BARMER Standort Info für Hessen

Die Themen unserer Ausgabe Nr. 1 im Jahr 2021:

I. Diabetes in Hessen

II. Neue Personalbemessung als Chance für die Pflegebranche

III. Psychische Erkrankungen in der Pandemie

IV. Pandemie wirkt nachteilig auf die Inanspruchnahme der Krebsvorsorge

I. Diabetes in Hessen: Zahl der Betroffenen steigt

Immer mehr Menschen in Hessen leiden unter Diabetes Typ 1 und 2. Waren 2014 noch rund 506.000 Hessinnen und Hessen, also 8,3 Prozent der Bevölkerung, an Diabetes erkrankt, so stieg diese Zahl bis 2019 auf 572.000. Das entspricht 9,1 Prozent der hessischen Bevölkerung und einer Zunahme von 10,2 Prozent. Dies geht aus dem aktuellen Diabetes-Atlas der BARMER hervor. In ausgewählten Städten Hessens zeichnet sich eine insgesamt steigende Tendenz bei den Diabetes-Erkrankungen ab. Aber auch rückläufige Diabetes-Erkrankungen konnten festgestellt werden. So nahm die Zahl der Betroffenen in Fulda zwischen 2014 und 2019 von 9,2 Prozent auf 9,1 Prozent ab. In Gießen blieb der Wert im gleichen Zeitraum immerhin bei 9,1 Prozent stabil. Kassel hingegen verzeichnet einen größeren Rückgang von 9,6 Prozent in 2014 auf 9,2 Prozent in 2019.

Die Diabetesprävalenz in Hessens Städten als tabellarische Darstellung. Wesentliche Infos sind im Text.


Zahl der Erkrankungen steigt in allen Bundesländern, stärkste Zunahme im Saarland und in Hessen

Wie aus der Analyse weiter hervorgeht, tritt Diabetes mellitus verstärkt in den ostdeutschen Bundesländern auf. Die höchsten Prävalenzraten gab es im vergangenen Jahr in Sachsen-Anhalt mit 11,7 Prozent, Sachsen (11,5 Prozent) und Brandenburg (11,3 Prozent). Dagegen diagnostizierten die Ärzte nur bei 7,9 Prozent der Einwohner von Schleswig-Holstein und 8,2 Prozent in Baden-Württemberg die Zuckerkrankheit. Laut den Ergebnissen des Diabetes-Atlas‘ ist der Anteil an Diabetikern zwischen den Jahren 2014 und 2019 bundesweit gestiegen, allem voran im Saarland, in Hamburg und Hessen mit je mehr als zehn Prozent. Die geringsten Zuwächse gab es in Sachsen und Thüringen mit weniger als einem Prozent. Während sich der Anstieg in Hamburg nur zu zwölf Prozent auf den demographischen Wandel zurückführen lässt, war dieser in Sachsen oder Thüringen zu mehr als 80 Prozent für steigende Fallzahlen verantwortlich. Der demographische Wandel ist bei weitem nicht die alleinige die Ursache für immer mehr Diabetiker. Da er regional aber sehr unterschiedlich zu Buche schlägt, bedarf es nun weiterer Untersuchungen in den Bundesländern.

Länderprävalenz in tabellarischer Darstellung. Alle wesentlichen Infos sind im Text enthalten.


Disease Management Programme (DMP) sind strukturierte Behandlungsprogramme für chronisch kranke Menschen. DMPs stützen sich auf Erkenntnisse der evidenzbasierten Medizin und stellen Maßnahmen, Therapien und Unterstützungsleistungen bereit, um Patientinnen und Patienten in ihrer Situation optimal zu unterstützen. Sie stellen eine kontinuierliche Betreuung der Patienten sicher, sorgen für gut abgestimmte und koordinierte Zusammenarbeit von Medizinern und richten Therapien am wissenschaftlich gesicherten medizinischem Wissenstand aus. Ziel der DMPs innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung ist es, den Behandlungsablauf, den Informationsfluss und die Qualität der Versorgung zu optimieren sowie die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu steigern. Innerhalb des DMP Programms arbeiten Ärzte und andere medizinische Fachleute eng und systematisch zusammen. Dadurch können Behandlungsmethoden noch zielgerichteter aufeinander abgestimmt und bessere Ergebnisse und mehr Sicherheit für die Teilnehmenden erzielt werden. In Hessen ist der Anteil der Diabetikerinnen und Diabetiker, die an einem DMP für Diabetes teilnehmen gestiegen. 2014 Betrug der Anteil noch 58,1 Prozent und lag damit deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 63,8 Prozent. Bis 2019 stieg der Anteil auf 63,2 Prozent blieb aber immer noch unter dem Bundesschnitt von nunmehr 68,4 Prozent. Die Gründe für den Anstieg um 5,1 Prozentpunkte liegen nicht ausschließlich im demographischen Wandel begründet. Vielmehr ist auch von einem generellen Anstieg der Diabetes-Erkrankungen auszugehen.




