BARMER Gesundheitsreport 2017 - Sozialer Status beeinflusst Gesundheit deutlich

Kiel, 04. Dezember 2017 - Der Krankenstand ist höher, sie verbringen mehr Tage im Krankenhaus, nehmen mehr Tabletten, sind häufiger beim Arzt – und sie sterben früher: Bei Erwerbspersonen mit geringerem sozioökonomischen Status gibt es in allen Bereichen eindeutige Hinweise auf häufigere gesundheitliche Probleme und Einschränkungen. Dies zeigen Auswertungen für den Barmer Gesundheitsreport 2017, für den das Autorenteam um Dr. Thomas G. Grobe vom aQua – Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen aus Göttingen verschiedene Indikatoren der Gesundheit von Erwerbspersonen untersucht hat.

Krankenkassendaten geben Aufschluss über die Schulbildung, die Ausbildung sowie den ausgeübten Beruf und lassen eine Differenzierung zum Einkommen anhand der Versicherungspflichtgrenze zu. Dadurch geben sie Hinweise zum sozioökonomischen Status der Mitglieder. „Ergänzend zu unserer kürzlich durchgeführten Befragung zur Lebensqualität liefern die Daten harte Fakten zum Gesundheitszustand. Die Abhängigkeit der Gesundheit von solchen Faktoren wie Bildung und Einkommen zeigt sich dabei drastisch. Darüber hinaus wird die Gesundheit aber auch von weiteren Faktoren wie Kinder und Familie, Flexibilität in der Arbeit oder Arbeitsplatzsicherheit beeinflusst“, erklärt Schleswig-Holsteins Barmer Landesgeschäftsführer Thomas Wortmann zu den Ergebnissen der Studie und des Reports.

Mit ihrem Leben zufrieden

Die Schleswig-Holsteiner schätzen ihre Lebenszufriedenheit weitestgehend positiv ein. Für 48,9 Prozent aller Berufstätigen entspricht das Leben in den meisten Bereichen ihren Idealvorstellungen. Weitere 29,9 Prozent stimmen dieser Aussage zumindest teilweise zu. Bei der bundesweiten Betrachtung haben dies mit 49,4 Prozent (volle Zustimmung) und 33,9 Prozent (teilweise Zustimmung) die deutschen Berufstätigen etwas höher bewertet. Das geht aus der Studie „Lebensqualität und Lebenszufriedenheit von Berufstätigen in der Bundesrepublik Deutschland“ der Universität St. Gallen hervor, die im Auftrag der Barmer durchgeführt wurde. Für die Studie wurden mehr als 8.000 deutsche Arbeitnehmer befragt.

Einkommen ist wichtig, aber vor allem Familie und Kinder machen glücklich

Eine höhere berufliche Stellung und damit ein höheres Einkommen haben laut Studienergebnissen einen positiven Einfluss auf Zufriedenheit und Gesundheit. Während nur etwas mehr als ein Drittel der Beschäftigten mit einem Nettoeinkommen von unter 1.000 Euro im Monat ihr Leben ideal empfinden, sind es bei den Topverdienern mit mehr als 4.000 Euro im Monat mehr als zwei Drittel. „Der Geld-Faktor ist aber nur ein Eckpfeiler für das Lebensglück. Ein stabiles soziales Umfeld mit Familie, Kindern und Freunden trägt ebenfalls maßgeblich zum Erhalt von Gesundheit und Zufriedenheit bei, wie die Ergebnisse dazu zeigen“, ergänzt Wortmann. Gerade Kinder seien keine Belastung, sondern Ausgleich und emotionale Stabilität.
Der Barmer Gesundheitsreport 2017 bestätigt die Studienergebnisse. Bei der Gegenüberstellung von Erwerbspersonen mit einem Einkommen unter und über der Versicherungspflichtgrenze in der Krankenversicherung zeigen sich bei höherem Einkommen deutlich niedrigere Werte beim Krankenstand, bei Krankenhaustagen, täglichen Arzneimitteldosen und Arztbesuchen. Auch die Sterberate liegt deutlich niedriger (siehe Report Tabellen 27/28). Auswertungen zu Familie und Kindern bestätigen ebenfalls die Befragungsergebnisse (siehe Report Tabellen 29-32).

Zufriedene Schleswig-Holsteiner

Im Vergleich der Bundesländer sind die Schleswig-Holsteiner mit ihrer beruflichen Situation besonders zufrieden. Mit 60,5 Prozent lag die Zustimmung hier am höchsten, während sie in Bremen mit dem niedrigsten Wert nur 37,9 Prozent betrug (Bundesmittel: 56,9 Prozent). Auffällige Abweichungen zeigten die Befragungsergebnisse für Schleswig-Holstein zudem in zwei weiteren Bereichen: Schleswig-Holsteiner fühlen sich weniger durch ihre Arbeit emotional erschöpft als der deutsche Durchschnitts-Arbeitnehmer und ihre Arbeitsanforderungen beeinträchtigen seltener ihr Privat- und Familienleben. „Die Einschätzungen der Schleswig-Holsteiner spiegeln sich allerdings nicht ganz in den Krankmeldungen wider. Über alle Krankheiten hinweg und insbesondere auch bei den psychischen Erkrankungen liegt die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle und –tage bei den Schleswig-Holsteinern über dem Bundesdurchschnitt. Die gefühlten Beeinträchtigungen scheinen dann aber nicht als so belastend empfunden zu werden“, interpretiert Wortmann.

