Blutverbrauch in Schleswig-Holstein zu hoch – Patient Blood Management vermeidet Transfusionen

Kiel, 9.12.2019 – 25 Prozent der Bevölkerung sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation von Blutarmut (Anämie) betroffen. In Schleswig-Holstein wurde nach Auswertungen der Barmer im Jahr 2017 bei rund 100.000 Menschen eine Anämie dokumentiert – die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Bei Operationen sind diese Menschen oft auf Blutkonserven angewiesen. „Der aktuelle Barmer-Krankenhausreport zeigt auf, dass Patienten, die unter einer Blutarmut leiden und vor einer planbaren Operation nicht entsprechend behandelt wurden, schlechtere Behandlungsergebnisse aufweisen. Darüber hinaus ist auch die Sterblichkeitsrate bei bestimmten Eingriffen höher“, sagt Dr. Bernd Hillebrandt, Landesgeschäftsführer der Barmer in Schleswig-Holstein. „Um Risiken für Patientinnen und Patienten zu minimieren und Blutkonserven einzusparen, plädiert die Barmer für ein konsequentes Umsetzen des Konzepts „Patient Blood Management“, das sich ganz dem effizienten und sicheren Umgang mit dem ‚flüssigen Organ‘ widmet“, so Hillebrandt weiter.

Stärken der körpereigenen Blutreserven statt Blutkonserven

Unnötiger Blutverlust kann zu gesundheitlichen Komplikationen führen und sollte stets vermieden werden. Der Einsatz von Blutkonserven sollte trotzdem nicht zur gängigen Praxis zählen. Auch vor dem Hintergrund, dass demografiebedingt immer weniger Menschen Blut spenden. „Bluttransfusionen können Leben retten, daran besteht kein Zweifel. Kein Zweifel besteht aber auch da-ran, dass die Ressource Blut immer knapper wird“, sagt Dr. Bernd Hillebrandt.

Derzeit werden bei 6,9 Prozent aller Operationen in Schleswig-Holstein Blutkonserven gebraucht. Nach Ansicht der Barmer könnte diese Rate deutlich gesenkt werden. „Zahlreiche Bluttransfusionen sind vermeidbar durch das Behandlungskonzept ‚Patient Blood Management‘“, sagt Hillebrandt.

Mit eben diesem Konzept werden Patientinnen und Patienten durch Stärkung körpereigener Blutreserven optimal auf Operationen vorbereitet. Blutverluste vor, während und nach planbaren Eingriffen fallen durch das spezielle Behandlungskonzept wesentlich niedriger aus. Transfusionen samt Risiken werden dadurch seltener. „Planbare Operationen sollten nur noch nach einer Behandlung der Blutarmut erfolgen“, schlussfolgert Hillebrandt aus den Ergebnissen der Versorgungsforschung der Barmer.

Mehr Patientensicherheit für tausende Schleswig-Holsteiner mit Anämie

Das Krankheitsbild der Anämie, insbesondere der Eisenmangelanämie, ist weit verbreitet. Es betrifft nach Schätzungen rund 400.000 Menschen in Schleswig-Holstein. Bei einer Anämie ist der Hämoglobinwert des Blutes vermindert, was den Bedarf an Bluttransfusionen im Falle eines Blutverlustes signifikant erhöht. Um die Effekte des Patient Blood Managements näher zu beleuchten, vergleicht die aktuelle Analyse der Barmer Patientinnen und Patienten mit und ohne Anämie in ausgewählten Behandlungen und Eingriffen über die Jahre 2005 bis 2016 miteinander.

Demnach bekommen Anämie-Patienten wesentlich häufiger Bluttransfusionen verabreicht als Patienten ohne Blutarmut. Beispielsweise haben in den Jahren 2005 bis 2016 rund 67 Prozent der Patienten mit Blutarmut bei einer Bypass-Operation am Herzen eine Transfusion erhalten. Demgegenüber stehen Patienten ohne Blutarmut, von denen im gleichen Zeitraum beim gleichen Eingriff lediglich 49 Prozent eine Bluttransfusion gegeben werden musste. Die Sterblichkeitsrate nach Bypass-Operationen liegt bei Anämie-Patienten bei 4,3 Prozent, bei Patienten ohne Blutarmut lediglich bei 1,8 Prozent.

Deutschland führt beim Blutverbrauch 

In keinem anderen Land wird so viel Blut zu Medizinzwecken verbraucht als in Deutschland. Allein im Jahr 2017 wurden 3,2 Millionen Blutkonserven eingesetzt. Laut Barmer Report wurden 2017 in Schleswig-Holstein rund 112.000 Bluttransfusionen aufgewendet, der Verbrauch lag bei 38,9 Einheiten je 1.000 Einwohner. Zum Vergleich: In den Niederlanden wurden 2017 insgesamt nur etwa 407.000 Blutkonserven eingesetzt. Hier liegt der Verbrauch bei nur 23,8 Einheiten je 1.000 Einwohner.