Beim sechsten, digitalen Länderforum der BARMER Hessen und Rheinland-Pfalz/ Saarland wurde über neue Lösungen für den Pflegebereich diskutiert. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage nach verbesserter Pflegequalität und attraktiveren Arbeitsbedingungen.

II. Barmer Länderforum 2020 - Pflege: Qualität durch Personalbemessung

„Ich hoffe, dass das BARMER Länderforum das Netz zwischen den Akteuren in Hessen und Rheinland-Pfalz verdichten kann, so dass gute Ideen Halt finden und in der partnerschaftlichen Diskussion bleiben. Ein Personalbemessungsinstrument allein zeigt nur, was zu tun wäre, eine tatsächliche Umsetzung kann nicht nur über Finanzinstrumente erfolgen. Wir möchten mit diesem Forum deshalb Dialog und Verbindlichkeit für eine bessere Pflege stärken.“

Martin Till, Landeschef der BARMER in Hessen.


Pflege: Qualität durch Personalbemessung

Als die WHO am 24. Mai 2019 das „Internationale Jahr der professionell Pflegenden und Hebammen 2020“ ausrief, war noch nicht klar, dass das kommende Jahr von vielen Pflegenden als annus horribilis empfunden werden würde. Die Corona-Pandemie hat den Druck auf einen angespannten Berufsstand weiter erhöht – die Krise lässt Mängel deutlicher denn je hervortreten. Unter Twitter-Hashtags wie #Pflegenotstand versammeln sich Stimmen, die in der Summe der Reformen nicht mehr die Außenlinien einer Lösung erkennen können und wollen. Personalmangel, als unfair empfundene Löhne und eine uneinheitliche Ausbildungssituation stehen in der Kritik. Nicht alles ist schlecht. Wer aber derzeit von Balkonen klatscht statt nach ganzheitlichen Möglichkeiten zur Verbesserung zu suchen, trägt eben nicht zur Lösung von Problemen bei, die nicht neu sind, aber neue Dringlichkeit erlangt haben. Das Jahr der Pflege mahnt deshalb zum Aufbruch statt zur wohlwollenden Bilanzierung. Um den Diskurs für mehr Qualität in der Pflege zu stärken, widmete sich das sechste, digitale Länderforum der BARMER Landesvertretungen Hessen und Rheinland-Pfalz / Saarland der Frage, ob neue Instrumente zur Personalbemessung die stationäre Vollzeitpflege und Pflege im Krankenhaussektor neu strukturieren können. „Derzeit sind die Vorgaben zur Ausstattung mit Pflegepersonal nicht am Bedarf orientiert. Es sind starre Quoten und Mindestvorgaben, die wissenschaftlich kaum fundiert sind. Die Frage, wie eine gute Pflege definiert ist, ist damit noch nicht hinreichend beantwortet. Vom Länderforum soll das Signal ausgehen, dass das neue Personalbemessungsinstrument einen wichtigen Meilenstein zur weiteren Verbesserung der Situation in der Pflege bildet.“ sagt Dunja Kleis, Landeschefin der BARMER in Rheinland-Pfalz/ Saarland.

Prof. Dr. Heinz Rothgang, Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen, stellt im Rahmen der Veranstaltung Forschungsprojektergebnisse zur Pflegepersonalbemessung vor. Das Podium bilden Kordula Schulz-Asche, pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die GRÜNEN, Herbert Mauel, der Geschäftsführer des bpa, Dr. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz sowie Sabine Strüder, Fachbereichsleiterin Gesundheit und Pflege bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.

