Bereits zum achten Mal hat die BARMER Landesvertretung Niedersachsen/Bremen gemeinsam mit der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen/Bremen den „Versorgungsdialog“ ausgerichtet. Etwa 80 Personen aus Wissenschaft, Politik und Praxis haben drängende Fragen rund um die Zukunft des Gesundheitswesens diskutiert. Im Fokus stand in diesem Jahr die Primärversorgung als eine der tragenden Säulen unseres Gesundheitssystems. Aus Sicht von BARMER-Landesgeschäftsführerin Heike Sander ist die Primärversorgung ein Schlüsselbereich, um unsere Versorgung zukunftsfest zu gestalten.
Unser Gesundheitssystem leidet unter knappen Ressourcen, vollen Notaufnahmen, langen Wartezeiten auf Facharzttermine und insgesamt steigenden Kosten. Deshalb stellt sich die Frage dringlicher denn je: Wie sichern wir auch künftig eine qualitativ hochwertige und zugleich gut erreichbare Versorgung?
Heike Sander, Landesgeschäftsführerin
Bei unserem diesjährigen Versorgungsdialog haben wir diverse Ausgestaltungen eines möglichen Primärversorgungssystems diskutiert. Die Rednerinnen und Redner waren sich vor allem in einem Punkt weitestgehend alle einig: Wir brauchen Veränderungen in der Versorgung. Der demografische Wandel und die steigende Zahl multimorbider Patientinnen und Patienten erfordern Systemreformen. Für mich steht fest: Ohne eine Stärkung der Primärversorgung werden wir diese Herausforderungen nicht bewältigen.
Für Patientinnen und Patienten erscheint es in der aktuellen Ausgestaltung unserer Versorgungsstrukturen als recht herausfordernd, den richtigen Zugangspunkt zu finden. Viele Menschen fragen sich: Gehört mein Anliegen in die Notaufnahme, zum kassenärztlichen Bereitschaftsdienst, zur Fachärztin oder in die Hausarztpraxis? All diese Unsicherheiten sorgen dafür, dass Patientinnen und Patienten häufig nicht dort landen, wo ihre Beschwerden am effizientesten und gleichzeitig qualitativ hochwertig versorgt werden können.
An dieser Stelle könnte ein digitales Ersteinschätzungsinstrument Abhilfe bringen. Wichtig ist mir dabei, dass auch Menschen ohne digitalen Zugang berücksichtigt werden und diskriminierungsfrei teilhaben können.
Im Rahmen dieser Ersteinschätzung können Informationen zu Behandlungserfordernissen weitergegeben, die Behandlungsnotwendigkeit eingeschätzt und die Entscheidung über die Dringlichkeit getroffen werden. Durch ein solches Tool wird die Gesundheitskompetenz der Patientinnen und Patienten gestärkt, ärztliche Ressourcen werden entlastet und die zielgerichtete Steuerung wird unterstützt.
Im Mittelpunkt der ambulanten medizinischen Versorgung sollte künftig eine primärversorgende Praxis stehen. Diese Praxis übernimmt die Rolle als Erstanlaufstelle und koordiniert eine ggf. erforderliche fachärztliche Behandlung. Ziel muss es außerdem sein, weitere qualifizierte Gesundheitsberufe in die Versorgung zu integrieren und durch Delegation mehr Zeit zu schaffen.
Damit Primärversorgung gut funktioniert, braucht es einen klar definierten und verbindlichen Versorgungsauftrag. Nur so lassen sich Zuständigkeiten klären, Ressourcen sinnvoll bündeln und die Versorgung verlässlich steuern.
Unser „Versorgungsdialog“ hat gezeigt: Der Weg zu echten Veränderungen ist noch weit. Ausreichend Ideen und Offenheit für Veränderung gibt es allerdings. Ich sehe darin einen starken Ausgangspunkt – und bin überzeigt, dass wir mit einer modernen, gut strukturierten Primärversorgung die Zukunft unseres Gesundheitssystems nachhaltig verbessern können.