"Die Mauer muss weg": Gesundheitspolitik diskutiert beim Norddeutschen Dialog

Norddeutscher Dialog 2021 Diskutantenrunde mit den Barmer-LGF von links Frank Liedtke, Dr. Bernd Hillebrandt, Henning Kutzbach

Pflegenotstand, Ärztemangel, Krankenhausschließungen, fehlende Digitalisierung und noch eine Pandemie – die Gesundheitsversorgung in Deutschland steht aktuell vor vielfachen Herausforderungen. Beim 8. Norddeutschen Dialog der BARMER Landesvertretungen Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein ging es deshalb am 11. Mai 2021 um die Frage, wie medizinische Versorgung in Zukunft gestaltet sein könnte.

Hierzu diskutierten im Online-Format Susanne Roca-Heilbron (Abteilungsleiterin Gesundheitsministerium Mecklenburg-Vorpommern), die Hamburgische Gesundheitssenatorin Dr. Melanie Leonhard, und Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg (Schleswig-Holstein). Darüber, dass es die Mauer zwischen der ambulanten und stationären Versorgung immer noch gibt, waren sich die Teilnehmer der Veranstaltung einig. Allerdings habe die medizinische Versorgung insbesondere in jüngster Zeit enorme Fortschritte gemacht und die vorhandenen Strukturen überholt.

Der Livestream zum 8. Norddeutschen Dialog kann über den Link www.barmer.de/norddialog-live nachverfolgt werden

In Form kurzer Filmbeiträge waren weitere Experten und Akteure aus dem Gesundheitswesen in die Diskussion um die Vernetzung der ambulanten mit der stationären Versorgung eingebunden. Mit dabei waren Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Fakultät Wirtschaft und Management der Technischen Universität Berlin, Max Tischler, Sprecher Bündnis Junge Ärzte, und Privatdozent Sven Jürgens (Frauenklinik an der Elbe, Operative Gynäkologie Hamburg).

Fehlversorgung in jedem zweiten Krankenhaus

In seinem Impulsreferat machte Prof. Busse deutlich, dass in Deutschland im internationalen Vergleich zu viele Patienten stationär im Krankenhaus aufgenommen werden. Das läge zum einen daran, dass Krankenhäuser für die Behandlung von Patienten bezahlt würden. Zum anderen wären sie nachts nur mit Assistenzärzten besetzt und Patienten würden allein aus diesem Umstand stationär aufgenommen werden. Patienten suchten auch deshalb überhaupt ein Krankenhaus auf, weil „…Arztpraxen typischerweise nur 25 Stunden in der Woche offen haben, also 143 Stunden geschlossen sind.“

Darüber hinaus monierte Busse, dass es in Krankenhäusern oft zur Fehlversorgung komme. Am Beispiel von Mecklenburg-Vorpommern machte er deutlich, dass jedes zweite Krankenhaus, das Patienten mit Herzinfarkten dort im Jahr 2018 versorgt habe, keine entsprechende Ausstattung hatte, die Patienten dort also fehlversorgt waren. Als Fazit zog er, dass die stationäre Versorgungsqualität eine bessere wäre, wenn es weniger, dafür aber personell (fachlich, ärztlich, pflegerisch) und technisch besser ausgestattete Krankenhäuser gäbe. Insgesamt bräuchte es dafür ein gut abgestuftes Konzept von Maximalversorgern, regionalen Regelversorgern und Grundversorgern in Form von integrierten ambulant-stationären Zentren.

Susanne Roca-Heilborn, Abteilungsleiterin im Gesundheitsministerium Mecklenburg-Vorpommern, sprach sich dafür aus, dass es für die einzelnen Regionen des Landes individuelle Lösungen geben müsse. „In Mecklenburg-Vorpommern haben wir im Vergleich zur Fläche bundesweit die wenigsten Krankenhäuser. Wir können diese nicht reduzieren, aber wir müssen genau schauen, welche Angebote die Krankenhäuser machen“, sagte sie. Es ginge darum zu prüfen, inwieweit unter den gegebenen Voraussetzungen auch stationäre Leistungen von niedergelassenen Ärzten oder - vice versa - ambulante Angebote von großen regionalen Versorgern übernommen werden könnten. Generell wünsche sie sich mehr regional individuelle Möglichkeiten, fernab der formalen Hürden, um Probleme wie etwa den Haus- und Fachärztemangel im ländlichen Raum überwinden zu können.

