Nichtärztliche Versorgungsassistenzberufe: VERAH, EVA, NäPA – Wir freuen uns auf ein Kennenlernen!

Vorsorgungsassistenz in der Hausarztpraxis (VERAH), Entlastende Versorgungsassistenz (EVA) und Nichtärztliche Praxisassistenz (NäPA) sind relativ neue Berufsbilder, die im System der medizinischen Versorgung eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Insbesondere in ländlichen Versorgungsregionen, in denen die Versorgungsstruktur Ärzte, medizinisches Personal und Dienstleister besonders herausfordert, übernimmt dieses spezialisiert ausgebildete Personal bereits tragende Funktionen und hohe Verantwortung. Viele reden über NäPAs und VERAHs – wenige kennen einen Menschen, der diesen Beruf tatsächlich ausübt. Wir wollen Ihnen deshalb die Nichtärztliche Praxisassistentin Stephanie Schreiber vorstellen und haben ihr einige Fragen gestellt.

Nichtärztliche Praxisassistenzen übernehmen eine zunehmend wichtige Rolle in der medizinischen Versorgung. Wie erleben Sie Ihren Berufsalltag und die Verantwortung die damit einhergeht derzeit?

Die Verantwortung unserer Berufsausübung als MFA beginnt bereits mit dem ersten Tag unserer Tätigkeitsaufnahme. Mit Blick auf das Gelöbnis einer MFA, das in der Berufsordnung niedergeschrieben ist, zeigt sich von Beginn an, dass das Berufsbild ein hohes Verantwortungsbewusstsein einfordert. Sicher ist es auch richtig, dass im Rahmen der Qualifizierung zur Nichtärztlichen Praxisassistenz (NäPA), der Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH) oder der Entlastenden Versorgungsassistentin (EVA) unser Kompetenz- und Verantwortungsbereich noch einmal erweitert wird. So bekommt der Berufsalltag noch einmal eine entsprechende Aufwertung. Auch kann man eine deutliche Änderung im Patientenkontakt erkennen. Das Vertrauensverhältnis zu den Patienten wird noch enger und uns wird große Dankbarkeit entgegengebracht. Als MFA sind wir schon immer eine wichtige Schnittstelle im Arzt-Patienten-Kontakt. Vielleicht ist es zum Teil auch unbewusst, aber als MFA erfährt man doch einiges über die Sorgen und Nöte der Patienten. Insbesondere bekommen wir einen besseren Einblick in die Lebens- und soziale Umwelt der Patienten.

Sind nichtärztliche Assistenzen die Zukunft der medizinischen Versorgung?

Im Rahmen der delegierbaren ärztlichen Leistungen übernehmen NäPA selbstständig in Delegation Hausbesuche, sowohl bei den Patienten zu Hause, als auch in Alten- und Pflegeheimen. Aber auch hier kann es durchaus vorkommen, dass man entgegen des geplanten Routinebesuchs eine Notfallsituation vorfindet. Als Nichtärztliche PraxisassistentInnen tragen wir zu einer deutlichen Entlastung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte bei, wie auch zu einer qualitativ hochwertigen ambulanten medizinischen Versorgung. Diese betrifft nicht mehr nur den ländlichen Raum, sondern zunehmend auch Großstädte, wo sich zum Teil ebenfalls ein zunehmender Arztmangel im hausärztlichen Bereich abzeichnet. Fakt ist aber auch, dass wir als NäPAs, VERAHs oder EVAs den Hausärztemangel weder aufhalten noch kompensieren können. Für eine effiziente medizinische Versorgung brauchen wir zwingend eine ausgeglichene Waagschale zwischen Ärzten und Assistenzen. Wir haben außerdem die Möglichkeit, ein Aufbaustudium zum Physician Assistant zu absolvieren, um unseren Aufgaben- und Kompetenzbereich weiter auszubauen.

Wie schätzen Sie die Rolle digitaler Technologien und Medien für den Beruf der nichtärztlichen Assistenzen ein?

