Interview mit Dr. Ralf Moebus: „Wer sich impfen lässt, schützt die Gemeinschaft"

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Der Barmer Arzneimittelreport bildet für Hessen Impfquoten oberhalb des Bundeswertes ab. Dennoch liegen auch in Hessen alle Werte deutlich unter den 95%, die für eine sogenannte Herdenimmunisierung nötig wären. Wie funktioniert dieser Kollektivschutz und wie ist das verbleibende Risiko zu bewerten?

Dr. Moebus: Wenn eine Person sich impfen lässt, schützt das nicht nur diese Person selbst, sondern die durch die Impfung erworbene Immunität ist auch für die Gemeinschaft wertvoll. Eine geimpfte Person kann die Krankheit nicht mehr verbreiten. Besonders wertvoll und wichtig ist es für Diejenigen, die sich gar nicht impfen lassen können, z.B. Babys oder immungeschwächte Menschen. Wenn genügend Menschen geimpft sind, führt der Gemeinschaftsschutz dazu, dass eine Krankheit ausgerottet wird. Das verbleibende Risiko ist in den Gruppen der Gemeinschaft besonders hoch, in denen sich mehrere ungeimpfte Mitglieder bewegen. Bei den hochansteckenden Infektionserkrankungen wie z.B. den Masern ist von nahezu 100%-iger Erkrankung der Ungeimpften nach Kontakt auszugehen. Gerade im ersten Lebensjahr ist von einer entsprechend hohen und schwerwiegenden Komplikationsrate auszugehen.

Die Debatte um eine gesetzlich vorgeschriebene Impfpflicht wird mitunter sehr hitzig geführt. Wie bewerten Sie den derzeitigen Diskurs zum Thema und die Folgen?

Dr. Moebus: Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschland (BVKJ) hat sich bereits vor der derzeitigen Diskussion für eine Impfverpflichtung ausgesprochen. Dennoch sind auch kritische Stimmen zur Verpflichtung zu hören, nicht zuletzt aus der STIKO. Befürchtet wird, dass eine nur auf einzelne Impfungen beschränkte Verpflichtung zur schlechteren Akzeptanz der übrigen Impfungen führen könnte. Die derzeitigen Impfraten sind jedoch nicht geeignet, einen ausreichenden Schutz der Gemeinschaft zu sichern. Blickt man auf die Erfahrungen der Nachbarländer, die eine Impfpflicht wegen unzureichender Impfraten verabschiedeten, besteht berechtigte Hoffnung auf eine Erhöhung der Impfrate. Wünschenswert wäre eine genaue Analyse der Daten nach einem definierten Zeitraum in Bezug auf alle zu diesem Zeitpunkt öffentlich empfohlenen Impfungen. Zur Durchsetzung der Impfpflicht müssen Kombinationsimpfstoffe verwendet werden, Impfstoffe gehören zu den sichersten Arzneimitteln, die uns zur Verfügung stehen. Hier muss der Gesetzgeber in der Formulierung der Impfpflicht für Masern nachbessern und die Impfung mit Kombinationsimpfstoffen gemäß der STIKO-Empfehlungen festlegen.

Die Landesarbeitsgruppe „Impfen“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Impfquoten in Hessen zu erhöhen. Für uns führt auch der politische Weg zu mehr Impfbereitschaft über Gesundheitsbildung. Wie könnte dieses politische Ziel aus Ihrer Sicht erreicht werden?

Dr. Moebus: Die Landesarbeitsgemeinschaft Impfen hat sich in der ersten Sitzung auch dafür ausgesprochen, zielgruppenorientierte und flächendeckende Informationen zu ermöglichen. Hierzu halten wir es für dringend erforderlich ein Impf-Informationssystem auf digitaler Basis zu etablieren, das nicht nur die Informationen zu erfolgten Impfungen enthielte, sondern auch ein Erinnerungssystem ermöglicht. Darüber hinaus wären die Informationen mit persönlichen Besonderheiten wie z.B. chronischen Erkrankungen, Risiken durch Reisen oder Schwangerschaft verknüpft, die eine individuelle Impfentscheidung ermöglichen. Impferinnerungen sollten zusätzlich bundesweit und verpflichtend von den Krankenkassen erfolgen. Die Zielgruppenorientierung im frühen Kindesalter kann nur eine verstärkte Bildungsinitiative in Schulen bedeuten. Der Landesverband Hessen des BVKJ unterstützt eine Initiative zur Einführung einer wöchentlichen Schulstunde „Ernährung, Bewegung, Gesundheit“.


