Zeit für Menschen mit Mehrfachbehinderung

Das Sengelmann Institut für Medizin und Inklusion (SIMI)  bietet ambulante Diagnostik und Therapie für Menschen mit komplexen Behinderungen. Es ist dem Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf angegliedert, der einzigen Hamburger Klinik mit einem besonderen Versorgungsauftrag für Menschen mit Behinderung.

Wir sprachen mit Dr. Georg Poppele, dem Chefarzt des SIMI.

Neuer Inhalt Herr Dr. Poppele, was genau ist das SIMI?
Das SIMI versteht sich als Ergänzung zum medizinischen Versorgungsangebot der niedergelassenen Ärzte für Patienten, die aufgrund der Art, Schwere oder Komplexität ihrer Behinderung eine besondere Expertise brauchen.

Welches Ziel verfolgt das SIMI?
Ziel des SIMI ist es, Krankheiten rechtzeitig zu erkennen, angemessen zu behandeln und damit ein selbstbestimmtes Leben der Patienten zu fördern.

Worin besteht das Defizit in Hinblick auf eine Behandlung von mehrfach behinderten Menschen bei niedergelassenen Ärzten?
Gerade Menschen mit mehrfacher Behinderung bedürfen einer umfangreichen Behandlung. Aber auch Ärzte haben Ängste, wenn es um den Umgang und die Behandlung dieser Patienten geht. Sie fragen sich, wie sie Menschen mit mehrfacher Behinderung richtig begegnen. Wie sie mit ihnen kommunizieren sollen. Und was sie ggf. falsch machen könnten. Dies ist alles sehr menschlich, denn möglicherweise fehlt ihnen schlicht die Erfahrung, da diese Behandlungen nicht alltäglich sind.

Was können Ärzte tun, wenn sie merken, dass sie an ihre Grenzen stoßen?
Sie können ihre Patienten ins SIMI überweisen, wenn sie aufgrund der Behinderung des Patienten an fachliche Grenzen stoßen. Im SIMI arbeitet ein interdisziplinäres und multiprofessionelles Team zusammen: Es gibt Fachärzte für Innere Medizin, Neurologie, Psychiatrie und (Neuro-)Orthopädie, Pflegekräfte, Psychologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden sowie Fachkräfte aus der Eingliederungshilfe. Gemeinsam konsultieren sie den Patienten, stellen die Diagnosen und erarbeiten Therapieempfehlungen, die von den niedergelassenen Ärzten und Therapeuten umgesetzt werden.

Was ist das Besondere an der Behandlung im SIMI?
Hier wird jeder Mensch so akzeptiert, wie er oder sie ist. Alle Beteiligten arbeiten auf Augenhöhe zusammen. Wobei die Diagnose im SIMI und die weitere Betreuung durch Haus- und Fachärzte wohnortnah erfolgt. Lediglich ein Drittel der Patientinnen und Patienten werden weiter im SIMI betreut, weil die weitere Behandlung kontrolliert werden muss, beispielsweise bei der medikamentösen Behandlung von Spastikern.

Die Behandlung erfolgt im SIMI in den meisten Fällen gemeinsam mit den Betreuern, denn häufig können die Patienten ihre Beschwerden nicht selbst schildern. Die Betreuer sind das Sprachrohr des Patienten, sie kennen ihn, wissen oder können zumindest vermuten, weshalb sich sein Verhalten verändert hat. Deshalb nehmen wir uns im SIMI die Zeit für vertiefende Gespräche.

Mit welchen Problemen haben Sie und Ihre Kollegen zu tun?
Nicht immer liegen medizinische Gründe vor. So können innere Unruhe oder Schlafstörungen bei den Patienten ihre Ursache in der Änderung von Umgebungsbedingungen oder auch Konflikten in der Wohngruppe haben. Viel Erfahrung und einen detektivischen Spürsinn bedarf es, um den nicht immer offensichtlichen Diagnosen auf die Spur zu kommen. So hatten quälende Schmerzen, die als beginnender Darmverschluss vom Hausarzt diagnostiziert wurden, ihre Ursache in einem Reflux, also einem Rückfluss vom Magen in die Speiseröhre. Und ungeklärte Fieberschübe waren bei genauer Untersuchung des Schluckvorgangs die Folge von Entzündungen, die dadurch hervorgerufen wurden, dass immer wieder Nahrung in Luftröhre und Lunge gelangte.

Was bedeutet für Sie Inklusion?
In der Evangelischen Stiftung Alsterdorf verstehen wir unter Inklusion, dass jeder Mensch sein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe wahrnehmen kann. Dazu gehört auch eine auf die Bedürfnisse der Menschen abgestimmte medizinische Versorgung. So heißt es in Artikel 25 der UN-Behindertenrechtskonvention: Jeder Mensch mit Behinderung erhält medizinische Versorgung in der gleichen Bandbreite und Qualität wie alle anderen auch – und darüber hinaus, wenn es für sein Recht auf Teilhabe notwendig ist. Das SIMI ist unser Beitrag dazu.

Wie können sich niedergelassene Ärzte hinsichtlich der medizinischen Betreuung von Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung fortbilden?
Am SIMI gibt es eine spezielle Fortbildungsreihe, in der häufige Symptom-, Problem- und Krankheitskonstellationen vorgestellt und diskutiert werden. Alle Referenten haben langjährige Erfahrung mit Menschen mit Behinderung. Themen sind u. a. Schmerzerkennung und -behandlung, Verhütung, Sexualität, sexualisierte Gewalt, entwicklungspsychologische Aspekte bei der Vermittlung von medizinischen Interventionen und Refluxerkrankungen. 

Darüber hinaus gibt es an der Fortbildungsakademie der Ärztekammer Hamburg strukturierte curriculare Fortbildungen, die von der Fachärztin für Innere Medizin, Susanne Bartsch-Zwemke, und mir gemeinsam geleitet werden.

Ich wünsche mir, dass mehr niedergelassene Ärzte aller Fachrichtungen und Mitarbeitende anderer Gesundheitsberufe das Fortbildungsangebot nutzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das SIMI wurde am 2. April 2015 eröffnet. Seitdem wurden rund 1.150 Menschen mit Behinderung behandelt, mittlerweile sind es 250 Patienten pro Quartal.

Fortbildungsangebot:

www.simi-alsterdorf.de  
(Termine Donnerstags von 19-20:30 Uhr).

www.aerztekammer-hamburg.org/akademieveranstaltungen.html
(Stichwort „Behinderung“ in Suchmaske eingeben; angeboten werden Module, die am Freitag und Samstag stattfinden, jeweils 18 50-Minuten-Einheiten)

Webcode dieser Seite: p009268 Autor: Barmer Erstellt am: 05.04.2018 Letzte Aktualisierung am: 17.04.2018
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