aus einer repräsentativen, bundesweiten Barmer-Umfrage im Pflegereport der Barmer hervor. Demnach würden gerne 35 Prozent der Zehn- bis 29-Jährigen in eine Wohngruppe ziehen. Jedoch hat etwa jeder zweite Pflegebedürftige in dieser Altersklasse angegeben, dass sich sein Wechsel in eine Wohngruppe, aber auch in ein Pflege- oder Behindertenheim, deswegen zerschlagen hat, weil kein Platz in der Einrichtung vorhanden war. „Die unerfüllten Wünsche nach einem selbstbestimmten Wohnen vieler junger Pflegebedürftiger müssen für Politik, Bauwirtschaft und Interessensverbände ein Ansporn sein, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Erforderlich sind mehr ihrem Alter angepasste Wohnplätze für Kinder, Jugendliche und sehr junge Erwachsene“, sagt Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin in Thüringen.

Andere Krankheitsbilder, andere Hilfe notwendig...

Die Mehrzahl (74 Prozent) der Pflegebedürftigen bis 60-Jahren in Thüringen wird daheim von der eigenen Familie, in der Regel den Eltern, gepflegt und erhält dafür das sogenannte Pflegegeld. Ein weiterer Grund, warum jüngere Pflegebedürftige keine externe Hilfe holen, sind laut Umfrage fehlende, altersgerechte Freizeitangebote in den Einrichtungen. Außerdem gehe die „Altenpflege“ zu wenig auf die speziellen Bedürfnisse und Fähigkeiten ein. Das hängt vor allem mit den Ursachen der Pflegebedürftigkeit zusammen:  Insgesamt haben die jüngeren Betroffenen andere Krankheitsbilder und leiden eher selten an Demenz oder den Folgen von Schlaganfällen. Nach der Analyse des Reports haben

  • Ÿ 35 Prozent Lähmungen,
  • Ÿ 32 Prozent Intelligenzminderungen,
  • Ÿ 24 Prozent eine Epilepsie und
  • Ÿ zehn Prozent Down-Syndrom.

„Junge Pflegebedürftige haben ganz andere Bedarfe als ältere. Dem müssen Pflegeeinrichtungen künftig verstärkt Rechnung tragen“, sagt der Autor des Barmer-Pflegereports, Prof. Dr. Heinz Rothgang von der Universität Bremen.

Wunsch nach Kurzzeitpflege doppelt so hoch wie machbar

Vor allem bei der Kurzzeitpflege gibt es Versorgungslücken. So nutzen derzeit neun Prozent der jungen Pflegebedürftigen mindestens einmal im Jahr die Kurzzeitpflege. Tatsächlich aber würden gern 19 Prozent auf dieses Angebot zugreifen. Damit ist der Wunsch nach Kurzzeitpflege um mehr als 100 Prozent höher, als er tatsächlich realisierbar ist. Eine weiter steigende Nachfrage könnte sich auch aus dem Pflegestärkungsgesetz II ergeben, das den auf Kurzzeitpflege anspruchsberechtigten Personenkreis seit vergangenem Jahr deutlich ausgeweitet hat - unter Umständen als Übergangspflege sogar für Menschen mit Pflegebedarf, aber (noch) ohne Pflegegrad. Weitere Defizite  zeigte die Umfrage auch bei der Tagespflege, die lediglich 13 Prozent in Anspruch nehmen, wobei 20 Prozent den Wunsch danach hegen. 

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Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der BARMER in Thüringen:

Birgit Dziuk Bettlägerig? Hilflos? Vor allem aber alt? Ich kann vor Stereotypen nur warnen. Denn Pflege hat viele Gesichter. Besonders die jüngeren Pflegebedürftigen werden oft vergessen. Sie haben andere Krankheitsbilder und andere Bedarfe. Ein 30-Jähriger mit einem Down-Syndrom kann ganz anders am Leben teilhaben, als ein 80-Jähriger, der bettlägerig oder schwer dement ist. Tendenziell wollen junge Pflegebedürftige individueller und selbstbestimmter leben, als es ihnen bisher möglich ist.

Als wesentlichen Grund, warum die teilstationäre Pflege und die Kurzzeitpflege nicht wie gewünscht genutzt werden, gaben 43 beziehungsweise 40 Prozent der Betroffenen den Mangel an entsprechenden Angeboten für die jeweilige Altersgruppe an. Jüngere Pflegebedürftige sind oft noch mobiler, außerdem gibt es - anders als bei älteren Betroffenen - mehr männliche als weibliche Pflegebedürftige.

Weitere Informationen zum Pflegereport erhalten Sie im Barmer-­Presseportal: www.barmer.de/p008519

Zahlen, Daten, Fakten

  • In Thüringen gab es zum 1.10.2017 insgesamt 361 vollstationäre Pflegeeinrichtungen mit 26.518 Betten. Das sind sieben Einrichtungen bzw. 808 Betten mehr (+3 Prozent) als zum selben Stichtag in 2015.
  • Unter den Einrichtungen verfügen 30 Prozent über weniger als 50 Betten, jedes fünfte Haus hat mehr als 100 Betten.
  • Hinzu kommen 467 ambulante Pflegeeinrichtungen - das sind 18 mehr als zwei Jahre zuvor.

Pflegebedürftige in  Thüringen (2015) nach Art der Betreuung

Neuer Inhalt 15-60-jährige Pflegebedürftige in Thüringen: Eine Mehrheit von 74 Prozent (7267 Betroffene) wird von Angehörigen daheim und ohne externe Hilfe gepflegt. Dafür erhalten Sie Pflegegeld. Nur 14 Prozent holen sich ambulante Unterstützung. Weitere 11 Prozent leben in einem Pflegeheim - das sind lediglich 1037 Pflegebedürftige.
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In der Gesamtbetrachtung aller 94.000 Pflegebedürftigen erhalten 48 Prozent (rund 46.000) ein monatliches Pflegegeld. Jeder vierte lebt in einem Pflegeheim. Quelle: www.gbe-bund.de

 

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Webcode dieser Seite: p008629 Autor: Barmer Erstellt am: 24.11.2017 Letzte Aktualisierung am: 24.11.2017
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