Hintergund: Die Herde bewahrt die Schutzlosen vor Infektionen

Die Impfquoten in Hessen liegen – bei steigender Tendenz – über dem Bundesdurchschnitt. Trotz dieser insgesamt guten Immunisierungsrate haben viele hessische Kinder keinen oder nur unzureichenden Impfschutz. 3,1 Prozent der 2015 in Hessen geborenen Kinder haben in den ersten beiden Lebensjahren überhaupt keine der 13 Impfungen erhalten, die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen werden. 1.700 Kinder waren also gegen risikoreiche Infektionskrankheiten nicht immunisiert. Die Gründe für den mangelnden Impfschutz sind neben fehlenden Erinnerungssystemen auch Vorbehalte, die sich teilweise auf Argumente alternativer Medizinauffassungen stützen. In der kontroversen Debatte um den Impfschutz plädieren wir vor allem für multiperspektivisches Denken, gute Informationen und besonnene Abwägungen.

Selbst die höchsten Durchimpfungsraten bei hessischen Kindern im einschulungsfähigen Alter (Mumps, Masern, Röteln) reichten 2017 nicht aus, um die sogenannte „Herdenimmunität“ zu erreichen, eine Durchimpfungsrate bei der sich Schutz vor Infektionen in der gesellschaftlichen Breite einstellt. Knapp 5 Prozent fehlten um diese magische Schwelle von 95 Prozent zu erreichen. Aber was bedeutet der Begriff, an dem sich auch die Gesundheitspolitik in Hessen mit ihrer Impfstrategie des Landes orientiert

Der Begriff „Herdenimmunität“ bezeichnet in der Epidemologie den Schutz Nicht-geimpfter Menschen durch ein möglichst vollständig immunisiertes Umfeld. Hierdurch wird ein Krankheitserreger zwar nicht vollständig „ausgerottet“ – wie im Fall der Pocken – seine epidemische Ausbreitung wird durch eine Minimierung der Neuinfektionsrate aber verhindert. Ist der größte Teil einer Bevölkerung durch Impfung immun, können Krankheitserreger kaum weitergegeben werden. Auf diese Weise sind wenige nicht-immune Menschen durch die „Herde“ geschützt. Insbesondere Schwangeren und Babys aber auch den Menschen, die aufgrund von Immunerkrankungen, Immunsuppression (z.B. bei Organtransplantationen) oder anderen Vorerkrankungen, nicht geimpft werden können, kommt auf diese Weise Schutz zu. Je größer die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Impfquote und „Herdenimmunität“, desto größer ist das Infektionsrisiko der Schutzlosen.

Der Begriff „Herdenimmunität“ lädt zum Nachdenken ein

Der Begriff „Herdenimmunität“ ist sicherlich streitbar. Er beinhaltet eine biopolitisch mindestens unbehagliche Assoziation der Menschengemeinschaft mit Tieren und er erklärt das Individuum zum anonymen Teil einer Masse. Dennoch hat der Begriff auch etwas zutiefst Soziales. In ihm klingt an, was das Gesundheitssystem im Innersten zusammenhält: Solidarität. Durch die Stärke einer geschlossenen Gemeinschaft entsteht Schutz für alle. Die mitunter sehr kontrovers geführten Debatten um Gesundheitspolitik und Impfungen kann der Begriff sicherlich nicht befrieden. Er kann aber einen wichtigen Umstand markieren: Es ist wichtig, epidemologische Hintergründe von Infektionsschutzgesetzen zunächst zu verstehen. Nur so lässt sich im Administrativen der Gedanke sozialer Versorgung erkennen. Impfquoten erhöhen bedeutet deshalb für uns in erster Linie Gesundheitsbildung fördern.

Webcode dieser Seite: p012531 Autor: Barmer InternetredaktionLetzte Aktualisierung: 29.11.2019
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