Die Frage, ob es Fehlanreize im stationären System gäbe und wie diese beseitigt werden könnten, beschäftigte laut Henning Kutzbach, Landeschef der BARMER in Mecklenburg-Vorpommern, auch die eigens zur Gestaltung der künftigen Gesundheitsversorgung im Land eingesetzte Enquete-Kommission. Lösung des Problems müsse sein, den Patienten und dessen Versorgung in den Mittelpunkt zu stellen, statt Leistungen als ambulant oder stationär erbracht zu definieren.
Im Zusammenhang mit der Krankenhaus-Debatte hat eine Umfrage unter den Zuschauern gezeigt, dass über 90 Prozent für eine komplexe, planbare Operation auch weitere Wege in Kauf nehmen würden, wenn damit eine bessere Qualität verbunden wäre. 

NDD Umfrage-Ergebnis in Form eines Kuchendiagramms, was bei komplexen Eingriffen die Krankenhauswahl beeinflussen wird


Ambulant vor stationär – Hier reicht die Handtasche statt Reisetasche
Dass nicht jede Operation in einem Krankenhaus gemacht werden muss, zeigt sich an der zunehmenden Zahl von ambulanten Operationen. Am Beispiel der Hamburger Frauenklinik an der Elbe machte Privatdozent Dr. med. Sven Jürgens deutlich, dass dort 12.000-mal pro Jahr ohne Krankenhausträger und ohne staatliche Mittel operiert werde. Er sieht darin gleich mehrere Vorteile: Patienten könnten im häuslichen Bereich nachbetreut werden, es wäre sichererer, weil es deutlich weniger Krankenhauskeime gäbe und letztendlich sei es auch deutlich günstiger als eine vergleichbare Behandlung im Krankenhaus. Jürgens forderte die Politik auf, diese intersektorale Versorgung voranzubringen.

Die Hamburgische Gesundheitssenatorin Leonhard wünschte sich dazu, dass die Länder eine einheitliche Planung für ambulante und stationäre Leistungen machen dürften. Dann könne man solche Angebote auch gezielt aus Landesinvestitionsmitteln fördern, beispielsweise die Kooperation mit der Nachsorge und dem tagespflegerischen Bereich. Die Vergütungssysteme seien allerdings leider unterschiedlich und noch hart verriegelt. Zurzeit könne daher nur landesfinanziert etwas on-top gemacht werden, was aber nicht die Lösung sein könne, denn das System müsse es insgesamt ermöglichen.

In einer zweiten Zuschauerumfrage war die Mehrzahl (63,41 Prozent) der Meinung, dass in der zukünftigen ambulanten Versorgung die Integrierten Gesundheitszentren eine zunehmend wichtigere Rolle spielen werden. 

NDD Umfrage-Ergebnis in Form eines Kuchendiagramms,  wo in Zukunft die ambulante Versorgung stattfinden wird

Austausch durch Digitalisierung
Max Tischler, Dermatologe und Sprecher Bündnis Junge Ärzte, brach eine Lanze für die Digitalisierung. Er wünschte sich, dass es endlich möglich wäre, die Daten zwischen Praxis und Krankenhaus auszutauschen. Zurzeit könnten Bilder beispielsweise nur über WhatsApp, Facetime oder ähnlichem transferiert werden. Er setzt daher viel auf die elektronische Patientenakte, die ab Sommer 2021 für die Praxen bereitstehen und dabei helfen wird, Daten zwischen Praxis und Krankenhaus auszutauschen. Damit könnten viel mehr Daten, die in der Praxis gewonnen wurden, an die Klinik weitergegeben werden, gleichzeitig kämen aber auch die Informationen aus dem Krankenhaus, z. B. ein Entlassbrief, einfacher und schneller in der Praxis an. Die Telemedizin solle aber nicht nur zwischen Arzt und Krankenhaus, sondern auch zwischen Ärzten untereinander und zwischen Arzt und Patient gedacht werden.

Zum Thema Telemedizin wurde jahrelang immer wieder der Datenschutz in den Vordergrund der Debatte gestellt. Einerseits richtig und wichtig forderte Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Garg dennoch ein Überdenken vorhandener Datenschutzrichtlinien und eine echte Datennutzungsdebatte. So dürfe der Datenschutz keine Mauer sein. In der Telematic inklusive der künstlichen Intelligenz sehe der Minister „einen weiteren, exzellenten Baustein, der zur Versorgungssicherung beiträgt.“

Norddeutscher Dialog 2022
Auch wenn wir in diesem Jahr mit über 380 Anmeldungen rekordverdächtig viele hatten, planen wir den 9. Norddeutschen Dialog im nächsten Frühjahr wieder als Präsenzveranstaltung. Wir haben uns natürlich sehr über die große positive Resonanz gefreut, darin wurde aber auch deutlich, dass nicht nur uns der direkte persönliche Meinungsaustausch gefehlt hat. Wir sehen uns also 2022 an gewohnter Stelle in Lübeck. Bleiben Sie gesund! 

Der Livestream zum 8. Norddeutschen Dialog kann über den Link www.barmer.de/norddialog-live nachverfolgt werden

Webcode dieser Seite: p016939 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 15.06.2021
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