Interview mit Heike Sander: Gesundheitsversorgung im Fokus

Für die „Qualitätsinitiative – Niedersächsischer Verein zur Förderung der Qualität im Gesundheitswesen e.V.“ gab Heike Sander kürzlich ein umfangreiches Interview:

Welche Strukturen haben sich in der Klinikversorgung durch die COVID-19-Pandemie geändert und werden sich aus Ihrer Sicht noch ändern?

Heike Sander: Ein Virus hat uns aufgezeigt, was in den letzten Jahren versäumt wurde, aber auch, was bei uns gut funktioniert. Es hat digitale Notwendigkeiten, wie zum Beispiel das DIVI-Register, in dem die belegten Intensivbetten sichtbar werden, zu einer flächendeckenden Anwendung für mehr Transparenz werden lassen. Die schnelle Entwicklung und Verbreitung des DIVI-Intensivregisters hat gezeigt, dass so etwas auch in Deutschland in der Not funktionieren kann. Es hat aber auch gezeigt, dass eine solide transparente Datenbasis Grundlage für die Planung einer qualitätsorientierten Versorgungsstruktur sein muss. Wir sind für eine solide Versorgungsplanung auf die konsequente Nutzung von vorhandenen Daten aller Beteiligten angewiesen, um die notwendigen Kapazitäten an der richtigen Stelle für die Patientinnen und Patienten vorzuhalten und das gilt sektorenübergreifend.
Die Krise hat aber auch an vielen Stellen im stationären Bereich gezeigt, dass das Pflegepersonal an der Grenze der Überlastung ist. Wir müssen eine neue Vorhaltestruktur entwickeln, die auch mit der begrenzten Ressource Personal zielgerichteter und wertschätzender umgeht.

Wird sich die Krankenhausanzahl in Niedersachsen verändern?

Heike Sander: Die Zahl der Krankenhäuser reduziert sich auch in Niedersachsen seit Jahren und dieser Prozess wird weitergehen. Die moderne Medizin benötigt nicht mehr die längeren Verweildauern im Krankenhaus und vieles, dass heute noch in Deutschland stationär gemacht wird, erfolgt in anderen Ländern im ambulanten Bereich. Auch in der Pandemie hat sich gezeigt, wie wichtig die ambulante wohnortnahe Primär-Versorgung ist und durch wen die stationäre Versorgung erbracht wurde. Nach Auswertung der BARMER haben nur 70 % der Krankenhäuser die Behandlung der stationären COVID-19-Fälle gemacht und nur 30 % der Häuser hatten bis Januar 2021 mehr als 50 Corona-Patientinnen und -Patienten. Die begrenzten finanziellen Mittel der Länder verteilen sich auf zu viele Krankenhäuser. Daneben fehlt das qualifizierte Personal für die Hochleistungsmedizin. Darunter leiden Qualität und Wirtschaftlichkeit. Die Qualität der Leistungserbringung hängt bei bestimmten Krankheitsbildern nachweislich von Routine und Erfahrung ab. Mindestmengen bei Operationen erhöhen die Qualität. Diese Erkenntnisse haben Wissenschaftler und auch der Sachverständigenrat (SVR) im Gesundheitswesen seit Jahren belegt. Aus diesem Grund sollten gerade seltene und schwere Erkrankungen an ausgewählten Standorten konzentriert werden. Die Spezialisierung von Krankenhäusern auf bestimmte Eingriffe ist für die Patientensicherheit und den Erfolg der Behandlung alternativlos. Kompetenzzentren könnten – beispielsweise im Bereich der Onkologie oder der Rheumatologie – auch sektorenübergreifend eine stärkere Koordination der Versorgung übernehmen.

Wie ist die Versorgung derzeit organisiert und wie sieht sie zukünftig aus?

Heike Sander: Die Gutachten des SVR machen hierzu seit Jahren Vorschläge für eine geänderte Organisations- und Versorgungsstruktur. Ich möchte an dieser Stelle nur sagen, dass sich die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen unter den Akteuren deutlich verändern muss. Der Patient, die Patientin darf gar nicht merken, dass sie einen Sektor verlässt und einen anderen betritt.

Wird sich durch die COVID-19-Pandemie die Kommunikation zwischen der stationären und ambulanten Versorgung bzw. zwischen den Gesundheitsämtern und der Meldestelle (RKI) ändern?