Aus meiner Sicht kann die Telemedizin sowohl Segen als auch Fluch sein, je nach dem, was man daraus macht oder erwartet. Sicher kann eine telemedizinische Anbindung in bestimmten Situationen durchaus unterstützend wirken. Jedoch sollte man dafür Sorge tragen, dass alle Fehlerquellen im Verhältnis von Mensch und Technik weitgehend beseitigt werden, bevor es zu einem umfassenden Einsatz kommt. Ich bin der Meinung, man sollte eher die menschlichen Fähigkeiten und Sinne schärfen. Denn was nützt mir das beste telemedizinische Gerät, wenn ich nicht kompetent entscheiden kann, wie damit umzugehen ist. Andererseits können telemedizinische Apps zur Überwachung bestimmter Erkrankungen ein Vorteil sein. Zu bedenken ist aber, dass gerade die ältere Bevölkerung längst nicht so technik- und internetaffin ist, wie häufig angenommen wird. Hieraus ergibt sich für die MFA mitunter ein erheblicher und zeitaufwändiger Beratungsbedarf.

Sie engagieren sich im Verband medizinischer Fachberufe, der auch die Interessen nichtärztlicher Assistenzen im Sinne einer Gewerkschaft vertritt. Mit welchen Herausforderungen wird sich das Gesundheitssystem befassen müssen, damit der Beruf in die Zukunft entwickelt wird?

Der Verband medizinischer Fachberufe fordert zum Beispiel schon seit 6 Jahren die Fortbildung zur Nichtärztlichen Praxisassistenz für Zahnmedizinische Fachangestellte. Dies ist auch ein sehr wichtiges Thema und ein dringend benötigter Schritt in die Zukunft. Denn es sollte doch auch berücksichtigt werden, dass sowohl pflegebedürftige Menschen oder auch Menschen mit Behinderungen, ebenfalls zahnmedizinische Versorgungen brauchen. Eine NäPA aus dem zahnmedizinischen Bereich könnte durchaus die Erhebung eines Mundgesundheitsstatus oder Parodontitis­behandlungen selbstständig durchführen. Im humanmedizinischen Bereich wird derzeit die Qualifizierung zur NäPA auf weitere Fachbereiche ausgeweitet, um nicht mehr nur auf den hausärztlichen Bereich beschränkt zu sein. In dieser allgemeinen Entwicklung brauchen wir weiterhin echte Anerkennung für diese Berufsgruppen und ihre Kompetenzen. Bei den Patienten sind die nichtärztlichen AssistentInnen längst angekommen und ihre Hilfe und Unterstützung ist gelebte Realität. Dies muss zukünftig auch in monetärer Sicht stärker sichtbar werden, damit junge Menschen diesen Beruf lernen und davon leben können.

Zur Person:

Portraitfoto

Stephanie Schreiber hat 1999 ihre Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten (MFA) beendet und ist seitdem in diesem Beruf tätig. Seit Januar 2019 trägt sie auch die Zusatzbezeichnung Nichtärztliche Praxisassistentin. Nach ihrer Ausbildung war sie zehn Jahre als MFA in einer allgemeinmedizinischen wie auch internistisch-rheumatologischen Praxis in Bayern als Erstkraft tätig. Seit September 2008 arbeitet sie in einer hausärztlichen Praxis in Kassel mit derzeit vier Ärzten und sechs MFA, in der sie 2014 auch das nichtärztliche Praxismanagement übernommen hat. Sie ist außerdem im Verband medizinischer Fachberufe e.V. tätig. Hier übernimmt sie die Aufgaben der Protokollführerin des Landesvorstands Mitte-Ost und ist ordentliches Prüfungsausschuss­mitglied für Medizinische Fachangestellte. Anfang 2019 wurde sie ferner als stellvertretendes Mitglied in den Berufsbildungsausschuss für MFA berufen.

Webcode dieser Seite: p011691 Autor: BarmerLetzte Aktualisierung am: 28.06.2019
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