Schleswig-Holstein über dem Bundesdurchschnitt

2009 wurden in Schleswig-Holstein noch bei 8,4 Prozent der Operationen Transfusionen verabreicht. 2017 ist der Wert auf 6,9 Prozent zurückgegangen; er liegt aber immer noch über dem Bundeswert von 6,6 Prozent. In Schleswig-Holstein beliefen sich damit in 2017 die Gesamtkosten für die Verabreichung von Bluttransfusionen auf über 16,5 Mio. Euro. Würde der Blutverbrauch nur auf 35 Einheiten je 1.000 Einwohner gesenkt, was etwa dem internationalen Durchschnitt entspräche, so könnten allein in Schleswig-Holstein Kosten in Höhe von mehr als 1,6 Mio. Euro anderweitig eingesetzt werden. Wichtiger noch: Diese Einsparung würde mit einer wesentlichen Erhöhung der Patientensicherheit einhergehen.

Patient Blood Management

Ziel des Patient Blood Managements (PBM) ist es, mit der Ressource Blut bei der Krankenhausversorgung möglichst schonend umzugehen. Im Zentrum des Systems PBM steht die Sicherheit und das Wohlbefinden von Patientinnen und Patienten. Die PBM-Maßnahmen minimieren gezielt die Risiken der Fremdbluttransfusion. Sogenannte Erythrozytenkonzentrate sind – auch in aufbereiteter Form – stets eine gewisse Belastung für das Immunsystem und nehmen maßgeblich Einfluss auf Operationen, Behandlungsergebnisse und Genesung. Bereits die Gabe einer Bluttransfusion ist mit einem mehr als doppelt so hohen Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt assoziiert.

„Die Wirksamkeit des PBM-Systems beruht auf drei Säulen, der Vorbehandlung von Anämie vor planbaren chirurgischen Eingriffen, der Verminderung von Blutverlusten, z. B. durch minimalinvasive Eingriffe und dem entsprechend effizienten Einsatz von Blutkonserven“, erläutert Prof.Dr. Matthias Grünewald, Stellvertretender Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel.

Hintergrund:

Anämie

Eine Anämie besteht nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei einem Hämoglobinwert von unter 12 Gramm pro Deziliter Blut bei Frauen und 13 Gramm bei Männern. Bei einer Anämie ist die lebensnotwendige Sauerstofftransportkapazität des Blutes vermindert. Das Krankheitsbild betrifft 1,9 Milliarden Menschen weltweit. Schätzungsweise 30-50 Prozent dieser Anämien lassen sich ursächlich auf Eisenmangel zurückführen. Die Behandlung der Eisenmangelanämie erfolgt durch Gabe von Eisenpräparaten. Andere Anämien werden zum Beispiel mit Folsäure, Vitamin B12 oder – falls erforderlich – mit einer Bluttransfusion behandelt.

Bluttransfusion – Lebensrettende Maßnahme mit Risiken

Bluttransfusionen können in akuten medizinischen Fällen Leben retten, sie bringen aber auch veritable Risiken mit sich. Denn nicht jeder kann bei Bedarf jedes Blut bekommen. Rote Blutkörperchen besitzen bei verschiedenen Menschen verschiedene Antigene auf der Zelloberfläche. Das bedeutet, dass unser Körper nicht-passendes Blut wie einen Fremdkörper behandelt. Unser Immunsystem würde in diesem Fall das Blut bekämpfen, es käme zu einer Antigen-Antikörperreaktion, und die Blutzellen würden verklumpen. Damit dies bei einer Bluttransfusion vermieden wird, hat man die verschiedenen Eigenschaften des Blutes in Blutgruppensysteme eingeteilt.

Die drei Säulen des Patient Blood Managements

Säule 1: Anämie erkennen und behandeln

Zentrale Maßnahmen sind Diagnose und Behandlung einer Anämie. Damit sollte bereits im Vorfeld von planbaren Operationen mit hoher Transfusionswahrscheinlichkeit begonnen werden. Die Therapie der Anämie ist dabei gemäß der Ursache zu wählen. Es sollten Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medikamenten beachtet werden.

Säule 2: Blutverlust vermeiden

Ziel ist das Minimieren von Blutverlusten bei gleichzeitigem Einsatz fremdblutsparender Maßnahmen. So kann beispielsweise vor Operationen das Blutungsrisiko abgeklärt werden, kleinere Entnahmeröhrchen verringern Blutverluste und OP-Abläufe können im Hinblick auf minimale Blutverluste optimiert werden. Während Operationen werden blutsparende chirurgische Techniken wie zum Beispiel minimalinvasive Eingriffe angewendet, blutstillende Mittel kommen zum Einsatz und es werden Maßnahmen zur Bluterhaltung umgesetzt.

Säule 3: Blutkonserven umsichtig einsetzen

Es soll ein starkes Bewusstsein für eine sorgfältige Abwägung bezüglich der Entscheidungen über Bluttransfusionen geschaffen werden. Erst wenn rationale Kriterien erfüllt sind, sollte eine Bluttransfusion verabreicht werden. 

Statement Dr. Bernd Hillebrandt zum Thema Anämie und Patient Blood Management: https://youtu.be/ouoUBhn4ACw

Webcode dieser Seite: p014225 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 09.12.2019
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