Verbindliche Gesamtstrategie für Personalaufbau und Organisationsentwicklung in der Pflege

Das Projekt „Entwicklung und Erprobung eines wissenschaftlich fundierten Verfahrens zur einheitlichen Bemessung des Personalbedarfs in Pflegeeinrichtungen nach qualitativen und quantitativen Maßstäben gemäß §113c SGB XI“ wurde an Prof. Heinz Rothgang und sein Team von der Abteilung Gesundheit, Pflege und Alterssicherung am SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen vergeben. Das Forschungsprojekt wurde mit „PeBeM“ abgekürzt und trägt wesentliche Desiderate bereits im Namen. Wissenschaftlichkeit und Evidenz nach qualitativen und quantitativen Maßstäben sollen in die Personalbemessung in der stationären Langzeitpflege eingeführt werden, die im Moment noch uneinheitlich und defizitär erscheint. Heinz Rothgang stellte im Rahmen des BARMER Länderforums 2020 die Methoden und Ergebnisse des Projekts vor. Grundlage waren gezielte Beobachtungen, sogenannte Beschattungen, von 1380 Pflegebedürftigen in 62 vollstationären und sieben teilstationären Pflegeeinrichtungen zur Bilanzierung von Ist- und Soll-Zuständen. Im Ergebnis wurde festgehalten, welche Abweichungen sich in der Personalmenge, in der Arbeitszeit, im Fachkräfteeinsatz von einem vorher definierten qualitativen Ideal ergeben. Um von dieser Beobachtung verallgemeinernde Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Pflegebedürftigen zu ziehen, entschieden sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Pflegegrade als Klassifikationen zu verwenden und Durchschnittswerte zu bilden. „Die Pflegegrade können einen großen Teil der Varianz im pflegerischen Zeitbedarf tatsächlich erklären. Pflegegrade sind insofern besser als ihr Ruf. Wir haben die Studienteilnehmer zu Pflegegraden zusammengefasst, dann die Durchschnittswerte für einen Pflegegrad gebildet und damit hat man alle Informationen, die man braucht“ erklärt Prof. Heinz Rothgang. Hieraus ergebe sich ein Personalbemessungsinstrument: Aus der Anzahl bestimmter Pflegegrade in einer beliebigen Pflegeeinrichtung und der erhobenen Soll-Ist-Bilanzierung lasse sich zusätzlicher Pflegebedarf in Vollzeitstellen und Qualifikationen ableiten.

Die Anwendung des PeBeM-Instruments, dies führte Prof. Heinz Rothgang aus, zeige einen deutlichen Personalmehrbedarf, aber auch eine klare Tendenz bei der anteiligen Verteilung von Qualifikationen. Bundesweit ergebe sich ein Personalbedarf von rund 100.000 Stellen in der stationären Langzeitpflege. In dieser Personalstruktur richte sich der Fachkräfteanteil nach der einrichtungsspezifischen Zusammensetzung der Pflegegrade. Höhere Pflegegrade erforderten einen erheblich höheren Fachkräfteanteil. In einer bundesdurchschnittlichen Modellpflegeeinrichtung ergebe sich allerdings ein weit überwiegender Anteil von Assistenzkräften, die den examinierten Pflegefachkräften etwa im Verhältnis 60 zu 40 gegenüberstehen. Mit diesem Instrument könne die aktuell einheitliche Fachkraftquote von 50 Prozent durch einrichtungsindividuelle, bedarfsgerechte Personalmengen und Qualifikationsstrukturen abgelöst werden.
Entscheidend, so Rothgang, sei deshalb auch die Organisationsentwicklung bei der Zusammenarbeit. Neudefinitionen der Fachkraftaufgaben seien notwendig und müssten mehr Beaufsichtigung, Evaluation und Delegation von Aufgaben an Assistenzkräfte beinhalten. Pflegekräfte müssten lernen, wieder ohne Hetze zu arbeiten. „Nach Umsetzung der Maßgaben aus dem Personalbemessungsinstrument können gut organisierte Abläufe zwischen Assistenzkräften und Pflegefachkräften die Fachkraftzeit für Fachkrafttätigkeiten um 130 Prozent erhöhen“ ergänzt Heinz Rothgang. Dieser Entwicklung sowie dem allgemeinen Personalmehrbedarf müsse auch in der Pflegeausbildung, insbesondere der Assistenzkräfte, Rechnung getragen werden. Ohne verbindliche Gesamtstrategie, kraftvolle Umsetzung in großen Schritten und neue Kompetenzverteilung könne der Einführungsprozess neuer Personalstrukturen nicht gelingen.

