Zehntausende Hamburger betroffen: Wenn der Schmerz den Alltag bestimmt

Volksleiden chronischer Schmerz? Im Arztreport 2016 legt die Barmer GEK auf Basis von Krankenkassendaten erstmals belastbare Zahlen zu diesem Thema vor. Mit ernstem Ergebnis: In Deutschland leiden vier Prozent der Bevölkerung, also etwa 3,25 Millionen Menschen an chronischem Schmerz. Allein in Hamburg sind es rund 54.000 (3 Prozent). "Chronischer Schmerz ist eine eigenständige Erkrankung, die sehr spezifisch behandelt werden muss", erklärt Frank Liedtke, Landesgeschäftsführer der Barmer GEK Hamburg. Patienten mit chronischen Schmerzen sind häufig von einer Vielzahl an Erkrankungen betroffen und sie bekommen bis zu 70 Prozent mehr Arzneimittel verordnet als Gleichaltrige, die nicht unter chronischem Schmerz leiden. Insbesondere bei älteren Schmerzpatienten ist mit Arzneimittelwechselwirkungen zu rechnen. Die Versorgung der Erkrankten habe in den vergangenen Jahren zwar Fortschritte gemacht, sie müsse aber noch deutlich verbessert werden. "Eine durchgängige Versorgungskette und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind absolut notwendig. Dabei soll der Hausarzt eine Lotsenfunktion übernehmen", fordert Frank Liedtke.

Die Zahl der Patienten, die im Krankenhaus mit einer multimodalen Schmerztherapie behandelt wurden, hat sich in den Jahren 2006 bis 2014 mehr als verdoppelt. Damit sind im Jahr 2014 bei rund 61.000 Patienten chronische Schmerzen multimodal therapiert worden (in Hamburg bei gerade einmal 450). Das entspricht jedoch nur einem Fünftel aller Patienten, die potenziell für eine solche Therapie geeignet wären. Die Versorgung mit multimodaler Schmerztherapie sei insbesondere unter Qualitätsgesichtspunkten nicht ausreichend sichergestellt. Liedtke: "Wir unterstützen daher intensiv die Bemühungen seitens der Fachgesellschaften, verbindliche Qualitätskriterien für die multimodale Schmerztherapie im Krankenhaus zu entwickeln."

Neben den Zahlen für das Schwerpunktkapitel beleuchtet der Barmer GEK Arztreport alljährlich auch die Routinedaten der ambulanten Versorgung und fördert dabei interessante Fakten zu Tage:

Frequenz

Knapp 93 Prozent aller Hamburgerinnen und Hamburger sind im Jahr 2014 mindestens einmal bei einem Arzt ambulant behandelt worden, das entspricht dem bundesweiten Durchschnitt. Die Zahl der Behandlungsfälle lag bei knapp 8,8 pro Jahr und Kopf. In Schleswig-Holstein gab es mit 8,2 die wenigsten Behandlungsfälle bundesweit, in Mecklenburg-Vorpommern mit 9,1 die meisten. Alle Behandlungen eines Patienten bei einem Arzt innerhalb eines Quartals werden dabei als ein Behandlungsfall gewertet.

Kosten

Bei den Kosten für ambulante ärztliche Behandlungen liegt Hamburg deutlich an der Spitze: Pro Jahr und Versichertem hat die Barmer GEK in Hamburg in 2014 etwa 602 Euro ausgegeben worden. Das sind gut 15 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt (523 Euro). "Ausschlaggebend könnte sein, dass es in Hamburg ein größeres ambulantes Versorgungsangebot und mehr Spezialisten gibt, die gut erreichbar sind", vermutet Landesgeschäftsführer Liedtke. Die geringsten Kosten verursachten die Versicherten in Brandenburg mit 478 Euro.

Hintergrund Auswertung Chronischer Schmerz

Für die Auswertung der Versichertendaten hatten die Reportautoren vom Aqua-Institut Göttingen die Diagnosen berücksichtigt, mit denen chronische Schmerzen ohne direkten Bezug auf ein Organ dokumentiert werden. Dabei zeigt sich für die zehn Jahre von 2005 bis 2014, dass chronischer Schmerz stetig häufiger diagnostiziert wurde. So waren 2005 erst 1,59 Prozent der Bevölkerung betroffen. Chronische Schmerzen werden in allen Altersgruppen deutlich häufiger bei Frauen dokumentiert, wobei die Zahl der Betroffenen mit dem Alter ansteigt. In der Gruppe der über 80-Jährigen waren im Jahr 2014 etwa 13,2 Prozent betroffen, 143.000 Männer und 444.000 Frauen. Das entsprach Diagnoseraten von 9,3 Prozent bei den Männern und 15,2 Prozent bei den Frauen. Bei den über 90-Jährigen sind etwa zehn Prozent der Männer und knapp 16 Prozent der Frauen betroffen, rund 15.000 Männer und knapp 83.000 Frauen.

Webcode dieser Seite: p004445 Autor: Barmer Erstellt am: 24.02.2016 Letzte Aktualisierung am: 15.12.2016
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