Heike Sander: Dies ist eher eine Frage an politische Akteure/ÖGD (Anmerkung der Redaktion: Öffentlicher Gesundheitsdienst), wodurch es schwerfällt sich als Kasse zu positionieren. In einem Richtungspapier zu mittel- und langfristigen Lehren aus der Corona-Krise hat das Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung gemeinsam mit der Robert-Bosch-Stiftung und der Bertelsmann-Stiftung hierzu nach der ersten Welle eine Zwischenbilanz gezogen. Hierin wurde u. a. bestätigt, dass der ÖGD eine bessere Ausstattung, aber auch eine bessere Verknüpfung zu Wissenschaft und Primärversorgung benötigt.

Welchen Einfluss hatte bzw. wird die COVID-19-Pandemie auf die Finanzierung der Kliniken haben?

Heike Sander: Vor dem Hintergrund der noch immer angespannten Lage bei der Versorgung von COVID-19-Patienten in den Krankenhäusern, bei gleichzeitig sinkenden Neuinfektionszahlen, wird derzeit kontrovers diskutiert, in welcher Form und welchem Umfang weiter Liquiditätshilfen an die Krankenhäuser gewährt werden sollen. Es ist sinnvoll, die Liquiditätshilfen für die Zeit der Pandemie weiterzuführen. Notwendig sind dabei aber zielgerichtete Finanzhilfen an die Krankenhäuser, die sich nach der tatsächlichen Betroffenheit bei der Versorgung von COVID-19-Patienten richten. In der ersten Welle haben insbesondere die psychotherapeutischen und psychiatrischen Kliniken durch die Freihaltepauschale eine Umsatzsteigerung zum Vorjahr von fast 15 % profitiert. Während andere insbesondere große besser ausgestattete Kliniken unterfinanziert waren. Die Finanzierung von Corona-bedingten Mehrkosten wird bereits seit Beginn der Pandemie in Form von pauschalen Zuschlägen je voll- und teilstationären Behandlungsfall durch die Kassen sichergestellt, die künftig durch krankenhausindividuelle Zuschläge ersetzt werden sollen. Sinnvoll wäre weiterhin eine pauschale Finanzierungsregelung mit eindeutig definierten Finanzierungstatbeständen, die sich auf die Finanzierung persönlicher Schutzausrüstung sowie auf die erhöhten Anforderungen an die Hygiene begrenzen.

Welche Wünsche hätten Sie an die Politik?

Heike Sander: Ein wesentliches Strukturdefizit des deutschen Gesundheitssystems besteht in der diskontinuierlichen Versorgung an den Grenzen der Sektoren. Der Gesetzgeber hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Versuche unternommen, diese Grenzen zu öffnen. Doch die Einführung einer Vielzahl nicht aufeinander abgestimmter Regelungen hat nicht zur Lösung des grundlegenden Problems geführt. Anstatt die Versorgung systemweit zu optimieren, werden weiterhin nur partikulare, den Sektorenlogiken folgende Einzelmaßnahmen verfolgt. Notwendig ist eine sektorenübergreifende und am Patientennutzen ausgerichtete Versorgung.
Grundlage für eine sektorenübergreifende Versorgung ist die Abkehr von der getrennten Planung ambulanter und stationärer Leistungen in zwei nebeneinander organisierten Sektoren. Im Fokus der neuen sektorenübergreifenden Versorgungsplanung stehen dabei fachärztliche Leistungen an der Schnittstelle zwischen allgemeiner fachärztlicher ambulanter Versorgung sowie der Grund- und Regelversorgung im Krankenhaus. Ich wünsche mir, dass wir vor dem Hintergrund der Pandemie weitere Erkenntnisse gewinnen und Umsetzungsideen für eine sektorenübergreifende wohnortnahe Versorgung in Niedersachsen entwickeln im Sinne der Patientinnen und Patienten.
Für Niedersachsen wünsche ich mir konkret, dass die Vorschläge der Enquetekommission des niedersächsischen Landtages umgesetzt werden. Es sollte eine Expertenrunde geben, die vom Ministerium moderiert wird und konkrete Umsetzungsschritte gemeinsam mit den Kommunen in den Gesundheitsregionen unter Beteiligung aller Sektoren festlegt und ein landesweites Gremium in Niedersachsen geschaffen wird, dass den Rahmen mit zum Beispiel einem konkreten Versorgungsstufenkonzept im stationären Bereich dafür gibt.

Das komplette Interview finden Sie unter https://wp.qualitaetsinitiative.de/interview-mit-heike-sander-die-qualitatsinitiative-fragt-nach-gesundheitsversorgung-im-fokus



Webcode dieser Seite: p016684 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 29.03.2021
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