Senioren bekommen oft für sie riskante Medikamente

Das Saarland weist bundesweit den höchsten Anteil an alten Menschen auf, denen ein Medikament verordnet wurde, das potenziell mehr Risiko als Nutzen für sie hat. Rheinland-Pfalz steht nur wenig besser da. Das zeigt der Barmer Arzneimittelreport, den Professor Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken, erstellt hat. „Es gibt Arzneimittel, deren Einnahme für ältere Menschen kritisch ist. Sie sind auf der sogenannten PRISCUS-Liste aufgeführt“, erklärt Dunja Kleis, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Rheinland-Pfalz und im Saarland.

Mehr als jeder vierte Saarländer (25,93 Prozent) über 65 Jahren hat im Jahr 2016 ein PRISCUS-Medikament erhalten. Damit liegt das Saarland im Vergleich aller Bundesländer an der Spitze knapp vor Nordrhein-Westfalen (25,46 Prozent) und Rheinland-Pfalz (25,43 Prozent). Die geringsten Anteile an alten Menschen mit verordneten PRISCUS-Medikamenten weisen Thüringen (21,27 Prozent) und Hessen (21,40 Prozent) auf. PRISCUS ist ein Forschungsverbund, an dem sich Vertreter von Hochschulen und Kliniken mit der Gesundheit älterer Menschen beschäftigen.

Kleis berichtet: „Erfreulich ist, dass der Anteil an Senioren mit verordneten PRISCUS-Medikamenten rückläufig ist.“ 2010 lag er im Saarland noch bei 32,15 Prozent und damit 6,22 Prozentpunkte höher als 2016. In Rheinland-Pfalz sank der Anteil im gleichen Zeitraum von 31,81 Prozent um 6,38 Prozentpunkte. Im Jahr 2010 wurde die PRISCUS-Liste erstmals veröffentlicht. Kleis sagt: „Jeder Arzt, der einem älteren Patienten Arzneimittel verordnet, ist gefordert, bei der Nutzen-Risiko-Abwägung des Medikaments die altersspezifischen Besonderheiten zu berücksichtigen und die Dosierung entsprechend anzupassen.“ Derzeit umfasst die PRISCUS-Liste 83 Medikamente, die als potenziell ungeeignet für alte Menschen gelten.

Polypharmazie: Saarland ebenfalls an der Spitze

„Manchmal ist es nicht ein einzelner Wirkstoff, der gefährliche Nebeneffekte bei älteren Menschen verursacht, sondern das Zusammenwirken verschiedener Medikamente. Das gilt natürlich auch für alle anderen Altersgruppen“, erklärt Kleis. Umso bedenklicher sei es, dass es laut Arzneimittelreport in keinem anderen Bundesland mehr Menschen gibt, denen mindestens fünf Medikamente pro Jahr verordnet werden, als im Saarland. „In der Medizin sprich man von Polypharmazie, wenn Patienten mit fünf oder mehr Medikamenten behandelt werden“, erläutert die Barmer Landesgeschäftsführerin.

Im Saarland wurden im Jahr 2016 mehr als jedem Dritten (35 Prozent) fünf oder mehr Arzneimittel verordnet (2015: 34 Prozent). Fast jeder vierte Saarländer (23,9 Prozent) erhielt dabei fünf bis neun Arzneimittel von seinem Arzt. 7,9 Prozent wurden zehn bis 14 Arzneimittel verschrieben. Mehr als 15 verordnete Arzneimittel erhielten 3,2 Prozent der Saarländer. Das ergibt jeweils den Spitzenplatz im Vergleich mit den übrigen Bundesländern beim Anteil der Bevölkerung mit verordneten Medikamenten.

Polypharmazie birgt Risiken

In Rheinland-Pfalz wurden im Jahr 2016 fast jedem Dritten (32 Prozent) fünf oder mehr Arzneimittel verordnet (2015: 33 Prozent), was Rang fünf im Vergleich aller Bundesländer ergibt. Mehr als jeder fünfte Rheinland-Pfälzer (22,4 Prozent) erhielt dabei fünf bis neun Arzneimittel von seinem Arzt. 7,1 Prozent wurden zehn bis 14 Arzneimittel verschrieben. Mehr als 15 verordnete Arzneimittel erhielten 2,8 Prozent der Rheinland-Pfälzer.

„Eine unangemessene Übertherapie liegt in Fällen von Polypharmazie nicht zwangsläufig vor. Teils werden von Patienten mit Polypharmazie Medikamente unnötig eingenommen. Das legen viele Untersuchungen nahe“, betont Kleis. Je mehr Medikamente eigenommen würden, desto höher sei das Risiko von Wechselwirkungen zwischen ihnen. Patienten haben seit 1. Oktober 2016 Anspruch auf einen Medikationsplan, wenn sie mindestens drei zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnete Medikamente gleichzeitig und dauerhaft einnehmen.

Webcode dieser Seite: p008162 Autor: Barmer Erstellt am: 22.09.2017 Letzte Aktualisierung am: 22.09.2017
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