Clemens Hoch steht lehnt an einem Geländer.

"Nicht jedes Krankenhaus sollte alles machen"

Die ersten 100 Tage im Amt sind um. Seit dem 18. Mai ist Clemens Hoch Minister für Wissenschaft und Gesundheit in Rheinland-Pfalz. Die Redaktion der STANDORTinfo sprach mit ihm über seine erste Zeit im neuen Amt und seine Ziele für die Gesundheitspolitik im Land.

Die sprichwörtlichen ersten 100 Tage im Amt sind um. Wie haben Sie Ihre erste Zeit als Gesundheitsminister erlebt und wo möchten Sie persönlich einen Schwerpunkt Ihrer Politik setzen?

Aktuell steht natürlich noch das Pandemie-Management an erster Stelle. Wir wollen die bereits hohe Impfquote in Rheinland-Pfalz steigern und so einem möglichst sicheren Herbst ermöglichen. Auch die Bewältigung der Hochwasserkatastrophe ist eine aktuelle Herausforderung auch für das Gesundheitswesen und wird uns noch einige Zeit stark beschäftigen. Doch als Schwerpunkte sehe ich darüber hinaus die Stärkung der Biotechnologie. Wir werden Rheinland-Pfalz zu einem führenden Standort der Biotechnologie entwickeln. Außerdem werden wir die Grundlagenforschung nochmals stärken. Dazu gehören die Bereiche der Erforschung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der psychischen Gesundheit sowie der Krebsforschung im Schulterschluss zwischen Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Wir wollen noch besser dabei werden, wissenschaftliche Erkenntnisse in die praktische Anwendung zu bringen. Dafür werden wir den Austausch unserer Universitätsmedizin in Mainz mit kleineren Krankenhäusern in der Region oder der Maximalversorger mit kleineren Klinken fördern. Davon profitieren natürlich die Patientinnen und Patienten vor Ort am meisten.

Die Sicherstellung einer guten und effektiven medizinischen Versorgung gelingt am besten, wenn die Planung der ambulanten und der stationären Versorgungsstrukturen aufeinander abgestimmt wird. Die Kompetenzen sind hier jedoch auf unterschiedliche Akteure verteilt. Was kann das Land Rheinland-Pfalz tun, um dennoch eine besser abgestimmte Versorgung zu erzielen?

Sektorenübergreifende Versorgungskonzepte werden zukünftig immer wichtiger werden, um überall im Land die Versorgung zu gewährleisten. Deshalb streben zum Beispiel wir mit unserem Projekt Zukunft Gesundheitsnetzwerke, kurz ZUG, eine stärkere Verzahnung zwischen ambulanten und stationären medizinischen und pflegerischen Angeboten an. Es geht uns zum einen darum, die vor Ort verfügbaren Ressourcen und Potenziale für die Versorgung zu nutzen. Vor allem aber sollen die Abläufe im Netzwerk eng verzahnt werden im Sinne einer patientenzentrierten Versorgung. Die Planungsinstrumente für die ambulante und stationäre Versorgung sind stark durch bundesweite Vorgaben geprägt, was die Spielräume auf Landesebene stark einschränkt. Gestaltungmöglichkeiten sehen wir aktuell eher im Bereich der Vergütung. Rheinland-Pfalz spricht sich gemeinsam mit den meisten Ländern und dem Bund für eine einheitliche Vergütung bestimmter fachärztlicher Behandlungen aus, die bislang vor allem stationär erbracht wurden, aber auch ambulant erfolgen können.

Eine qualitativ hochwertige und zugleich wohnortnahe Versorgung stehen manchmal in einem gewissen Spannungsverhältnis. Wie kann dieser Spagat ihrer Meinung nach gelingen?

Gerade viele unserer kleinen Krankenhäuser leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Versorgung für akuter Fälle auch in angemessener Zeit erreichbar ist. Ich finde es auch richtig, dass nicht jedes Krankenhaus alles vorhalten und aus Qualitätsgründen auch nicht alles machen sollte. Dies gilt vor allem für die planbaren Leistungen, bei denen die Wohnortnähe auch nicht so relevant ist. Wir sollten uns hier auf die Frage konzentrieren, wie schnell aus medizinischen Gründen interveniert werden muss. Beispielsweise bei Schlaganfall ist eine rasche Versorgung wichtig. Auf der anderen Seite gibt es handfeste Gründe, dass etwa für Operationen bestimmte Kenntnisse und praktische Erfahrung vorliegen müssen. Das setzt eine gewisse Regelmäßigkeit voraus. Entscheidend ist, dass die Patientinnen und Patienten rasch die Versorgung erhalten, die sie brauchen. Wir haben dafür durch eine Verordnung eine Reihe von Klinikstandorten als unverzichtbar erklärt und somit zukunftssicher gemacht. Wir werden das als das erste Bundesland in Deutschland auch bei Geburts- und Kinderkliniken umsetzen.

Sie haben im Koalitionsvertrag eine Novellierung des Landeskrankenhausgesetzes angekündigt. Gibt es hierzu bereits konkrete Vorstellungen?

Wir werden das rheinland-pfälzische Krankenhausgesetz novellieren und insbesondere weitere Regelungen zu Qualität und Patientensicherheit aufnehmen. In der Schlaganfall- und in der Herzinfarktversorgung wurden mit dem Telestroke-Netzwerk und dem Herzinfarktregister seitens des Landes bereits wichtige Schritte unternommen, um Qualität mit Hilfe der Krankenhausplanung zu verbessern. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang aber auch die Brustzentren, das rheinland-pfälzische Geriatriekonzept und die onkologischen Zentren. Für verbreitete chronische Erkrankungen wie Krebs, Diabetes oder Rheuma werden wir innovative Versorgungskonzepte entwickeln. Das Erfolgsmodell landeseigener Qualitätsanforderungen soll durch landesrechtliche Regelungsgrundlagen fortgesetzt und gestärkt werden. Eine sektorenübergreifende Versorgung im Gesundheitswesen gewinnt seit dem Krankenhaustrukturgesetz zunehmend an Bedeutung. Mit der Vernetzung der verschiedenen Sektoren sollen die Qualität in der Patientenversorgung gesteigert und gleichzeitig die Kosten gesenkt werden. Dies bedeutet zum Beispiel neue Versorgungsstrukturen zu entwickeln oder Kooperationen zu nutzen. In der aktuell gültigen Fassung des Landeskrankenhausgesetzes ist die Verpflichtung der Krankenhäuser sowie der verschiedenen Versorgungssektoren zur Zusammenarbeit bereits geregelt. Im Novellierungsprozess sollen unter anderem Möglichkeiten zur Erweiterung und Stärkung sektorenübergreifender Versorgung erörtert werden.

Webcode dieser Seite: p017237 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 08.09.2021
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