Ein Mädchen blickt traurig auf einen Computerbildschirm

Bedarf an Psychotherapie bei jungen Menschen im Nordosten mehr als verdreifacht

Schwerin, 21. April 2021 –  Immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Mecklenburg-Vorpommern sind in psychotherapeutischer Behandlung. Innerhalb von zehn Jahren (2009-2019) hat sich die Zahl der jungen Patientinnen und Patienten im Nordosten mehr als verdreifacht. Das geht aus dem aktuellen Arztreport der BARMER hervor.  

So erhielten im Jahr 2009 lediglich 0,98 Prozent der bis 24-Jährigen im Land psychotherapeutische Hilfe in Form einer Richtlinientherapie, einer Psychotherapeutischen Akutbehandlung oder Sprechstunde. 2019 waren es mit mehr als 11.000 jungen Menschen bereits 3,33 Prozent. Das entspricht einem Anstieg um 239 Prozent. „In keinem anderen Bundesland sind die Kontakte zu einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten so stark angestiegen wie in Mecklenburg-Vorpommern. Der Bedarf an psychotherapeutischer Hilfe ist da“, erklärt Henning Kutzbach, Landesgeschäftsführer der BARMER. Dennoch sei der Anteil an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in psychotherapeutischer Behandlung hierzulande nach wie vor der niedrigste bundesweit.

Therapiebedarf bei jungen Menschen Anfang 2020 weiter gestiegen

Während des ersten Lockdowns vergangenen Jahres stieg in Mecklenburg-Vorpommern die Zahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Richtlinientherapie im Vergleich zum Vorjahr erneut um 8,4 Prozent an. Dieser Anstieg liegt leicht über der Veränderung vom Jahr 2018 auf das Jahr 2019 (+8,2 Prozent). Betrachtet man die Zeit, die junge Menschen im Nordosten in Richtlinientherapien verbracht haben, zeigt sich ein etwas anderer Trend. Die Zahl der Therapieminuten erhöhte sich in der ersten Hälfte des Jahres 2020 im Vergleich zum Vorjahr zwar um 4,4 Prozent. Jedoch fällt die Steigerung geringer aus als zuvor – von 2018 auf 2019 wurde bei den Therapieminuten ein Plus von 5 Prozent verzeichnet. „Da für viele Kinder und Jugendliche die Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen mit Belastungen verbunden sind, wäre ein Anstieg der Therapieminuten zu vermuten gewesen. Aufgrund der Angst vor einer Ansteckung sind jedoch gerade im ersten Lockdown viele Therapiesitzungen abgesagt worden“, erklärt Henning Kutzbach. Da es trotz der ausgefallenen Therapiestunden insgesamt keinen Einbruch bei den Therapieminuten gegeben habe, sei der Bedarf nach Psychotherapie in diesem Zeitraum nach wie vor hoch gewesen, vermutet Kutzbach. Problematisch gewesen sei – und ist in der aktuellen Situation der Schulschließungen nach wie vor – dass das Sozialleben, das vielen jungen Menschen in Vereinen, in der Schule oder im privaten Umfeld Rückhalt gegeben hat, empfindlich gestört wurde. Inwieweit sich diese Belastungen auf die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen auswirke, bleibe abzuwarten.

Jugendliche leiden laut Umfrage häufiger unter Pandemie-Maßnahmen

Eine Umfrage der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) unter Kinder- und Jugendpsychotherapeuten über die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen während des zweiten Lockdowns zeigt eine deutliche Zunahme an Therapieanfragen. Aus der Befragung geht hervor, dass „gerade Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren am stärksten von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie betroffen sind“, erklärt Dr. biol. hum. Anette Williamson, niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Demmin und Mitglied der OPK. „Diese Altersgruppe sehen wir nun häufiger in den Praxen. Entwicklungsaufgabe der Jugendlichen ist es, sich von den Eltern zu lösen, mit Gleichaltrigen unterwegs zu sein und sich auszutauschen. In der jetzigen Situation steigt das Konfliktpotential, da Jugendliche wenig außerfamiliäre Freiräume haben. Zusätzlich sind ältere Jugendliche in einer Umbruchphase ihres Lebens, so dass Zukunftsängste derzeit verstärkt vorhanden sind“, so Dr. Williamson weiter. Eine neue Entwicklung sei es außerdem, dass es viele neue Patienten gäbe, die ohne die Eindämmungsmaßnahmen wahrscheinlich keine psychotherapeutische Hilfe gebraucht hätten. „Die emotionalen Belastungen werden deutlich sichtbar in Rückzug, Antriebslosigkeit, Probleme mit dem Tagesrhythmus und gestiegenem Medienkonsum“, so Dr. Williamson abschließend.

Anpassungsstörungen, Depressionen und Angst häufigste Ursachen

Bisher konnten sich laut BARMER Arztreport mehr als 55 Prozent aller im Jahr 2019 begonnenen Richtlinientherapien in Mecklenburg-Vorpommern auf drei immer wieder auftretende Diagnosen zurückführen. Am häufigsten leiden junge Menschen im Land unter Anpassungsstörungen, die für 23 Prozent der Therapien ursächlich waren. Depressionen waren mit 18,4 Prozent sowie Angststörungen mit 14 Prozent ebenfalls häufig Anlass für den Beginn einer Therapie. Dabei ist der Anteil der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit psychotherapeutischer Behandlung im Untersuchungszeitraum unabhängig vom Geschlecht kontinuierlich gestiegen. Jedoch waren es meistens mehr weibliche Betroffene. So waren mehr als 60 Prozent, die 2019 erstmals eine Richtlinientherapie benötigten, Mädchen und junge Frauen. Bei manchen Diagnosen treten sogar extreme Geschlechterpolarisierungen auf. So bildeten Essstörungen im Jahr 2019 den Anlass für 3 Prozent der Richtlinientherapien – die Betroffenen waren zu 95 Prozent weiblich.


Hier finden Sie interaktive Grafiken zum Arztreport. 

Webcode dieser Seite: p016729 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 21.04.2021
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