"Logistik wie am Flughafen"

Der 7. Thüringer Krankenhausplan wirft seine Schatten voraus. Die Hoffnung der Krankenkassen, dass es nicht zu einer bloßen Fortschreibung und Ausweitung von Fachabteilungen kommt, sondern auch zu mutigen Entscheidungen, erhält nun Nahrung: Anfang Februar besuchten Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) und Staatssekretärin Ines Feierabend mehrere Einrichtungen in Dänemark und den Niederlanden. Beide Länder haben ihre Krankenhausstrukturen in den letzten Jahrzehnten umgekrempelt. Ein Vorbild für Thüringen?

Sozialministerium H. Werner (c) Delf Zeh, TMASGFF
Gesundheitsministerin Heike Werner, (c) Delf Zeh, TMASGFF

Dänemark und Thüringen sind sich als ländlich geprägte Flächenländer recht ähnlich. Vor gut zehn Jahren hat sich Dänemark eine tiefgreifende Reformkur verordnet: viele kleine Krankenhausstandorte wurden geschlossen oder umgewandelt, Zentren gebildet, die Flugrettung verstärkt, Telemedizin aufgebaut. Was haben Sie sich angesehen?

Wir waren im Zentrum für Gesundheitsinnovation Süddänemark. Beeindruckt hat mich die komplexe elektronische Vernetzung. In Dänemark experimentiert man sehr kreativ mit den Möglichkeiten des Internets, ohne dass die Technik selbst im Mittelpunkt steht. Vielmehr geht es darum, kranken Menschen mit vielerlei Hilfsangeboten das Leben zu erleichtern und gleichzeitig das Gesundheitssystem effizienter zu machen. Mit webbasierter Technik wurde beispielsweise auch das Großkrankenhauses Odense optimiert. Wir haben uns dort die Abläufe in der Notaufnahme angesehen. In der hauseigenen Leitstelle werden alle Prozesse von der Aufnahme, über die Diagnose und Behandlung bis zur Entlassung in Echtzeit elektronisch abgebildet. Der Hinweis, man habe sich einiges von der Logistik auf Flughäfen abgeschaut, überrascht nicht. Die Patienten profitieren davon: Die „Durchlaufzeiten“ wurden um die Hälfte verringert, die Sterblichkeitsrate wurde gesenkt und für die Patienten ist der Fortgang der Behandlung jederzeit nachvollziehbar.

Ihre Reise führte Sie auch in die Niederlande. Dort hat der Hausarzt schon lange eine zentrale Funktion im Gesundheitswesen, die doppelte Facharztschiene ist nicht ausgeprägt. Ein Vorbild für Thüringen?

Eins-zu-eins kann man das System der Niederlande sicher nicht auf Thüringen übertragen. Aber wir können lernen, wie man die ambulante und stationäre medizinische Versorgung eng miteinander verknüpft. Die niedergelassenen Allgemeinmediziner sind in den Niederlanden die Anlaufstelle für alle Patienten. Bei Bedarf kommen die Krankenhausärzte unterstützend in die Praxis. Stellt sich heraus, dass eine Krankenhausbehandlung notwendig ist, bereiten niedergelassener und Krankenhausarzt zusammen den Patienten vor. Auch beim Übergang vom Krankenhaus in die ambulante Behandlung arbeiten beide eng zusammen. Die Patienten profitieren davon: Keine Doppeluntersuchungen, alle Informationen aus einer Hand und eine lückenlose Betreuung. Das hat mir gefallen.

Ihre Reise dient auch als Inspiration für den 7. Krankenhausplan, der bis Jahresende vorliegen muss. Was könnte da kommen?

Ich nehme von diesem Besuch viele Anregungen für die Thüringer Krankenhausplanung mit. Nicht alles müssen wir übernehmen. Aber ich wünsche mir für Thüringen eine unvoreingenommene Diskussion darüber, wie wir die Qualität der Krankenhausbehandlung verbessern können. Eine gute Personalausstattung bei Pflegekräften, eine Mindestanzahl an bestimmten Operationen pro Arzt, doppelte Checks gegen multiresistente Keime, eine umfassende Einbeziehung der Beschäftigten in die Organisation des Krankenhauses, eine offene Fehlerkultur und vieles mehr sind in den Niederlanden und in Dänemark weit verbreitet. Oft sind es nur wenige organisatorische Veränderungen, die einen großen Unterschied machen. Ein Beispiel: Die Schwestern auf Station sind in den modernen niederländischen Krankenhäusern für 5 bis 6 Patienten persönlich verantwortlich und haben mobile Arbeitsstationen in unmittelbarer Nähe der Patientenzimmer. Die Patienten und ihre Familien stehen damit feste Ansprechpartnerinnen zur Verfügung. Das schafft Vertrauen, reduziert Anonymität und unterstützt so den Genesungsprozess.

Save the Date: "Wir machen es wie Dänemark"

Am 31. Mai wird Ministerin Werner bei einer Veranstaltung der Barmer GEK über ihre gesundheitspolitische Bildungsreise berichten. Das Motto der Tagung: "Wir machen es wie Dänemark". Es erwartet Sie ein spannendes Impulsreferat eines renommierten Krankenhaus-Experten aus Dänemark sowie eine Podiumsdiskussion, für die wir neben Ministerin Werner auch Dr. Kerstin Haase, Geschäftsführerin der Zentralklinik Bad Berka, gewinnen konnten.

Aufgrund der zu erwartenden größeren Teilnehmerzahl bitten wir Sie um Anmeldung per E-Mailrobert.buessow@barmer-gek.de

Bildnachweis: TMASGFF, Delf Zeh

Webcode dieser Seite: p002972 Autor: Barmer Erstellt am: 15.03.2016 Letzte Aktualisierung am: 15.12.2016
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