Sozioökonomischer Status und Gesundheit

Die für den Gesundheitsreport 2017 der Barmer ausgewerteten Daten belegen die Abhängigkeit der Gesundheit von sozioökonomischen Faktoren. Hinsichtlich der Schulbildung lag die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage (Krankenstand) bei Erwerbspersonen (18 bis 64 Jahre) ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss sowohl bei den somatischen als auch bei den psychischen Erkrankungen deutlich über dem Mittelwert aller Erwerbspersonen, mit Abitur deutlich darunter. Gleiches gilt für die Zahl der Krankenhaustage, die täglichen Arzneimitteldosen sowie die Zahl der Arztbesuche. Bei Betrachtung der Ergebnisse in Abhängigkeit von der Berufsausbildung zeigen sich ebenfalls in allen Bereichen deutliche Auswirkungen auf die Gesundheit. Auch höhere Sterberaten bestätigen die Zusammenhänge (siehe Report Tabellen 20-23).

Risikofaktor Arbeitslosigkeit

Ausgesprochen deutlich weisen die Ergebnisse auf gesundheitliche Probleme bei Arbeitslosen hin. Zu 17 Berufsfeldern und zu arbeitslos gemeldeten Erwerbspersonen wurden die Abweichungen von den Gesundheitsindikatoren überprüft. Insbesondere bei psychischen Störungen zeigten sich bei den Arbeitsunfähigkeitstagen, Krankenhaustagen, täglichen Medikamentendosen und Arztbesuchen mehr als deutlich höhere Werte. Die Sterberate lag doppelt so hoch wie im Mittel aller Erwerbspersonen (siehe Report Tabellen 24-26).

Risikofaktoren Leiharbeit und befristete Beschäftigung

Auch bei Beschäftigten in Arbeitnehmerüberlassung (Leiharbeit) weisen die Analysen des Barmer Gesundheitsreports auf erhöhte gesundheitliche Belastungen hin. Bei psychischen Störungen lagen sämtliche Indikatoren (Arbeitsunfähigkeits- und Krankenhaustage, tägliche Medikamentendosis, Arztbesuche) erheblich über den Werten von den übrigen Beschäftigten, bei somatischen Erkrankungen bei Krankenstand und Krankenhaustagen (siehe Report Tabelle 37). Ebensolche Abweichungen zeigen sich auch bei Beschäftigten in befristeten Arbeitsverhältnissen. Auch hier lagen insbesondere die Indikatoren für psychische Erkrankungen erheblich höher (siehe Report Tabelle 39).

Weitere Ergebnisse aus dem Report:

Der Krankenstand sank im Jahr 2016 gegenüber dem Vorjahr in Schleswig-Holstein geringfügig von 4,98 auf 4,94 Prozent. Gleichwohl zeigen sich in den Städten und Kreisen deutlichere Ausprägungen. So ging der Krankenstand in Flensburg von 5,06 auf 4,58 Prozent am deutlichsten zurück (minus 9,5 Prozent). Auch in Neumünster (minus 6,7 Prozent) und im Kreis Plön (minus 5,2 Prozent) war ein erheblicher Rückgang zu verzeichnen. Demgegenüber stiegen die Krankenstände in Lübeck (plus 2,7 Prozent) und im Kreis Rendsburg-Eckernförde (plus 2,0 Prozent) an. Der höchste Krankenstand wurde 2016 unverändert in Neumünster (5,46 Prozent) gemessen, dahinter folgt der Landkreis Herzogtum Lauenburg mit 5,18 Prozent. Der niedrigste Krankenstand wurde mit 4,35 Prozent im Kreis Pinneberg festgestellt (Übersicht siehe Grafik 1).

Eine ebenfalls stark unterschiedliche Entwicklung zeigte sich bei den Arbeitsunfähigkeitstagen in den beiden größten Krankheitsgruppen Muskel-Skelett-Erkrankungen (insbesondere Rückenschmerzen) und psychische Erkrankungen. Schleswig-Holstein weit blieb die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage dabei nahezu unverändert. Auf Muskel-Skelett-Erkrankungen entfielen im Jahr 2016 je 100 Erwerbspersonen 409 Tage (Vorjahr 410), auf psychische Erkrankungen 384 Tage (Vorjahr 386).
Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen nahm jedoch in Flensburg (minus 15,3 Prozent) und im Kreis Nordfriesland (minus 11,8 Prozent) deutlich ab, im Kreis Steinburg (plus 9,3 Prozent) jedoch zu. Auf die meisten Arbeitsunfähigkeitstage durch Muskel-Skelett-Erkrankungen kamen die Erwerbstätigen in Neumünster (496 Tage je 100 Erwerbspersonen), nur 305 Tage ergaben sich in Flensburg.
Auch bei den Arbeitsunfähigkeitstagen durch psychische Erkrankungen zeigte sich ein differenziertes Bild. Während die Zahl je 100 Erwerbspersonen in Neumünster (minus 20,1 Prozent), in Flensburg (minus 15,9 Prozent) und im Kreis Plön (minus 13,1 Prozent) zurückging, stieg sie im Kreis Segeberg um 9,8 Prozent an. Die meisten Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen wurden bei den Erwerbstätigen in Flensburg (450 Tage je 100 Erwerbspersonen), Neumünster (442 Tage) und Lübeck (439 Tage) ermittelt, nur 299 Tage ergaben sich im Kreis Dithmarschen (Übersicht siehe Grafik 2).

Den vollständigen Barmer Gesundheitsreport 2017 und eine Zusammenfassung der Ergebnisse für Schleswig-Holstein sowie die genannten Grafiken finden interessierte nebenstehend zum Download.

Webcode dieser Seite: p008648 Autor: Barmer Erstellt am: 04.12.2017 Letzte Aktualisierung am: 04.12.2017
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