5. Länderforum Gesundheit: „Das Klischee vom rückständigen Land muss eine Mahnung zum Umdenken sein“

Wiesbaden, 13. Mai 2019 - „Versorgung ländlicher Regionen…weiter gedacht“ war der Titel des 5. BARMER Länderforums Gesundheit, das in der Handwerkskammer in Wiesbaden stattgefunden hat. Unvermeidlicher Ausgangspunkt der Debatte um Gesundheitsversorgung in ländlichen Räumen war der sich demographisch verschärfende Ärztemangel, sowie Strategien für eine zukunftsorientierte Sicherstellung der Versorgung.

Ländliche Regionen sind nicht weniger wertvoll

Norbert Sudhoff, Landesgeschäftsführer der BARMER Hessen, eröffnete die Veranstaltung vor diesem Hintergrund mit einem mahnenden Appell. Die Wortwahl in der aktuellen Berichterstattung erzeuge ein unverantwortlich negatives Bild ländlicher Regionen, das wahlweise eher an das 17. Jahrhundert oder das australische Outback erinnere. An den Grenzen der hessischen Speckgürtel erwarte uns jedoch keine Provinz; weder in den Köpfen noch im allgemeinen Leben.

 

Mann am Redepult

Das Klischee vom rückständigen Land müsse eine Mahnung zum Umdenken sein: „Die ländlichen Regionen sind nicht weniger wertvoll als urbanere Gebiete und sie tragen auch nicht selbst zu ihren Versorgungsdefiziten bei. Wir dürfen Defizite in der Versorgungsstruktur nicht mit strukturellen Defiziten der Versorgungsregion verwechseln.“ führte Sudhoff aus. Den Willen zum Strukturwandel vorausgesetzt, stünden dem Land Hessen bis 2022 ca. 280 Millionen Euro aus dem Krankenhaus Strukturfonds für die Verbesserung der Versorgungssituation zur Verfügung.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bildeten das volle Spektrum derer ab, die durch Expertise, Entscheidungsbefugnis oder ihren beruflichen Alltag die medizinische Versorgung ländlicher Regionen steuern und gestalten. Staatssekretärin Anne Janz und Prof. Dr. Leonie Sundmacher trugen mit Impulsvorträgen zur Veranstaltung bei.

Hessen ist gut aufgestellt und für die Zukunft gewappnet

 

Staatssekretärin Janz

Anne Janz versprach die Fortsetzung des Hessischen Gesundheitspakts im Plenum der anwesenden Paktpartner. Ländliche Regionen dürften nicht schlecht geredet werden, pflichtete Janz Norbert Sudhoff bei. Die Rede von ländlichen „Entleerungsgebieten“ könne kein Teil von Lösungsstrategien sein. „Es ist wichtig einen fachlichen Blick auf die wirklichen Versorgungsstrukturen zu werfen.“ führte Janz mit Blick auf die Bedarfsplanung aus. Wichtige Steuerungselemente lägen im Bereich der Aus- und Weiterbildung medizinischen Personals, sowie in der Gewinnung von Fachkräften, auch aus dem Ausland. Janz kam zu einem positiven Fazit, das allerdings baldige Konkretisierung erwartbar macht: „Hessen ist gut aufgestellt und für die Zukunft gewappnet!“

Die Bedarfsplanung ist der Chicorée im Gesundheitswesen

 

Leonie Sundmacher

Prof. Dr. Leonie Sundmacher berichtete als Gutachtenbeauftragte des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zur Weiterentwicklung der Bedarfsplanung. Diese sei wie Chicorée, zunehmend bitter und gedeihe im Dunkeln. Mithilfe der statistischen Datengrundlage des Gutachtens zeichnete Sundmacher jedoch ein wesentlich positiveres Bild der Versorgungslage in Hessen, als es dieser sarkastische Befund vermuten ließ. „Über 90 Prozent erreichen den nächsten Hausarzt in unter 5 Minuten.“ Einen direkten Zusammenhang zwischen Versorgungsgrad und Wartezeiten bei Arztbesuchen gäbe es ferner nicht. „Auch in Großstädten mit hoher Versorgungsdichte kommt es zu hohen Wartezeiten.“, so Sundmacher. Sie plädierte für eine umsichtige Beobachtung der Morbidität bei der Bedarfsplanung, die Berücksichtigung signifikanter Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur und eine einheitliche, sektorenübergreifende Bedarfsplanung für das Bundesgebiet.

