Bröckelnde Kinderzähne: Kreidezähne geben Rätsel auf

„Kreidezähne“ werden sie oft genannt. Der medizinische Begriff dafür lautet „Molaren- Inzisiven-Hypomineralisation“ (MIH). Für betroffene Kinder kann dieses Krankheitsbild bedeuten, dass sie beim Zähneputzen, Essen oder Trinken Schmerzen haben. Und: Die betroffenen Zähne sind anfälliger für Karies. Woher kommt diese Erkrankung und was können Eltern tun, um die Mundgesundheit ihrer Kinder zu schützen?

Mehr als 19.000 Kinder in Hessen betroffen

Es gibt Erkrankungen, die Ärzten und Wissenschaftlern Rätsel aufgeben. Zu diesen Krankheitsbildern zählen die sogenannten „Kreidezähne“, medizinisch „Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH). Die Schmelzbildungsstörung tritt meist an den ersten bleibenden Backenzähnen auf, häufig auch an den bleibenden Frontzähnen. Untersuchungen zeigen: Auch Milchzähne können schon betroffen sein. Die Zähne haben weiße bis gelblich-braune Flecken – je größer und dunkler die verfärbten Stellen sind, desto stärker ist die Mineralisationsstörung.
„Bezogen auf die Mundgesundheit und die Lebensqualität der Kinder ist MIH mittlerweile ein größeres Problem als Karies in der Altersgruppe der 12-Jährigen“, beschreibt Prof.  Dr.  Dr.  Norbert Krämer, Direktor der Poliklinik für Kinderzahnheilkunde, Justus-Liebig-Universität Gießen, die derzeitige Situation. „Wenn bereits Milchzähne von der Erkrankung betroffen sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch die bleibenden Zähne MIH haben, um rund elf Prozent erhöht“, erklärt der Experte.
Martin Till, Landesgeschäftsführer der Barmer Hessen, sagt mit Blick auf den kürzlich veröffentlichten Zahnreport 2020: „Die sogenannten Kreidezähne sind eine besondere Herausforderung für die Zahngesundheit. 2018 waren laut Report fünf Prozent der hessischen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren von MIH betroffen; das sind mehr als 19.800 Personen. Wir appellieren deshalb an Eltern und Erziehende, die vorgesehenen Routineuntersuchungen für Kinder und Jugendliche noch stärker zu nutzen, um frühzeitig Erkrankungen und Entwicklungsstörungen im Zahn-, Mund- und Kieferbereich zu erkennen.“ 

Die Ursachen sind unklar

Eine wesentliche Rolle bei der Entstehung scheinen Weichmacher aus Kunststoffen zu spielen, die mit der Nahrung aufgenommen werden. Auch Probleme während der Schwangerschaft, Infektionskrankheiten, Antibiotikagaben, Einflüsse durch Dioxine und Erkrankungen der oberen Luftwege könnten dazu beitragen. Die Ursachenforschung für die Erkrankung ist jedoch noch lange nicht abgeschlossen. „Zwar wissen wir über die Ursachen für die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) nach wie vor wenig“, sagt Stephan Allroggen, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Hessen. „Was wir aber wissen: Mit frühzeitiger zahnärztlicher Vorsorge können auch ‚Kreidezähne‘ erhalten werden. Umso wichtiger ist es, Eltern frühzeitig über MIH zu informieren und ihnen zu empfehlen, was sie tun können.“
Damit die Mineralisierungsstörung keine „große Unbekannte“ bleibt, ist Forschung dringend erforderlich. Solange die MIH nicht verhindert werden kann, konzentriert sich der Schutz der Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen auf die Aufklärung der Eltern und den Erhalt der betroffenen Zähne. Mit der Mundgesundheit hängen viele soziale Faktoren zusammen: Ist sie schon in einer frühen Lebensphase beeinträchtigt, hat das negative Folgen für die kindliche Entwicklung, den Schulerfolg und das Sozialverhalten. Damit betroffene Kinder unbeschwert aufwachsen, lernen und spielen können, sind ein frühes Erkennen und eine individuelle Behandlungsstrategie für die MIH entscheidend.

Hessen hat gute Wurzeln: Zahngesundheit in Zahlen und Daten

Insgesamt ist die Zahngesundheit in Hessen im Aufwärtstrend. Dies sei jedoch kein Widerspruch zu der Gefahr die von MIH ausgeht. „Die Zahngesundheit ist ungleich verteilt. Eine kleine Gruppe trägt eine große Krankheitslast. Im Jahr 2018 vereinten lediglich zehn Prozent der unter 18-Jährigen 85 Prozent der von der Barmer vergüteten zahnärztlichen Leistungen auf sich. Daraus können wir schlussfolgern, dass es eine Risikogruppe für Zahnerkrankungen gibt, die besonderen Schutz braucht“, erläutert Martin Till.
68,7 Prozent der Hessinnen und Hessen haben im Jahr 2018 zahnärztliche Leistungen in Anspruch genommen. Der Bundesdurchschnitt lag bei 70,8 Prozent und führte zu mittleren Ausgaben von 193,63 Euro pro Bundesbürger. In Hessen lagen die pro Kopf Ausgaben für zahnärztliche Leistungen bei 183,23 Euro. Die meisten Kosten entstanden 2018 bundesweit im Alterssegment zwischen 10 und 14 Jahren. Hier lagen die pro Kopf Ausgaben bei den Jungen bei 325,51 Euro und bei den Mädchen 389,06 Euro. Das erklärt sich aus den kieferorthopädischen Behandlungen, die vor dem 18. Lebensjahr begonnen werden müssen. Bei den unter 20jährigen lagen die mittleren Ausgaben für die Gesamtheit kieferorthopädischer Leistungen in Hessen bei 272,91 Euro im Jahr 2018.
Positiv fällt auf, dass Füllungen und Zahnextraktionen in Hessen rückläufig sind. Während 2010 noch 28 Prozent der hessischen Bevölkerung eine Zahnfüllung erhielten, waren es 2018 nur noch 25,4 Prozent. Bei 9,4 Prozent der Hessen wurde 2010 ein Zahn ganz entfernt; bis 2018 sank dieser Wert auf 8,3. Auch die als unangenehm geltenden Wurzelbehandlungen sind in Hessen rückläufig. 2010 nahmen noch 5,8 Prozent der Hessinnen und Hessen die Leistung in Anspruch, 2018 waren es nur noch 4,8. Im bundesweiten Vergleich zeigt Hessen damit an der Seite von Baden-Württemberg eine gute Wurzelgesundheit. Am häufigsten wurden Wurzelbehandlungen in Sachsen-Anhalt durchgeführt, hier lag die Rate der  Inanspruchnahme bei 6,1 Prozent.

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Webcode dieser Seite: p015600 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 26.08.2020
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