Neue Pflegepersonalstruktur hat das Potential sektorenübergreifend zu wirken

Durch die Podiumsdiskussion führte Stefan Schröder, Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers. Herbert Mauel äußerte sich optimistisch zum Impulsvortrag von Prof. Rothgang. Es habe zwar nie mehr Pflegebedürftige als zum jetzigen Zeitpunkt gegeben, aber auch die Personalausstattung sowie der Ausbildungsstand hätten historische Höchstmarken erreicht. Auch für Mauel steht allerdings fest: „Wir wollen mehr Personal, wir brauchen mehr Personal und wir brauchen für alle Pflegebedürftigen ein verlässliches Angebot.“

MdB Kordula Schulz-Asche sprach den Projektergebnissen hohes Potential zu. Das Projekt entspreche einer seit langem bestehenden politischen Forderung nach wissenschaftlicher Bewertung der Pflegestrukturen. „Ich glaube, das Projekt ist eine sehr gute Grundlage für die bundesgesetzliche Rahmengebung“, ergänzt Schulz-Asche. Es sei notwendig, das gesamte Pflegeausbildungssystem durchzustrukturieren, für Fachkräfte brauche es zukünftig neue Qualifikationsstufen, die veränderte Arbeitswelten auch abbilden. Wichtig sei auch, dass etwaige Mehrkosten nicht von den Pflegebedürftigen allein getragen werden müssen.
Dr. Markus Mai ist überzeugt, dass die komplexen Systeme, die durch neue Personalbemessung entstehen, auch neue Führungskonzepte brauchen. „Pflegefachpersonen müssen in die Führung von Teams gehen“, sagt Mai. Der zusätzliche Koordinationsaufwand werde nicht unerheblich sein und müsse in der Studie reflektiert werden. Denkbar seien sogar freiberufliche Pflegefachkräfte deren Verantwortung in fachlichen Belangen über die Weisungen von Heimleitungen oder Geschäftsführungen hinausgeht.
Sabine Strüder nimmt im Rahmen der Diskussion die Perspektive der Pflegebedürftigen ein. Pflegequalität sei eine Frage der Lebensqualität der Pflegebedürftigen – die Bezugspflege müsse gewährleistet bleiben auch wenn sich der Personalmix in Pflegeeinrichtungen verändert.
Unter den Diskutierenden bestand Einigkeit, dass das beschriebene Personalbemessungsinstrument auch Potential für den Krankenhaussektor hat. Fallpauschalen würden hier pflegerische Leistungen nicht adäquat abbilden, so Kordula Schulz-Asche. Es sei notwendig, auch im Krankenhaus genauer hinzuschauen; auch hier sei Bezugspflege durch neue Formen sektorenübergreifender Zuständigkeit und Zusammenarbeit ein wichtiges Ziel.
Ein „weißer Elefant im Raum“ sei laut Moderator Stefan Schröder die Frage, ob Krankenhausschließungen zu förderlichen Personalkonzentrationen in der Pflege führen können. Dr. Mai sieht hierin keine pauschal geeignete Lösung, plädiert aber für innovative Zwischenlösungen in der Krankenhausstruktur. Herbert Mauel sieht bei den Krankenhäusern im Gegensatz zu Pflegeeinrichtungen keine vergleichbare Auslastung. Bei mangelnder Personalausstattung könne ein Krankenhaus von Patientinnen und Patienten gewechselt werden, bei Pflegeeinrichtungen gebe es bereits Wartelisten. Schulz-Asche ergänzt hier, die Pflegesituation im Krankenhaus lasse sich nicht allein über Finanzinstrumente verbessern. Die Politik müsse zudem beachten, dass die geburtenstarken Jahrgänge zeitnah die Bedarfe im Gesundheitswesen steigen lassen können. Flexiblere, bundeseinheitliche Ausbildungs- und Weiterbildungsstrukturen für die Pflegebranche können hier eine Perspektive bieten.
Konsens unter den Diskutierenden besteht ferner darin, dass die sektorenübergreifende Versorgung von der Frage nach Pflegequalität nicht trennbar sei. Kordula Schulz-Asche fasst die Debatte als pointierten Appell zusammen: „Ich sehe die Pflege, sowohl in der Altenpflege als auch in der Krankenpflege als einen der zentralen Berufe an, der patientenorientiert die Interventionen von Ärztinnen und Ärzten über die Sektorengrenzen des Gesundheitswesens zusammenbringen kann.“

III. Psychische Gesundheit unter Pandemiebedingungen

Die Zahl der psychischen Erkrankungen, die zu einer Arbeitsunfähigkeit führten, stieg während des Lockdowns im März zunächst an. Am 14. März 2020 konnten 38.830 (1,1 Prozent) Erwerbstätige aufgrund einer psychischer Erkrankungen nicht zur Arbeit gehen. Acht Tage später waren bereits über 40.500 Menschen in Hessen wegen psychischer Erkrankungen nicht arbeitsfähig. Dieser Wert sank jedoch rasch ab. Anfang April erreichte er das Vorjahresniveau, Mitte April war mit einem Krankenstand von 0,97 Prozent sogar das niedrigere Level aus dem Jahr 2018 erreicht. Anfang Juli erreichte der Krankenstand aufgrund psychischer Erkrankungen mit 0,89 Prozent einen absoluten Tiefststand.