Gesundheitszentrum Gelstertal: Ressourcen optimal nutzen

Die Podiumsdiskussion bezog auch die konkrete Arbeit in ländlichen Regionen mit ein. Dr. Jan Purr berichtete aus dem Arbeitsalltag des Gesundheitszentrums Gelstertal. Dieses sei organisiert wie ein Wirtschaftsunternehmen und stelle an die Beteiligten auch entsprechende Anforderungen. In dieser Organisationsform gelinge es allerdings, Ressourcen gemeinsam optimal zu nutzen. Leider degradiere die mangelnde Netzabdeckung in ländlichen Regionen manche telemedizinische Lösung zur „Spielerei, die auf dem Land nur Zeit verbraucht“.

 

Blick auf das Podium

Helmut Berscheid ging als Amtsleiter im Eifelkreis Bitburg-Prüm auf die Potentiale eines genossenschaftlichen Ärztebunds für eine zukunftssichere Medizinversorgung der Region ein. Man wolle die Gesundheitsplanung mit den Mobilitäts- und Versorgungsbedürfnissen der Menschen in einer nachhaltigen Stadt- und Gemeindepolitik zusammendenken. „Appelle an die KV Rheinland-Pfalz blieben jedoch ungehört.“, so Berscheid. Dr. Eckard Starke, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, gab sich desillusioniert: In bereits unterversorgte Gebiete werde man junge Ärztekollegen nicht kriegen. Auch Starke sprach sich für sektorenübergreifende Lösungen aus, die insbesondere kommende Generationen von Ärztinnen und Ärzten von bürokratischem Druck und Selbstständigkeitsrisiken entlasten.

Regionale Kooperationsformen fördern

Dunja Kleis, Landesgeschäftsführerin der BARMER Rheinland-Pfalz/Saarland, zog ein aktivierendes Fazit: „Ärzte mit eigener Praxis haben das finanzielle Risiko der Selbstständigkeit und arbeiten mehr als in einem Angestelltenverhältnis üblich. Ärzte sollten deshalb in strukturschwachen Regionen mehr Möglichkeiten für eine Tätigkeit im Angestelltenverhältnis haben. Kassenärztliche Vereinigungen können zum Beispiel bei Bedarf Arztpraxen gründen und Ärzte im Angestelltenverhältnis beschäftigen. Dieses Modell werde schon in verschiedenen Bundesländern praktiziert. Die Angebote richten sich hier vor allem an junge Ärzte, die sich oft nicht sofort selbstständig machen wollen. Eine weitere Möglichkeit bieten regionale Versorgungsverbünde, also Kooperationsgemeinschaften von Arztpraxen, Kliniken und gegebenenfalls weiteren medizinischen Leistungserbringern."

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer formten im Verlauf der Veranstaltung einen zukunftsorientierten Konsens, der sich hoffentlich in Bälde in konkreten Maßnahmen manifestiert. Man wolle eine sachliche Debatte im Plenum aller Paktpartner, ohne Klischees und unpassende Wertungen gegenüber ländlichen Versorgungsregionen. Valide, zeitgemäße Daten müssen die Grundlage für ein sachliches Neu- und Umdenken der Bedarfsplanung sein. Bestehende Ressourcen in monetärer, struktureller und technologischer Form gelte es mit Willen zum Strukturwandel gemeinsam optimal zu nutzen.

Wertungen, die Stadt und Land gegeneinander in Stellung bringen, dürfen sich nicht aus der medizinischen Versorgung ergeben. Auf dem Spiel steht deshalb nicht weniger als der gesellschaftliche Zusammenhalt.

Fotos: FOTOGRAFIE Paul Müller, Wiesbaden

 

Webcode dieser Seite: p011470 Autor: BarmerErstellt am: 09.05.2019 Letzte Aktualisierung am: 09.05.2019
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