Keine Trendwende – Befund mahnt zur genauen Beobachtung

Die Analysen aus den letzten Jahren zeigen einen klaren Anstieg: Psychische Erkrankungen führten zunehmend zur Arbeitsunfähigkeit. Der jüngst festgestellte Rückgang der Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen zeigt deshalb keinesfalls notwendig eine Verbesserung dieser gesundheitlichen Situation. Vielmehr ist aufgrund der stetigen Zunahme in den letzten Jahren davon auszugehen, dass veränderte Arbeitswelten und das Pandemiegeschehen den Trend nur zeitweise suspendiert beziehungsweise verändert haben. Eine genaue Beobachtung und evidenzbasierte Analyse der Situation bleibt schon deshalb unerlässlich, da sich unbehandelte psychische Erkrankungen verschlimmern und zu krisenhaften Erfahrungen verdichten können. „Der immense Rückgang bei der Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Leiden kann sicherlich nicht ausschließlich mit plötzlicher Genesung erklärt werden, denn unsere Analysen aus den Vorjahren zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend bei psychischen Erkrankungen. Wichtig ist deshalb, auch unter den Bedingungen der Pandemie und veränderter Arbeitswelten auf die psychische Gesundheit zu achten, damit sie künftig nicht in verschärfter Form die Lebensqualität und die Arbeitswelt einschränkt. Uns allen verlangt die Pandemie viel Resilienz ab, psychische Erkrankungen sollten aber keinesfalls übergangen werden“, sagt Martin Till, Landeschef der BARMER in Hessen.

Diagramm Krankenstand Hessen 1. Halbjahr 2020


 

IV. Corona hat massive Auswirkungen auf die Krebsdiagnosen in Hessen

Während der Corona-Pandemie werden in Hessen weniger Krebserkrankungen diagnostiziert. Dies geht aus einer Analyse der BARMER hervor. Im zweiten Quartal 2020, also im Zeitraum von April bis Juni, lag der Krankenstand aufgrund von Krebserkrankungen in Hessen mehr als 5 Prozent unter dem Vorjahresniveau im gleichen Zeitraum. Im April 2020 lag der Krankenstand bei 0,204 Prozent und weicht damit sogar um mehr als 8 Prozent vom Wert des Vorjahres ab. „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Rückgang an Diagnosen darauf zurückzuführen ist, dass weniger Menschen erkranken. Aus Sorge vor einer Covid-19-Infektion gehen viele Patientinnen und Patienten seltener zur Ärztin oder zum Arzt. Diese Entwicklung ist sehr riskant, da sich insbesondere bei Krebserkrankungen die Heilungs- und Genesungschancen vermindern, wenn die Erkrankung nicht frühzeitig erkannt und behandelt wird“, erläutert Martin Till, Landeschef der BARMER in Hessen.

Inanspruchnahme der Vorsorgeuntersuchungen rückläufig

Zu den häufigsten Krebserkrankungen in Hessen gehören laut Hessischem Krebsregister Darmkrebs und Brustkrebs bei Frauen sowie Prostatakrebs bei Männern. Entsprechende Früherkennungsuntersuchungen gehören zu den Pflichtleistungen der gesetzlichen Krankenkassen, deren Inanspruchnahme ist allerdings während der Pandemie erheblich gesunken. Vergleicht man das jeweils zweite Quartal der Jahre 2019 und 2020, also den Zeitraum vom 1. April bis 30. Juni, so zeigen die Abrechnungsdaten der BARMER bei der Prostatakrebsfrüherkennungsuntersuchung der Männer einen Rückgang von mehr als 15 Prozent. Die Brustkrebsvorsorge der Frauen ging im gleichen Zeitraum unter den BARMER-Versicherten in Hessen um mehr als 13 Prozent zurück – die Inanspruchnahme des Mammographie-Screenings sank sogar um mehr als 23 Prozent.. „Ich empfehle allen, die ihre Krebsvorsorge aus Angst vor einer Infektion oder wegen eingeschränkt geöffneter Arztpraxen verschoben haben, die wichtigen Untersuchungen so bald wie möglich nachzuholen. Keinesfalls sollte hiermit auf das Ende der Pandemie gewartet werden, im Ernstfall könnte dadurch wertvolle Zeit verloren gehen“, appelliert Martin Till.

Webcode dieser Seite: p016425 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 27.01.2021
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